Spätes Coming Out & jugendliche Fantasien

Blume

Spannende Erfahrung. Heute durfte ich mich nach über einem Jahr nochmal outen. Und es war? Vollkommen unaufgeregt!
Außerdem habe ich ein paar organisatorische Schritte vor der Brust, die ein neues Kapitel in meiner Transition einläuten werden. 

Wie schon gesagt: es war vollkommen unaufgeregt. Aber gleichzeitig auch irgendwie schön.

Ich rede von einem Arztbesuch. Beim Zahnarzt, um genau zu sein. Corona-bedingt war ich eine Weile nicht dort, insofern hatte die Praxis noch nichts von meiner Transition mitbekommen. Insofern musste ich mich im ersten Schritt bei der Sprechstundenhilfe outen, damit meine Daten im System umgestellt werden konnten. Das verlief allerdings bemerkenswert einfach und erfreulich. Erst, als ich meinen alten und neuen Namen in Kombination erwähnte, ging der Dame sichtlich ein Licht auf. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich vorher innerlich gemisgendert hatte. Yey! Passing? Kann ich! 😉
Um sicher zu gehen, fragte sie dann aber doch nochmal nach: „Welches Geschlecht trage ich denn dann jetzt hier ein?

Mein Zahnarzt war noch eine Ecke cooler. Er betrat den Raum, wir machten den Ellbogengruß. Er stellte sich vor mich, hielt kurz inne und musterte mich: „Es gibt große Neuigkeiten„, stellte er mit leicht fragendem Unterton in seiner (durchaus sexy klingenden) sonoren Stimme fest. „Es gibt große Neuigkeiten„, bestätigte ich lachend. Ein bedeutungsschwangeres „Das darf auch so sein“ schob er nach. „Das darf auch so sein„, bekräftigte ich mit fester Stimme. Damit war das Thema erledigt und wir wandten uns dem Grund meines Besuchs zu.

Wenn ich so drüber nachdenke, begeistert mich die Schlichtheit des Augenblicks. Diese Kombination aus unausgesprochenen und dennoch präsenten Botschaften zwischen den Zeilen. Ein komplexes Gebilde aus gegenseitigem Respekt, Anerkennung, Wertschätzung und stiller Zustimmung. Verpackt in zwei mal zwei Sätze. Das damit einher gehende Gefühl ist schwer in Worte zu fassen. Am ehesten würde ich es als „warm“ und „geborgen“ beschreiben.

Randnotiz: Ich wurde schon häufig (mit meiner Zustimmung) gefragt, ob sich meine sexuelle Orientierung durch die Transition verändert hat. Das Thema ist sicherlich mal einen eigenen Blogeintrag wert, daher an dieser Stelle nur so viel: sollte ich mich jemals dafür entscheiden, eine Beziehung mit einem Mann eingehen zu wollen, dann würde ich vom Typ her jemanden wie meinen Zahnarzt wählen. „Warm“ und „geborgen“. 😉 

Es bleibt am Ende festzuhalten, dass das heute das entspannteste und besonderste Coming Out war, das ich in den gut 15 Monaten hatte. Wunderbar erfrischend.

Ein neues Kapitel

Die vergangenen Wochen waren stark vom Alltag geprägt, von wenigen Highlights abgesehen. Die Transition plätscherte so vor sich hin. HRT, Nadelepilation, Therapietermine. Das Übliche. Wie ein Fluss, der nach einem Wasserfall wieder zur Ruhe kommt und still dahin fließt. Das tat auch wirklich mal gut, muss ich gestehen.  Es gab mir Zeit, einige Themen nochmal zu durchdenken und zu besprechen (siehe meine Beiträge zur GaOP, Narkose usw). So langsam freue ich mich aber darauf, dass es weiter geht. Auf ein paar Unterlagen für die Beantragung der Kostenübernahme der GaOP warte ich noch und öffne täglich gespannt den Briefkasten. Denn am 05. Oktober habe ich Geburtstag und damit erfüllt sich das letzte fehlende Kriterium für die Beantragung: 12 Monate HRT! Mein 1. (echter) Geburtstag.

Was das bedeutet?

Zum Einen, dass ich mich wirklich frage, wo die Zeit hin ist. Zurückblickend ist das Jahr wie im Flug vergangen.
Zum Anderen, dass mein Antrag für die Kostenübernahme mehr oder minder zeitgleich in die Post gehen wird. Nehme ich die Beantragung der Bartepilation als Referenz, kann ich wohl mit einer Genehmigung gegen Ende Oktober rechnen. Mit Schwierigkeiten rechne ich offen gestanden nicht, zumal das „große Verfahren“ mit Genehmigung der Bartepilation schon abgeschlossen ist. Mit Eingang der Kostenübernahme für die GaOP werde ich meinen Operateur entsprechend informieren. Ab diesem Zeitpunkt tickt die Uhr für mich. Ich werde meinen OP-Termin bekommen und falls spontan jemand abspringt, kann es auch recht schnell gehen. Wie ich schon früher schrieb, besteht eine gewisse Chance, noch dieses Jahr einen OP-Termin zu bekommen. Und wie ich mittlerweile bei uns in der Gruppe gelernt habe, kann das manchmal mit einer Vorlaufzeit von gerade einmal 2 bis 3 Wochen passieren.

Es ist schon krass. Vor einer ähnlichen Situation stand ich vor einem halben Jahr, doch da ging es „nur“ um die Bartepilation. Nach einer langen Wartezeit, bis der Antrag zur Post gebracht werden konnte, ging es dann plötzlich ganz flott und wenige Augenblicke später ist all das schon Bestandteil meines Alltags. Nun liege ich nach einem langen Arbeitstag auf meinem Bett und zittere am ganzen Leib. Es ist ausgesprochen kühl hier, draußen bricht der Herbst an und hier drin ist die Heizung noch aus. Gleichzeitig erfasst mich eine gewisse (positive) Aufregung, die sich ihren Weg nach außen bahnt.

Hm. Da kommt mir eine Erinnerung in den Sinn:
Als Kind / Teenager hatte ich über Jahre die Fantasie, ich würde auf einer Insel stranden, auf der aus nicht näher beschriebenen und ohnehin unbedeutenden Gründen nur Frauen lebten und leben durften. Ich wurde von den Einwohnerinnen aufgegriffen und es war schnell klar, dass dieser Körper hier keine Zukunft hätte. In einem groß gefeierten Ritual und mit einer Art Magie wurde mein männlicher Körper in eine Frau verwandelt.
Ende der Geschichte.
Happy End.

Heute muss ich über diese Fantasie ein wenig schmunzeln, da sie einerseits recht naiv und verträumt ist, andererseits aber in komprimierter Form darstellt, was schon immer in mir lebendig war. Damals wäre ich im Leben nicht auf die Idee gekommen, dass Menschen eine medizinische Transition vornehmen können. Geschweige denn, dass ich irgendwann mal diesen Weg beschreiten und wie lange er tatsächlich dauern würde. Aus heutiger Perspektive ist das Ganze natürlich nicht mehr ganz so magisch wie damals und leider auch lange nicht so schnell und einfach. Aber es ist machbar. Ich bin auf meiner Insel angekommen und die magische Metamorphose hat vor 12 Monaten begonnen.

Alles was nun noch folgt, sind weitere Episoden dieses wunderbaren Rituals.
Bis zum Happy End.

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One Thought to “Spätes Coming Out & jugendliche Fantasien”

  1. […] Ich berichtete ja vor einiger Zeit von einem Kindheits-/Jugendtraum. Einem Tagtraum, um präziser zu sein. Er begleitete mich buchstäblich über Jahre, mit nur minimalen Veränderungen. Die Kernhandlung war immer die „magische Verwandlung“ vom Jungen zum Mädchen. Die Bilder sind noch immer, nein, wieder sehr präsent, als wäre es gestern gewesen. Bis vor einer Woche war dieser Traum jedoch lediglich ein tiefgreifender Ausdruck dessen, was schon immer in mir war. Ich ging jedoch nie davon aus, diesen Traum in dieser oder ähnlicher Form seelisch verarbeiten zu können, bzw. real werden zu lassen. Naja, real natürlich schon, im Sinne der Transition. Aber eben nicht so, wie geträumt. Denn der Traum hatte einige Phasen und Schichten, zeitgerafft. Das ist mir aber erst in der vergangenen Woche, nach meinem Treffen, klargeworden. […]

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