Ich bin ja nun schon seit Wochen bestrebt, für mich selbst und die Außenwelt zu einem konsistenten äußeren Auftreten (als ich selbst) zu finden. In dieser Übergangsphase ist das manchmal aber doch mühsamer, als ich es erhofft hatte.

Zunächst einmal: warum das Ganze?

Nun, ich merke schon seit vielen Wochen – und das Gefühl wird kontinuierlich stärker – dass ich in der Rolle des Mannes nicht mehr sein kann und will. Zeitlich wird meine Eigenwahrnehmung als Frau stückweise stärker. So wie es sich anfangs seltsam anfühlte, das erste Mal als Frau vor die Tür zu gehen, wird es zunehmend komisch, als Mann das Haus zu verlassen. Und dennoch gibt es diese Situationen noch. Das macht mich unglücklich, manchmal geht es aktuell aber noch nicht anders.

Diese Inkonsistenz macht mir zu schaffen, denn das Führen dieses Doppellebens, der Wechsel zwischen den äußeren Erscheinungsbildern ist sehr kräftezehrend, erfordert ein hohes Maß an Planung und sorgt zudem für seelisches Leiden, wenn ich mich dann selbst ungeschminkt im Spiegel sehe. Zugegeben: seit Beginn der Hormontherapie ist das etwas einfacher geworden. Zwar gibt es natürlich optisch noch keine Veränderungen, aber allein das Wissen darum, dass mein Lieblingshormon Östrogen durch meine Adern fließt, bringt mir etwas inneren Frieden.

Jedenfalls war heute wieder ein Tag der Inkonsistenz. Unter normalen Umständen wäre ich auch normal vor die Tür gegangen – also als Frau. Und so wäre ich dann auch zu meinem heutigen Termin im Nagelstudio gegangen. Doch ein Umstand veränderte dieses Vorhaben: meine große Tochter hat in den vergangenen Wochen massive Probleme damit, mit mir als Frau umzugehen und braucht einfach noch Zeit, meinem vorgelegten Tempo folgen zu können. Sie war immer ein Papakind und hat dadurch und die eigene anfangenden Pubertät ordentlich daran zu kauen. Ein Thema für sich.

Insofern schloß ich mit meiner Ex-Frau den Kompromiss, dass ich die Kinder bis Ende Oktober nicht als Frau abholen komme, sondern in alt bekannter Form. In der Tat scheint das den Kindern den Übergang zu erleichtern, insofern war diese Entscheidung wohl nicht gänzlich falsch, obwohl es mir selbst damit nicht sonderlich gut ging. Aber da es zeitlich absehbar ist, konnte ich mich darauf einlassen.

Da der Termin im Nagelstudio und das Abholen der Kinder zeitlich nah beieinander lagen, hätte sich ein Schminken und Abschminken nicht sinnvoll realisieren lassen und so entschied ich mich dazu, doch noch einmal in meiner alten Rolle diesen Teil des Tages zu bestreiten. Und genau an der Stelle entstand wieder das Gefühl der Inkonsistenz. Mein Inneres Fühlen als Frau ist schon wesentlich weiter als mein Äußeres. Selbst die bisherigen Alltagsroutinen in weibliche Bahnen zu lenken, dauert noch an und befinden sich noch in der Findungsphase. All das sorgt für Distraktion, ein ungutes, schwer zu beschreibendes Gefühl der fehlenden Echtheit.

Sicher…das ist alles nur eine Frage der Zeit und wird sich Schritt für Schritt umstellen. Dennoch ist die Wahrnehmung dessen in dieser Phase der Transition mit großem Unwohlsein verbunden und stärkt das Verlangen nach innerer und äußerer Integrität. Ein Ende des Rollenwechsels. Ein Ablegen der alten Rolle.

In diesem Punkt kommt mir ein Gedanke in den Sinn, den ich schon häufiger hatte: die Beerdigung meiner alten Identität als ein Akt des Abschieds. Noch ist dieser Punkt nicht gekommen, das merke ich. Nicht zuletzt, weil mein amtlicher Name noch nicht geändert ist. Die alte Identität ist also schon noch ein stückweit Realität, auch wenn mir das nicht gefällt. Ich denke aber, dass mit dem Eingang des Beschlusses der Vornamens- und Personenstandsänderung dieser Zeitpunkt gekommen sein wird.

Meine Wiedergeburt habe ich ja schon mit dem Beginn der Hormontherapie am vergangenen Montag gefeiert, der dazu gehörige „Tod“ folgt dann etwas atypisch eine Weile später.

Status Hormontherapie

Keine besonderen Vorkommnisse – ich hatte heute überwiegen super gute Laune und tanzte sogar zwischendurch auf den neuen Song von Bosse „Der letzte Tanz“. Ein großartiges Tanzlied! Körperlich habe ich wieder ein Jucken an Brust und Armen wahrgenommen, ganz kurz auch eine Art Spannung bzw. Druck in der Brust.

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