MzF Hormonersatztherapie (HET)

Schon einige Male wurde ich gefragt, was eine Hormonersatztherapie im Detail bedeutet, wie sie wirkt und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Daher habe ich euch an dieser Stelle mal einen Überblick zum Thema zusammengestellt.

Um Verwirrungen zu vermeiden, sei an dieser Stelle noch auf verschiedene Synonyme für eine HET hingewiesen. Häufig wird sie auch mit der englischen Abkürzung „HRT“ (hormone replacement therapy) bezeichnet, das entspricht auch meiner Vorliebe, weil es für mich einfach besser klingt. 🙂 Bisweilen liest man auch von „Hormonsubstitution“ oder einfach von „Hormontherapie“.

Auf dieser Seite gehe ich ausschließlich auf die HRT für Mann-zu-Frau (MzF) transidente Personen ein, da ich hier auf Basis eigener Erfahrung und Recherche agieren kann.

Allgemeine Informationen zur HRT

Eine generelle Aussage möchte ich vorweg schicken: jede HRT ist anders und total individuell. Die Intensität der zu erwartenden Wirkungen lassen sich nur bedingt von einem Menschen auf den anderen übertragen, da wir alle genetisch anders veranlagt sind, in einem anderen Alter mit der HRT starten und einen anderen Lebensstil führen. Die weiter unten beschriebenen Effekte treten unterschiedlich schnell und mit unterschiedlicher Intensität ein.

Zudem können sich Hormontherapien von Arzt zu Arzt, von Land zu Land und von Person zu Person unterscheiden. Welche Variante zum Erfolg führt und welche (Neben-)Wirkungen auftreten, ist wiederum sehr individuell. Hier sind einige klassische Varianten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Ausschließliche Gabe von Östrogen (Estradiol / E2), z.B. mittels Gynokadin-Gel
    Auf Testosteronblocker wird hier bewusst verzichtet, um deren teils starke Nebenwirkungen (z.B. Depressionen) zu vermeiden. Dadurch verändert sich der Hormonspiegel etwas langsamer, ist aber allgemein verträglicher. Da das menschliche Gehirn nicht zwischen männlichen und weiblichen Sexualhormonen unterscheidet, kommt es lediglich auf eine entsprechende Sättigung an, um die Neubildung von Testosteron im Körper zu unterdrücken.
  • Gabe von Östrogen zusammen mit Testosteron-Blockern
    Diese Methode ist durchaus weit verbreitet, vor allem auch in den USA. Sie sorgt für einen recht schnellen Abfall der Testosteronwerte und möglicherweise (!) auch zu schnelleren körperlichen Veränderungen. Durch einen schnell sinkenden Testosteronspiegel besteht jedoch das Risiko, zum Beispiel an Depressionen, Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit zu leiden.
  • Zusätzliche Gabe von Progesteron
    Ergänzend zu den oben genannten Varianten wird mit zunehmender Häufigkeit auch noch das Hormon Progesteron verschrieben. Verschiedene Studien deuten auf positive Effekte für die HRT hin. Darunter sind angeblich gesenkte Risiken verschiedener Erkrankungen (z.B. Herzkranzerkrankungen, Thrombosen). Zudem kann (!) Progesteron zu einer Stabilisierung der emotionalen Befindlichkeit beitragen, falls Stimmungsschwankungen durch das Östrogen zu heftig ausfallen. Es wird jedoch auch von gegenteiligen Effekten berichtet. Zusätzlich wird Progesteron nachgesagt, dass es das Brustwachstum im Sinne einer natürlicheren, runderen Form unterstützen kann. Alle Wirkungen sind wie immer sehr individuell und entsprechend vorher ärztlich abzuklären.

Die Einnahme der Hormone und Blocker erfolgt auf unterschiedliche Weise. Für die Hormone gibt es Gele, Tabletten oder Depotspritzen. Als allgemein verträglicher gelten die Gele (z.B. Gynokadin), die auf die Haut aufgetragen werden. Hier passieren die Hormone die Leber nicht und belasten diese daher nicht zusätzlich. Tabletten hingegen sind sehr hoch dosiert, da die Leber ca. 95% des Östrogens abbaut. Da die HRT eine lebenslange Maßnahme ist, belastet das die Leber sehr und ist daher eher nicht zu empfehlen.

Blocker (z.B. Androcur) werde in der Regel in Tablettenform verabreicht und sind entsprechend belastend für den Körper.

Voraussetzungen

Was benötige ich für den Start einer HRT?

Die Voraussetzungen für eine HRT sind vergleichsweise gering. Es bedarf in der Regel zweier Formalien:

  • Indikation des Psychotherapeuten
  • Ärztliches Attest über die F 64.0, Transsexualismus (i.d.R. ausgestellt vom Hausarzt)

Die Indikation erhält man üblicherweise vom transitionsbegleitenden Psychotherapeuten, sobald eine gesicherte Diagnose gestellt werden kann, Kontraindikationen zur F 64.0 ausgeschlossen werden können und es entsprechend angezeigt ist, eine HRT zu initiieren.

Mit beiden Dokumenten marschiert man dann zum Endokrinologen oder Gynäkologen des Vertrauens und erhält nach Absprache das Rezept für die Hormone und bespricht den Ablauf der HRT. Es empfiehlt sich entsprechend trans-erfahrene Ärzt*innen aufzusuchen, das erleichtert vieles.

Üblicherweise ist in der Apotheke je Rezept und Präparat eine Zuzahlung von 5€ erforderlich, die restlichen Kosten trägt die Krankenkasse (mag bei privaten KK's abweichen). Je nach Dosierung halten die Präparate für 2-4 Monate.

In Einzelfällen kann es sein, dass vor Beginn der HRT ein Blutbild mit aktuellem Hormonspiegel gemacht wird, in meinem Fall war das allerdings nicht der Fall. Ich konnte unmittelbar mit der Hormongabe beginnen.

Dosierung der Hormonpräparate

Gel, Tablette oder Spritze?

Die konkrete Dosierung der Hormone ist ärztlich abzuklären. Von Selbstversuchen rate ich strengstens ab! Hormone sind kein Spielzeug!

Generell kann ich persönlich aber empfehlen, mit einer niedrigen Dosierung zu starten (z.B. 2 Hübe Gynokadin pro Tag), damit der Körper die Chance hat, entsprechende Östrogen-Rezeptoren aufzubauen und im Gegenzug Testosteron-Rezeptoren abzubauen. Überflutet man den Körper mit Östrogen durch anfängliche Überdosierung, kann es sogar zum gegenteiligen Effekt kommen.

Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase kann die Dosierung dann in Absprache mit dem betreuenden Arzt erhöht werden. Regelmäßige Hormonchecks per Blutabnahme sind daher notwendig und ratsam (i.d.R. alle 3 Monate).

Bei Risken & Nebenwirkungen...

...fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Allgemein gesprochen, ist eine HRT ein recht massiver Eingriff in das System "Körper" und krempelt innerlich so einiges um. Vieles davon ist natürlich im Rahmen der HRT gewünscht, doch das Ganze birgt eben auch Risiken, über die man sich vor Beginn einer HRT im Klaren sein sollte. Denn vor allem, wenn man geschlechtsangleichende Maßnahmen wie die genitalangleichende OP (GaOP) anstrebt, ist der Körper ein Leben lang auf die Hormongabe von Außen angewiesen, ansonsten drohen Erkrankungen wie zum Beispiel Osteoporose.

Vor folgenden Nebenwirkungen wird besonders gewarnt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Der sinkende Testosteronwert kann zu Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen führen, die sich im Verlauf der HRT aber üblicherweise einstellen.
  • Erhöhtes Thromboserisiko
  • Erhöhtes Brustkrebsrisiko
    Dieser Punkt ist strittig und nicht eindeutig belegt. Einige Studien sprechen von einem höheren Risiko, andere wiederum zeigen, dass sich das Brustkrebsrisiko lediglich dem Durchschnitt der Cisfrauen anpasst. Regelmäßige Kontrollen sind dennoch zu empfehlen.
  • Erhöhtes Osteoporoserisiko
  • Erhöhtes Risiko für Schlaganfälle
  • Unfruchtbarkeit
    Diese Wirkung setzt nicht unmittelbar ein, aber nach einer gewissen Dauer der HRT kommt es zur Unfruchtbarkeit. Hier sollte man sich im Vorfeld die Frage stellen, ob ggf. später noch ein Kinderwunsch besteht. Falls ja, wäre das Einlagern von Sperma in einer Samenbank eine Option.

Spezialfall Progesteron

Was bewirkt es? Was muss ich beachten?

Zunächst einmal - was ist Progesteron eigentlich?

Progesteron ist ein natürlich im Körper vorkommendes Sexualhormon aus der Gruppe der Gestagene. Es reguliert vor allem im Körper der Frau Vorgänge wie den Menstruationszyklus, die Schwangerschaft sowie die Entwicklung des Embryos. (...)
Quelle: Netdoktor

Diese Aussage stimmt üblicherweise natürlich nur für Cisfrauen oder einen bestimmten Teil intersexueller Personen. Dennoch kann die Einnahme von Progesteron durchaus auch positive Effekte auf eine HRT haben, worauf sich mittlerweile in einigen Studien Hinweise finden lassen.

So kann Progesteron zu einer runderen, volleren Brust führen, jedoch hat es keine Auswirkungen auf ein schnelleres oder größeres Wachstum. Die Größe der Brust wird überwiegend durch genetische Prädispositionen bestimmt und fällt bei Transfrauen üblicherweise kleiner aus, als bei Cisfrauen mit ähnlicher Veranlagung. Positiv auswirken soll sich Progesteron zudem auf das durch Östrogen erhöhte Risiko für Herzkranzerkrankungen und das Osteoporerisiko.

Progesteron wirkt zudem psychothrop, kann also eine Wirkung auf die menschliche Psyche haben. Es wird sowohl von stimmungsaufhellenden, aber auch von depressionsfördernden Wirkungen berichtet. In meinem persönlichen Fall geschah ersteres und ich mag es nicht mehr missen, da es mir damit wesentlich besser geht und ich nicht mehr so krassen Stimmungsschwankungen unterliege. Die Wirkung ist jedoch sehr individuell und muss letzten Ende ausprobiert werden.

Es wurde offenbar auch eine leicht abschwächende Wirkung gegenüber dem Östrogen nachgewiesen. Persönlich kann ich das vorsichtig bestätigen, da meine Östrogenwerte nach Beginn der Einnahme von Progesteron um rund 40% einbrachen. Dabei mögen aber auch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Empfehlenswerte ist die Einnahme von Progesteron eine Weile vor dem Schlafengehen, da es etwas müde macht.

Richtwerte für Hormone

Hier eine Übersicht der wichtigsten Hormonwerte, die als Zielkorridor für eine HRT anzunehmen sind. Dabei handelt es sich lediglich um eine Teilmenge, die Originalquelle ist TransX, dort findet Ihr noch mehr Details zum Thema.

Hormon Richtwert (Transfrauen)
Östradiol (E2N) 50-200 pg/ml
Progesteron (PROG) 0,1-1,5 ng/ml
Testosteron (T) 0,1-1 ng/ml

Quelle: TransX

Wirkung der HRT

Hier eine Übersicht über die zu erwartenden Wirkungen einer HRT im zeitlichen Verlauf. Die Originalquelle ist hier wiederum TransX, wo ihr noch weitere Infos zum Thema findet.

Wirkung Beginn Maximal Wirkung
Körperfettverteilung 3-6 Monate 2-5 Jahre
Sinkende Muskelmasse und Kraft 3-6 Monate 1-2 Jahre, dosierungsabhängig
Weichere Haut, weniger Hautfett 3-6 Monate nicht bekannt
Abnahme der Libido 1-3 Monate 1-2 Jahre
Ausbleiben spontaner Erektionen 1-3 Monate 3-6 Monate
Impotenz individuell verschieden individuell verschieden
Brustwachstum 3-6 Monate 2-3 Jahre
Hodenschrumpfung 3-6 Monate 2-3 Jahre
Rückgängige Spermienproduktion individuell verschieden individuell verschieden
Verdünnung und langsameres Wachstum von Gesichts-und Körperbehaarung 3-12 Monate > 3 Jahre
Männliche Glatzenbildung Haarverlust stoppt nach 1-3 Monaten 1-2 Jahre

Wichtig: Die HRT hat entgegen landläufiger Meinung keine oder keine nennenswerte Auswirkung auf den männlichen Bartwuchs und auf die Stimmlage. Der Bart kann permanent nur per Nadelepilation (Elektrolyse) entfernt werden, eine Anpassung der Stimme ist mittels Logopädie und / oder Stimm-OP realisierbar. Bei Frau-zu-Mann Transitionen erfolgt durch die Gabe von Testosteron hingeben ein Stimmbruch und der Bartwuchs wird angeregt.

Weiterführende Links

Falls Ihr noch mehr zum Thema erfahren möchtet, habe ich hier noch einige weitergehende Links zusammengestellt, die mir persönlich sehr weitergeholfen haben, die HRT zu verstehen und einordnen zu können, um dann eine informierte Entscheidung treffen zu können.

"Kleines 1x1 der Hormone" (Gendertreff)
Zum Artikel...
Reddit, respektive verschiedener Subreddits ("Unterkanäle")

Jill Please (Youtube)
Folge zum Thema HRT...
Studien & Artikel zum Thema "Progesteron"

Allgemeine Beschreibung gegengeschlechtlicher Hormontherapie bei Transsexualtität
Zum Artikel (PDF)...
Allgemeine Informationen zu HRT

HRT & Risiken

close

NEWSLETTER

Abonniere und erhalte alle neuen Blogeinträge bequem per eMail in dein Postfach. So verpasst du kein Update mehr.

Ich sende dir keinen Spam! Versprochen. :-)