Frau sitzt am Abend auf dem Balkon und schaut auf die Siedlung

Nach meinen intensiven Erlebnissen auf Langeoog bot mir die Rückkehr in den Alltag ein kontrastreiches Programm, das mich zurück in unruhige Fahrwasser gerissen hat. Der heutige Text entstand auf meinem Balkon und versucht, diesen Kontrast greifbar zu machen.

Der Sommer liegt über der Stadt. Nicht so, wie die vergangenen Tage. Die waren ein Leben unter einer von Rotlicht bestrahlten Käseglocke.

Heute ist es anders. Die Käseglocke wurde angehoben und die Welt atmet auf.
Mauersegler drehen eine Abendrunde, eine Amsel schimpft, eine andere singt ihr Lied.

Es weht ein seichter Wind, doch sein Rauschen wispert nicht in meinen Ohren. Dort höre ich lediglich leise das Blut im Rhythmus meines Herzschlags rauschen.

Lärmend senken sich die Jalousien in der Nachbarschaft und läuten die hereinbrechende Nacht ein.
Und obgleich die Welt zur Ruhe kommen mag, herrscht so viel Lärm in der Stadt.
Autos sausen durch den Kreisverkehr. Flugzeuge brummen vorbei. Irgendwo schreit jemand – ob aus Lebensfreude oder Ärger vermag ich nicht zu sagen.

Nichts ist so, wie vor ein paar Tagen. Dort, auf meiner Bank. Zusammen mit Epi.

Ich blicke in den Himmel, der milchig-blau die Kulisse überspannt. Einzelne Wolkenfetzen schimmern zart rosa, nur um einen Lidschlag später in ein graublaues Nachtgewand zu schlüpfen.

Selbst der Himmel wirkt hier anders und das Einzige, was mich blendet, ist die viel zu grelle Lampe eines herannahenden Fahrrads.

Vergangen ist der Sonnentag, dort auf meiner Bank. Ewig weit ist das Meer, die Sonne, der Wind und der Sand.
Vergangen das Gefühl von Freiheit, Ruhe und Weite.
Die Käseglocke droht, mich zu erdrücken.

Ich liebe diesen Ort. Und gleichzeitig wurde er zu viel.
Oder bin ich mir zu viel?

Schließlich war ich immer irgendwie zu … irgendwas.

Ich war zu laut.
Ich war zu leise.
Ich war zu verpeilt und zu organisiert.
Ich war zu perfektionistisch und gleichzeitig zu ambitionslos.
Zu sprunghaft.
Ich war kalt und brannte wie Feuer.
Zu schnell, meist aber zu langsam.
Ich war zu sensibel, zu emotional.
Ich habe zu viel geliebt und war am Ende doch zu viel.

Außer auf meiner Bank – da war ich genug.

Erwachsensein ist scheiße.
Die Welt erwartet, dass man die Dinge auf die Reihe bekommt, die uns vor die Füße geworfen werden.
Doch die Wahrheit ist, wir machen das hier alle zum ersten Mal und irren planlos durchs Leben.

Ein Martinshorn dröhnt und reißt mich erschrocken aus meinen umhertreibenden Gedanken.
Ihre freundliche Begleitung in Form retardierter Kapseln hat uns schon vor Stunden verlassen.

Nun haben sie wieder Freigang, ziehen marodierend durch die Synapsen, reißen alte Wunden auf, die vorhin beinahe belanglos waren.

Der Lärm ist in der Stadt.
Und die Stadt ist in mir.

Ein leiser Windhauch streift den Baum nebenan – und bringt mich zurück ans Meer …

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