Selfie mit Mütze

Die letzten Tage waren von zwei Sachen geprägt: Dysphorie und Müdigkeit. Die Arbeitstage überstand ich eben so, war gestern tatsächlich sogar froh, dass die Logopädie krankheitsbedingt abgesagt wurde und schlief fast jeden Abend unmittelbar nach der Arbeit ein. Teilweise sogar zusätzlich in der Mittagspause. 

Seltsam genug. Und das Ende vom Lied war, dass ich dann später nicht mehr einschlafen konnte. Klar. Doch das kam dem Umstand zu Gute, dass ich seit Langem endlich mal wieder ein Buch verschlungen habe: „Die Geschichte von Lili Elbe: Ein Mensch wechselt sein Geschlecht

Die Geschichte hinter Lili Elbe, die in „The Danish Girl“ beleuchtet wird. Stark verfälscht und verkürzt, wie mir nach der Lektüre nun klar wurde. Auch wäre Lili meiner Auffassung nach eher als intersexuell einzuordnen, nicht trans. Das geht aus dem Film aber nicht klar hervor. Einige Szenen ergeben vor diesem Hintergrund allerdings mehr Sinn.

Anyway…das Buch ist jedenfalls sehr empfehlenswert und wird am Ende mit ein wenig Geschichte über die medizinische Entwicklung von Transidentität abgerundet. Sehr erhellend! Und wieder einmal wird klar: Nazi-Deutschland hat da einiges zerstört und um Jahrzehnte zurückgeworfen. Traurig.

Das Buch beschäftigte mich sehr, zumal mich Lilis Tagebucheinträge sehr zur Selbstreflexion angeregt haben. In diesem ganzen Gedanken- und Emotionschaos entstand dann auch „Der Staub des Tages„. Ein Text, der wenigen Augenblicken beim Abschminken am Abend Rechnung trägt und einen der düstersten Momente meiner Transition versinnbildlicht.

Dankenswerterweise hilft mir diese Ausdrucksweise sehr. Beim heutigen Therapietermin las ich meinem Therapeuten meine Zeilen vor. Er war beeindruckt und äußerte, den Text in seiner Praxis weitergeben zu wollen – als Zeichen für viele, dass sie nicht allein sind und verstanden werden. Eine schöne Idee. Vielleicht kann ich damit anderen Betroffenen ein klein wenig Unterstützung geben. Schön.

Fortschritte

Auch schön: einige Fortschritte nach der Vornamens- und Personenstandsänderung! Es geht zwar nicht super schnell voran, aber es geht voran. Heute schickte mir die IHK ein aktualisiertes Ausbildungszeugnis. Mit neuem Namen. Und weiblicher Berufsbezeichnung. Das war ein tolles Gefühl, es kribbelte richtig im Bauch. FachinformatikerIN…und direkt habe ich noch was für die Frauenquote in den MINT-Berufen getan. 🙂

IHK Ausbildungszeugnis
#Quotenfrau 😉

Witzigerweise möchte meine ehemalige Uni erst mein originales Zeugnis per Post zurück, bevor sie mir ein neues ausstellen. Sehr mysteriös. Dass die IHK da deutlich flexibler und schneller ist, hätte ich nicht gedacht.

Außerdem kamen heute meine neuen Bankkarten an. Mit richtigem Namen. Auch solche Kleinigkeiten wie die Karte für die Packstation erledigen sich Schritt für Schritt. Netter Nebeneffekt: endlich hat meine Kundenkarte einen Barcode, so dass ich meine Kundennummer nicht mehr manuell auf den siffigen Displays tippen muss.

Neue Pläne

Neben meinem Text besprachen mein Therapeut und ich heute auch den Antrag für meine Bartepilation. Das „große Verfahren“, nach dessen Genehmigung die Beantragung der GaOP und weiterer Maßnahmen eigentlich nur noch Formsache sind. Endlich, endlich ist es soweit!

Kurz rutschte mir das Herz in die Hose, da es aufgrund eines Missverständnisses erst so aussah, als würde ich die zeitlichen Kriterien (6 Monate HRT) nicht erfüllen. Aber das ist ja seit Anfang April erledigt. Also: alles easy. Mein Antragsschreiben ist soweit fertig (in Kürze auch hier als Download zu finden), einzig ein paar medizinische Dokumente fehlen noch. Mein Verlaufsbericht der Hormontherapie, der urologische Befund (beides sollte bald bei mir eintreffen), das Indikationsschreiben durch meinen Therapeuten und die fachärztliche Stellungnahme der begleitenden Ärztin. Und genau an Letzterem hakt es seit Wochen. Ich berichtete.

Und dann? Ab die Post! Ich bin schon ganz hibbelig! Das wird fast noch spannender, als damals den Antrag für die Vornamens- und Personenstandsänderung in den Briefkasten zu werfen. Warum? Weil es hier endlich mal um körperliche Maßnahmen geht. Nicht „nur“ um Buchstaben und Zahlen in irgendwelchen Amtsregistern.

Soweit sind meine Pläne aber nicht neu. Neu ist folgendes:

Ich berichtete im heutigen Termin auch von meinen Problemen mit meinen dünnen Haaren, die mir eine Perücke (oder wie heute eine Mütze) aufzwingen. Daraus – und aus dem Umstand, dass die GaOP noch einige Monate Vorlauf brauchen wird – erwuchs die Idee, nach der Genehmigung der Bartepilation direkt einen Antrag auf Haartransplantation nachzuschieben. Damit könnte ich die Zeit bis zur GaOP super überbrücken und sinnvoll nutzen. Zudem würde es meinen Leidensdruck beim Blick in den Spiegel einfach mal massiv reduzieren. Über diese Option hatte ich bislang in der Form nie nachgedacht, aber es erfüllt mich mit Zuversicht.

Zwar sei ein solcher Antrag in seiner Praxis noch nie gestellt worden, sagte mein Therapeut, aber es wäre definitiv einen Versuch wert. Und da eine Transplantation definitiv nachhaltiger sein, als jährlich neue Perücken zu kaufen, wäre das auch durchaus der Krankenkasse gegenüber zu verargumentieren. Also? Schaue ich mich wohl mal nach Anbietern um und lasse mich beraten.

Was mich weiter an dieser Idee reizt ist der Umstand, dass ich u.a. in einer Transgender-Gruppe bei Facebook häufig Fotos von Transfrauen sehe, die Bilder nach der GaOP im Krankenhaus von sich posten. Buchstäblich keine davon hat dünnes Haar. Das ist sicherlich ein verzerrtes Bild, aber wenn ich daran denke, nach der GaOP als neuer Mensch zu erwachen, dann soll der erste Selfie nicht aussehen, als habe man einer Frau die Haare ausgerissen. You know?!

Ist das Eitelkeit? Vielleicht, ja. Aber ich denke, die habe ich mir verdient. Zum ersten Mal in meinem Leben ist mir mein Körper nicht scheißegal. Und damit auch nicht mein Aussehen. Früher waren mir Klamotten weitgehend egal. Anzüge? Tief verhasst! Loch in der Jeans? Who cares?!

Das geht jetzt gar nicht mehr. Zwar bin ich auch heute keine Perfektionistin, aber ich achte schon wesentlich mehr auf mein Äußeres. Jetzt habe ich sogar Spaß daran, mich hübsch zu machen. Was freue ich mich auf die nächste Hochzeit im Freundeskreis, das vorherige Shopping für ein schönes Kleid…vielleicht noch ein Besuch bei der Kosmetikerin vorher. Beim Friseur. Ich erlaube mir endlich Schritt für Schritt, hübsch auszusehen. Mich als hübsch zu empfinden.

Abschließend noch ein kurzer Hinweis auf die Timeline, die ich früher mal in meiner FAQ zur Transition erstellt habe. Dort wird nun die Haartransplantation Einzug halten. Spannend: nachdem wir heute über diese Option gesprochen haben, passt sie sich wie ein Puzzleteil in meine Zeitplanung ein. Zwischen Bartepilation und GaOP hatte ich gedanklich immer noch eine Lücke, die ich logisch nicht füllen konnte. Doch jetzt hat sich etwas gefügt und ist an seinen Platz gerutscht.

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