Fantasie

Heute? Zweifel. Dysphorie. Klartext. Tränen. Und ein ungepackter Koffer.

Heute Mittag wurde ich bei einem dieser kurzen Nachbarschaftsgespräche auf der Straße gefragt, wie es mir ginge. „Sehr gut“, antwortete ich. Ich freue mich auf das kommende Wochenende mit meiner besten Freundin in München und vor allem auf den Kontrolltermin bei Dr. Taskov am Montag.

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Und im Laufe des Abends gesellte sich noch eine weitere hinzu, die mich eben diese Frage stellen lässt: machen wir uns alle etwas vor?

Meiner Wahrnehmung nach sind Trans*Personen – vor allem während der Transition – extrem sensibel. Kleine Fortschritte werden gefeiert. Rückschläge gleichen nicht selten einem Drama. Ich nehme mich da nicht aus. Und ich denke, es ist mehr als natürlich, dass dem so ist. Denn es geht bei allem um nichts Geringeres als unsere Existenz. Wird ein Teil davon (oder alles) während dieser verwundbaren Phase in Zweifel gezogen, ist das im wahrsten Sinne des Wortes existenzbedrohend.  Oder besser: identitätsbedrohend. Was am Ende aber in etwa auf das Gleiche hinausläuft.

Warum ich überhaupt darauf komme, ist ein einziges Wort, das mir heute bei einem Telefonat entgegenschallte. Es war eines dieser Alltagsgespräche. Mein Auto war bei der Inspektion und ich rief an, um mich nach der Fertigstellung zu erkundigen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, da ich solche Telefonate vor allem seit der Transition scheue wie der Teufel das Weihwasser. Ich bemühte mein Erlerntes aus der Logopädie der letzten eineinhalb Jahre und trug mein Anliegen vor, nachdem ich mit einem „Guten Tag, hier ist Julia Kalder“ versucht hatte, meinen Gesprächspartner schon in die richtige Richtung zu lenken. Unerwarteter Weise landete ich bei einem Call Center und mein Gegenüber konnte mir nicht weiterhelfen. Im Gegenteil: er beendete einen seiner Sätze mit „Herr Kalder“ und nach wenigen Augenblicken beendeten wir unser Gespräch. „Herr“. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte mich wirklich angestrengt, feminin zu klingen, mehr als ich es sonst im Alltag tue. Und bekam meine ganzen Mühen postwendend wieder um die Ohren gehauen.

Nun war das nicht das erste Mal und an anderen Tagen hätte ich das möglicherweise wegstecken können. Aber nicht heute. Heute traf mich dieses eine Wort so sehr ins Mark, dass ich auf der Stelle hätte heulen können. Lediglich die Sorge um mein MakeUp hielt mich davon ab. Aber dennoch sitzt der Schmerz noch in mir und wird sich in Kürze wohl Bahn brechen. Nicht zuletzt, weil ein Freund etwas später ziemlichen Klartext mit mir redete.
Wir sehen uns nicht besonders oft, aber zu meinem Geburtstag war er zum Glück zu Besuch. Dennoch schrieb er mir heute, er wolle mir nichts vormachen und seiner Meinung nach habe sich in den 18 Monaten Logopädie kaum etwas geändert. Das war natürlich überhaupt nicht das, was ich hören wollte, aber es entspricht absolut dem, was ich selbst immer und immer wieder über meine Stimme denke. Selbst wenn es manchmal etwas besser klappt. Unterm Strich bin ich aber davon überzeugt, dass er Recht hat.

Doch genau hier ergibt sich die Diskrepanz, die zum Titel dieses Artikels führte. Ich – und eigentlich alle Trans*Personen, die ich kenne – erfahren durch ihr Umfeld ein unglaublich großartiges Maß an Unterstützung. Wir loben uns auch gegenseitig für jeden kleinen Fortschritt. Manchmal über den Klee. Negatives wird gerne mal unter den Tisch fallen gelassen. Niemand würde offen auf die Frage, ob das Passing gut ist, antworten, dass die betreffende Person eigentlich noch total männlich oder weiblich ausschaut. Stattdessen legen wir den Fokus auf die Fortschritte. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, doch just heute kommt es mir verlogen vor. Natürlich möchte man das Gegenüber nicht verletzten und ganz ehrlich…wenn mir jemand ehrlich sagen würde, dass mein Passing nach all meinen Mühen und all der Zeit Mist ist, würde mich das vermutlich in eine Depression oder Schlimmeres stürzen. Es ist also Fingerspitzengefühl gefragt. Aber manchmal komme ich mir selbst vor wie ein rohes Ei, dass bei der kleinsten Kritik in Bezug auf meine Weiblichkeit zerbricht.

Das kann es doch irgendwie nicht sein, oder?
Aber was stellen wir – stelle ich – nun damit an? Es ist ja sicherlich auch nicht so, dass uns alle Menschen permanent anlügen, nur um uns nicht zu verletzen. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Obgleich eine so deutliche Aussage wie heute da schon gewisse Zweifel aufkommen lässt.

Jedenfalls hocke ich jetzt hier zwischen einem halb gepackten Koffer und unausgespülter Perücke und fühle mich, als würde ich mir selbst etwas vormachen. Nicht mit der Transition selbst, aber mit dem Glauben daran, meine Stimme und mein Äußeres jemals so gestalten zu können, dass eben niemand im Alltag mehr der Versuchung erliegt, mich zu misgendern.

Vielleicht ist das total unrealistisch und ich werde mich den Rest meines Lebens für meine Stimme hassen.
Mache ich mir da etwas vor?! Ich weiß es nicht.

Von der von mir sonst propagierten starken Frau ist jedenfalls gerade nicht viel zu sehen.
Vielmehr hockt hier ein verstörtes Wesen, das nicht weiß, was es eigentlich ist und wo es hin soll.

Sowas nennt man dann wohl einen klassischen Rückschritt und eine ordentliche Ladung Dysphorie in allen möglichen Ausprägungen.

Ich geh dann mal weiter meinen Koffer packen…ich hoffe, München bringt etwas Zerstreuung.

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One Thought to “Machen wir uns alle etwas vor?”

  1. […] hörbarer Unterschied wahrnehmbar ist. Dass mein Ziel aber dennoch nicht erreicht ist, zeigte ja der Vorfall mit dem Autohaus vor zwei Wochen. Aber dennoch…ich war gespannt darauf, wie die zuletzt begonnenen […]

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