Und jeden Abend stehe ich vor dem Spiegel,
wische mir den Staub des Tages vom Gesicht.
Blicke dabei in graublaue Augen, müde.
Augenringe, präsentiert von Mascara.
Drücken aus, was tief im Inneren täglich kämpft.
Die dunkle Trauer, beim Blick in den Spiegel.
Beim Blick in ein, vom viel zu lange verschlafenen Leben, gezeichneten Gesicht.
Augen blinzeln in das helle Halogenlicht.
Draußen ist es finster.
Eisblumen auf dem schrägen Dachfenster. 

Augenlider blinzeln aufquellende Tränen weg – wie ein Scheibenwischer.
Das Bild im Spiegel verschwimmt. Wohltuend.
Undeutlich werden die harten Züge, der vom Tage kratzige Bart verliert an Kontrast.
Die hohe Stirn – ist immer noch hoch. Viel zu hoch.
Die Scheibenwischer melden roten Alarm.
Ein Wesen mit verzogener Miene wendet sich ab.
Das kann unmöglich ich sein!

Kühle legt sich auf mein Gesicht, als es Hände mit zart duftender Creme beschenken.
Es kratzt. Das ist falsch. Es soll aufhören zu kratzen!
Ein weiterer Blick in den Spiegel. Ein Schneemensch schaut mich an. Es war mal wieder zu viel.
Gut, so freuen sich Arme und Beine auch darüber.
Es kratzt wieder. Es ist immer noch falsch und es soll immer noch aufhören zu kratzen!

Wie konnte es nur so weit kommen?
Baby, what have I become?!
Was ist aus mir geworden, Kleines?
Wer bin ich überhaupt?
Was bin ich?
Wer war ich?
40 Jahre! Weg. Einfach weg. 

Wann waren eigentlich diese lustigen Pyjama-Parties mit meinen Freundinnen?
Wann spielten wir Mama-Papa-Kind im Kindergarten?
Wann Gummitwist? Hüpfekästchen?
Wann das heimliche Bewundern von tollen Typen?
Wann erschallt endlich der empörte Ruf meiner Mutter: „In diesem Minirock gehst du mir nicht vor die Tür, Fräulein“???

Niemals.
Denn es ist vorbei.
Verpasst.
Geraubt.

Niemals werde ich sein können, wie ich es mir immer gewünscht habe.
Denn etwas hat mir ein X und ein Y aufgezwungen.
Mich dazu gezwungen, meine Stimme zu verlieren.
Etwas hat mich darum beraubt, mich mit meinen Freundinnen über Menstruationsschmerzen zu beklagen.
Etwas hat mich darum beraubt, Leben in mir zu erschaffen.
Und egal wie viele Frauen auf der Straße an mir vorüber gehen,
ich werde mich niemals ganz und vollkommen wie ihr fühlen dürfen.
Denn etwas hat mir ein X und ein Y aufgezwungen.

Und alles was am Ende bleibt ist die Hoffnung.
Und Schreiben.
Und ein Überlebensmotto – neuerdings in mädchenhaften Zügen auf den beschlagenen Spiegel gezaubert:
„Alles wird gut!“

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2 Thoughts to “Der Staub des Tages”

  1. […] angeregt haben. In diesem ganzen Gedanken- und Emotionschaos entstand dann auch „Der Staub des Tages„. Ein Text, dass wenigen Augenblicken beim Abschminken am Abend Rechnung trägt und einen der […]

  2. […] stolz macht: im Vorfeld der Messe hatte mich mein Therapeut gefragt, ob er meinen Text „Der Staub des Tages„, der im April 2021 entstand, auf seinen Flyer drucken dürfe. Ja, klar! Wir hatten in der […]

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