Osterei

Liebes Tagebuch, ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll, denn es brennt mir nichts unter den Nägeln (die nebenbei bemerkt mal wieder einen Besuch im Nagelstudio vertragen könnten). Und doch habe ich das Bedürfnis, einfach drauf los zu schreiben.

Was ist passiert in den letzten knapp 2 Wochen? Ich kann mich schon beinahe nicht mehr daran erinnern. Viele kleine Ereignisse und Begebenheiten. Ich hatte Urlaub. Meine Kinder waren bei mir. Am 5.4. habe ich meinen 6-monatigen Geburtstag gefeiert. 6 Monate Östrogen. Schon. Und doch: erst. Denn aktuell merke ich nicht viel davon. Körperliche Veränderungen scheinen aktuell nicht stattzufinden, das frustriert mich immens. Ich werde wohl warten müssen, denn am 7.4. hatte ich einen 6-Monats-Checkup bei meinem Frauenarzt. Hormonwerte messen, Befindlichkeit checken und den 20€ teuren urologischen Befund erstellen lassen, den ich für den Antrag meiner Bartepilation und aller weiteren Maßnahmen brauche. Und am Ende war es kürzer als bei der Musterung: Hose runter, kurzer Blick, keine Operationen an den Genitalien gehabt, danke sehr. Nun warte ich auf Hormonwerte und meine Papiere.

Auch frustrierend ist die Warterei auf die fachärztliche Stellungnahme – ebenfalls für die Nadelepi benötigt. Die entsprechende Ärztin scheint in Arbeit unterzugehen, besonders schlimm die aktuell anrollende Corona-Impfwelle. So warte ich seit über 2 Monaten auf mein Schreiben. Aber nicht nur ich, auch andere aus meiner Therapiegruppe hängen am selben Fliegenfänger. Das nervt. Und ich nerve die Sprechstundenhilfe. Jede Woche auf’s Neue.

Unterdessen gehen meine Namensumstellungen größtenteils zügig voran. Immerhin. Meine Banken haben den Bescheid des Amtsgerichts akzeptiert und meinen Namen schon umgestellt, Einige Versicherungen auch. Meine Krankenkasse greift erwartungsgemäß in die Kreativkiste und macht aus mir einen Herr Julia und die Online-Seite, auf der man sein Foto für die Versichertenkarte hochladen kann, vermeldet fröhlich: „Besten Dank, sie brauchen kein neues Foto hochladen, wir haben schon eins.“ Nerv!

Unterdessen lässt das Amtsgericht auch noch mit dem endgültigen Beschluss auf sich warten. Seit Tagen rufe ich dort täglich an, ohne jemals meine Sachbearbeiterin an die Strippe zu bekommen. Nerv! Vergangene Woche reichte es mir dann und ich verfasste ein steinzeitliches Fax. Möge es helfen.

Nerv! Nerv! Nerv!

Was sonst so los war? Ich muss gestehen, ich habe mich ein stückweit selbst verloren in der Woche Urlaub. Ich habe zwar nicht an meine Arbeit gedacht, aber das war im Urlaub eigentlich auch noch nie mein Problem. Vielmehr hatte ich mit meinen eigenen Energiereserven zu kämpfen, als meine Kinder hier waren. Ich weiß nicht, was genau los war, aber sie bekamen sich gefühlt alle 10 Minuten wegen Nichtigkeiten in die Haare, so dass eine oder beide beleidigt ins Nachbarzimmer abrauschten. Der Lockdown und strömender Regen machten die Lage jetzt auch nicht unbedingt besser.

Das Ende vom Lied war aber, dass es an mir hing, die demotivierten Kids dazu zu bewegen, sich nicht den ganzen Tag vor einen beliebigen Bildschirm zu klemmen. Entsprechende Kontingente führten zu – du ahnst es schon – richtig mieser Laune. Erst nach ein paar Tagen kam meine Große auf den Trichter, dass es doch viel cooler wäre, wenn wir mal was gemeinsam machen würden. Really?! Halleluja! Was war ich dankbar für diese Unterstützung. Endlich blieb es nicht mehr nur an mir hängen, die beiden Streithähne dazu zu bringen, mal die Nase aus der Tür zu stecken. Das tat gut. Genauso wie vereinzelte Besuche bei meinen Eltern. Tapetenwechsel in diesen vergleichsweise doch eher tristen Osterferien.

Was soll ich noch sagen?! Es gab noch diverse Konflikte, ruhige Einzelgespräche und Versuche, hinter die Fassaden der Ausraster eines Grundschul- und eines präpubertären Kindes zu blicken. Vereinzelt gelang es mir, dass die beiden sich wieder bewusst wurden, dass sie sich eigentlich doch echt lieb hatten…doch das währte bestenfalls eine Nacht. Nerv!

Ob ich mich erholt habe? Nein. Nicht die Bohne. Ich brauche Urlaub!
Ob ich das über meine Kinder so sagen darf? Ja, ich denke schon. Ich liebe sie von Herzen und sie sind die wichtigsten Menschen für mich auf diesem Planeten. Aber sie rauben mir eben manchmal auch den letzten Nerv. Und umgekehrt wahrscheinlich auch. Pubertät ist eben dann, wenn die Eltern beginnen, kompliziert zu werden. Oder so.

Aber was bedeutet das für mich? Meine eigene, zweite Pubertät?
Die ist zwar irgendwie Alltag, aber geriet durch die Ferien komplett aus der Bahn. Stimmtraining blieb aus, alle 5 Minuten hörte ich ein „Papa“, gefolgt von einem „er“ oder „ihm“. Meine Kinder misgendern mich 95% der Zeit, nennen mich aber gleichzeitig manchmal schon Julia. Vor allem die Kleine korrigiert sich bisweilen: „Nicht ‚er‘, das muss doch ’sie‘ heißen. Und Papa ist doch jetzt auch eine Mama!“ Zuckersüß.

„Nein, so nenne ich ihn aber nicht!“, erwidert dann die Große. Und so wenig ich es ihr verdenken kann, so sehr schmerzt es jedes Mal wie ein Tritt in den Bauch. Und so sehr ich versuche, es locker zu nehmen und zu überhören, so sehr merke ich, dass das etwas mit mir macht. Ich kann es nicht benennen, aber es ist in jedem Falle negativ für mich.

Kinder sind eben brutal ehrlich. Und im Grunde feiere ich das. Wir Erwachsenen haben das größtenteils verlernt. Doch manchmal würde ich mir mehr Taktgefühl wünschen, sage aber nichts. „Papa, deine Arme kratzen total“, beschwert sich meine Große, als sie sich abends im Bett auf meinen erst heute Morgen akribisch rasierten und vor Tagen epilierten Arm kuschelt. Autsch. Ja, natürlich tut er das. Mein ganzer verdammter Körper tut das. Nur auf dem Kopf, wo die Haare wachsen sollen, tun sie es nicht! Nein, sie fallen aktuell eher aus! Warum, konnte mir auch mein Arzt nicht sagen.

Wenn ich daran denke, dann nervt das alles nicht nur, es tritt mir immer wieder ins Gesicht. Wie schon angedeutet, habe ich nicht das Gefühl, als würden die Hormone aktuell körperlich etwas ändern und hoffe auf die in Aussicht gestellte Dosiserhöhung von 3 auf 4 Hübe am Tag. Mein Ziel kommt mir noch so unendlich weit weg vor. Wann endlich werde ich diesen Bart los? Wann endlich diese unnötigen Genitalien? Wann darf ich endlich weibliche Konturen haben? Wann natürlich lange und schöne Haare? Wann sieht mein Gesicht endlich auch ohne Tonnen MakeUp feminin aus? Und wann endlich wird meine Stimme nicht mehr maskulin klingen?

Meine Vornamens- und Personenstandsänderung war ein riesiger Schritt, zugegeben. Doch ist es mit erreichten Zielen nun mal so, dass sie schnell an Bedeutung verlieren. Menschliche Psychologie. Doch was viel schlimmer ist: meine Dysphorie habe ich nicht maßgeblich wegen eines Eintrags in einer Amtsdatei. Auch, ja. Aber der viel größere Teil des Leids entsteht durch meinen Körper. Und der ist nackt und nüchtern im Spiegel betrachtet noch fast genauso wie im Juni 2020.

Ich will das so nicht mehr! Ich will endlich Veränderung! Sichtbare Veränderung. Hörbare Veränderung. Wahrnehmbare Veränderung.

Ich geh jetzt schlafen, liebes Tagebuch. Die Arbeit ruft wieder. Und ich würde sie am liebsten überhören, mir einfach die Decke über den Kopf ziehen und am Ende meiner Transition wieder erwachen.

F**k off!

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3 Thoughts to “Osterpause”

  1. Gisela Palummieri

    Wow! Hang in there, Julia, tomorrow is another day.

  2. […] Kurz rutschte mir das Herz in die Hose, da es aufgrund eines Missverständnisses erst so aussah, als würde ich die zeitlichen Kriterien (6 Monate HRT) nicht erfüllen. Aber das ist ja seit Anfang April erledigt. Also: alles easy. Mein Antragsschreiben ist soweit fertig (in Kürze auch hier als Download zu finden), einzig ein paar medizinische Dokumente fehlen noch. Mein Verlaufsbericht der Hormontherapie, der urologische Befund (beides sollte bald bei mir eintreffen), das Indikationsschreiben durch meinen Therapeuten und die fachärztliche Stellungnahme der begleitenden Ärztin. Und genau an Letzterem hakt es seit Wochen. Ich berichtete. […]

  3. […] Ich berichtete ja über die unzufriedenstellende Situation mit der Fachärztin in Bezug auf ihre fehlende Stellungnahmen für die Bartepilation. Mein Therapeut hatte mir neben meinen wöchentlichen Anrufen noch empfohlen, ihr eine eMail zu schreiben. Immer weiter bohren. Diese Aufgabe hatte ich mir für heute auf den Plan ge- und dann umgesetzt. […]

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