We are blessed

Seit Tagen spukt mir die Idee durch den Kopf, die vielschichtigen Erlebnisse der vergangenen Woche hier festzuhalten. Allein die richtigen Worte fehlten mir. Sehen wir diese Zeilen als Versuch, diese seltsame Schreibblockade zu lösen.

Schweigen auf diesen Seiten kann natürlich eine Bedeutung haben. Muss es aber nicht. In diesem Fall liegt es jedenfalls definitiv nicht daran, dass nichts passiert wäre. Ganz im Gegenteil! Haben diese Dinge mit meiner Transition zu tun? Ja, auch. Und daher darf dieser Teil hier auch Einzug halten.

Morgen ist eine Woche seit einem Treffen vergangen, dass mich noch immer tief bewegt. Über den größten Teil des Abends möchte ich hier weiterhin schweigen, weil er mir so nah geht. Aber den Anlass des Treffens mag ich näher darlegen, da es in letzter Konsequenz der Schlüssel zu einem lange gehegten Traum darstellen könnte.

Ich berichtete ja vor einiger Zeit von einem Kindheits-/Jugendtraum. Einem Tagtraum, um präziser zu sein. Er begleitete mich buchstäblich über Jahre, mit nur minimalen Veränderungen. Die Kernhandlung war immer die „magische Verwandlung“ vom Jungen zum Mädchen. Die Bilder sind noch immer, nein, wieder sehr präsent, als wäre es gestern gewesen. Bis vor einer Woche war dieser Traum jedoch lediglich ein tiefgreifender Ausdruck dessen, was schon immer in mir war. Ich ging jedoch nie davon aus, diesen Traum in dieser oder ähnlicher Form seelisch verarbeiten zu können, bzw. real werden zu lassen. Naja, real natürlich schon, im Sinne der Transition. Aber eben nicht so, wie geträumt.
Denn der Traum hatte einige Phasen und Schichten, zeitgerafft. Das ist mir aber erst in der vergangenen Woche, nach meinem Treffen, klargeworden.

Also. Was für ein Treffen war das denn jetzt?!

Über eine Bekannte stehe ich seit Kurzem mit einer tollen Künstlerin aus der Nähe in Kontakt. Sie beschäftigte sich unter anderem schon in früheren Projekten mit der Weiblichkeit im Mann. Das nächste Projekt befasst sich nun aber explizit mit Transgender, sozusagen eine Art „Steigerung“ des Vorherigen. Da schon der grobe Rahmen dessen sehr spannend klang und mir die quirlige, lebensfrohe Frau auf Anhieb sympathisch war, vereinbarten wir ein Treffen zum Quatschen über eben jenes Projekt und meine eventuelle Teilnahme.

Nun, um es abzukürzen: oben genannter Traum trifft Kunstprojekt.
Ich weiß noch nicht genau, wie das Ergebnis am Ende aussehen wird. Welche Form es haben, welche Aussagen es tätigen wird. Aber ich habe einige Ideen. Und die fühlen sich so sehr nach „JAAA“ an, weil sie symbolisch wie auch in Teilen real meinen Traum Wirklichkeit werden lassen können. Das ist tiefgreifendes Zeug, grenzt fast an Traumaarbeit. Nur dass es kein Trauma ist, sondern ein Traum. Traumarbeit, sozusagen. Oh wei…schlechte Wortkunststückchen schon am Montag.

Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten, denn das Projekt fühlt sich an wie ein zartes Pflänzchen, das bei allzu viel Aufmerksamkeit zertreten werden könnte. Ich bin jedenfalls total aufgeregt, tief bewegt und dankbar, überhaupt diese Möglichkeit erhalten zu haben. Näheres also später…

Vom Abschied und Zugehörigkeit

„We’re blessed!“ Wir sind gesegnet.

Diese Worte hörte ich in den letzten Tagen immer wieder. Und ich empfinde genauso. Ganz besonders in meiner aktuellen Situation. Nicht unbedingt, weil ich trans bin. Obgleich selbst das eine Erfahrung ist, die wahrhaftig nur die wenigsten erleben dürfen. Kind of a blessing. Viel mehr geht es um Familie. Die überwältigende Erkenntnis, dass ich allenthalben geliebt und angenommen werde, so wie ich bin. Und ein Zusammenhalt, den ich nach vielen traurigen Jahren in meinem Leben schon fast vergessen hatte.

Anlass für all das war ein Trauriger: wir mussten einen geliebten Menschen von uns gehen lassen, uns verabschieden. In Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. In Erinnerung an lebensfrohe Momente, manch lustige Anekdoten und in Gedanken an die funkelnden Spuren, die dieser Mensch in unseren Herzen hinterließ.

Doch so traurig dieser Anlass auch war: er gebar wunderbare Momente. Menschen aus der ganzen Welt kamen an einem Ort zusammen, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Und natürlich auch noch einige Tage gemeinsam zu verbringen, ja selbst eine spätere Geburtstagsfeier gemeinsam zu begehen. Hm. Zurückblickend ein bemerkenswerter Gegensatz: Leben und Tod so dicht beisammen. Eng verbunden. Durch was? Hm. Liebe, möchte ich sagen.

Ja, Liebe ist das Wort. In dieser Woche habe ich so wahnsinnig viel Liebe gesehen und erfahren. Zusammenhalt und Vertrautheit zwischen Menschen, die sonst im Alltag etliche tausend Kilometer voneinander getrennt sind. Das ist nicht selbstverständlich. We’re blessed.

Lasst mich den Bogen wieder zur Transition spannen, ich werde sonst allzu emotional.
Ich hatte mir im Vorfeld nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht, wie die Menschen, die mich nur in der Rolle des Mannes kennen, bei unseren Begegnungen auf mich reagieren würden, dafür ist die Transition schon zu sehr Alltag für mich geworden. Im Nachhinein bin ich über diese Reaktionen aber dennoch sprachlos, im positiven Sinne. Wie ich sagte: so viel Liebe, Unterstützung und Interesse. Gebündelt in wenigen Tagen. Ja, das hat mich tief bewegt und tut es vor allem jetzt gerade, wo alles ein wenig hat sacken können.

Kein kritisches Wort. Kein einziges. Nur Zuspruch. Respektbekundungen. Glückwünsche. You name it.
Und einfach nur: ein normaler Umgang miteinander. Als wäre die Rolle der Frau schon immer die meine gewesen.
Auch das ist alles andere als selbstverständlich. Ich bin sooo dankbar dafür!

Mit Rückschau auf das vergangene Jahr beeindruckte mich vor allem die Reaktion von zwei kleineren Kindern auf mich. Sie hatten bemerkt, dass ich nicht ins klassische Frauenbild passe. Woran sie das festmachten, weiß ich nicht, aber ich tippe mal schwer auf Stimme und Gesichtszüge. Jedenfalls bekam ich die Möglichkeit, den beiden ihre Frage zu beantworten, ob ich denn nun Mann oder Frau sei. Ihr Wissensdurst war recht schnell gestillt und das Thema damit komplett erledigt. Von dort an war klar: das ist Julia. Julia ist eine Frau, wurde aber im Körper eines Mannes geboren. Fertig.

Ich bin noch immer sprachlos ob dieser Selbstverständlichkeit, mit der diese Tatsache hingenommen wurde! Genau so sollte es sein! Und es macht mich traurig und wütend, wie schwer sich viele Menschen mit uns Transgendern tun. Wie ignorant, feindselig sie gar sein können. Schaut euch die Kiddies an! Da erblüht mein Herz vor Freude und Rührung.

Eine Frage drängt sich mir auf:
Warum lief es in diesem Fall so einfach und mit meinen eigenen Kindern so schwer?

Sicherlich macht es einen großen Unterschied, wie nah man sich gegenseitig steht. Zu meinen eigenen Kindern ist die Bindung natürlich größer. Meine Kinder sind auch ein ganzes Stück älter, also doch schon deutlich „eingeschliffener“, was gesellschaftliche Normen und Stereotypen anbelangt. Das Umfeld spielt sicherlich auch noch eine große Rolle. Und, und, und…

Well, am Ende ist es vielleicht dann doch unerheblich?! Ich bin lediglich dankbar, dass es mit den Kleinen kam, wie es kam.
Und nur wenig später blühte mein Herz erneut auf, als ich sinngemäß folgende Nachricht meiner älteren Tochter auf mein Handy bekam: sie würde mich sehr vermissen, wäre gerne bei mir und würde sich immer sehr freuen, zu mir zu kommen. Vor allem wegen mir.

Wir erinnern uns. Meine ältere Tochter, die vor nicht allzu langer Zeit „kategorisch ablehnte“, mit mir zur Hochzeit und überhaupt mit mir in die Öffentlichkeit zu gehen. Es fällt mir schwer, meine Rührung, Erleichterung und Liebe ob dieser Nachricht in Worte zu fassen. We’re blessed.

Am Rande sei angemerkt, dass dieser Tage bereits die nächste Hochzeitseinladung in den Briefkasten segelte und meine Tochter durchaus motiviert zustimmte, gemeinsam dort hin zu gehen. Wow… #Vorfreude

Durchatmen

Ach, es geschah noch so unglaublich viel mehr in dieser Woche! Vorbei ist die Schreibblockade. Es fließen die Worte. Und auch die Tränen. Und erst recht die Dankbarkeit.

Um langsam zu einem Ende zu kommen, möchte ich den Bogen zwischen Kunstprojekt und den familiären Ereignissen schlagen:

Es sei dann doch so viel verraten, dass es in dem Projekt unter anderem um die rituelle und quasi offizielle Aufnahme in die Frauenwelt geht. Das Ankommen, so zu sagen. Hier schließt sich der Kreis, denn genau diese Aufnahme und das Gefühl von Zugehörigkeit durfte ich in der vergangenen Woche so stark spüren, wie selten bis nie in meinem Leben. Begonnen mit der (meist) korrekten Ansprache und korrekten Pronomen. Weiter über Gespräche, die nur Frauen untereinander führen. Bis hin zum Angebot, aussortierte Kleidung durchzuschauen und meinen Fundus damit zu erweitern. Und noch so viel mehr.

Ihr glaubt gar nicht, wie nah mir all das geht. Wie viel mir das bedeutet.

Es mögen für andere Menschen Banalitäten sein.
Für mich bedeuten sie die Welt.

I’m blessed!
I love you, folks!

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