Katze

Heute bekam ich recht anschaulich dargeboten, wie unterschiedlich schnell sich Menschen an Veränderungen gewöhnen, was es dafür braucht und was das für den Transitionsprozess bedeutet.

Corona scheint ja gesamtgesellschaftlich langsam aber sicher seinen Schrecken zu verlieren und so verwundert es auch nicht, dass manche Menschen wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehren möchten. So auch ein Teil des Führungspersonals bei meinem Arbeitgeber, denn es ist neuerdings „erwünscht“, uns mindestens einmal in der Woche wieder im Büro zu sehen. Über die Gründe, den Sinn und Unsinn einer solchen Maßnahme kann man gerade in der IT lang und breit diskutieren, schön daran ist auf jeden Fall, meine Kollegen wieder live und in Farbe sehen zu können. So auch heute.

Die erste merk-würdige Begebenheit ereignete sich mit einem meiner ehemaligen Chefs. Wir hatten uns bedingt durch den Lockdown ein gutes Jahr nicht gesehen und kamen erst heute dazu, ein paar Gedanken zu meiner Transition auszutauschen. Generell hat besagter Kollege oftmals ein gewisses Talent, in Fettnäpfchen zu treten (was zwar Fremdschämpotential hat, aber irgendwie auch knuffig ist), heute navigierte er aber erstaunlich sicher in den neuen Fahrwassern. Eine Bemerkung blieb dennoch bei mir hängen: „An den neuen Anblick muss ich mich erst noch gewöhnen„, eröffnete er das Gespräch. „Kein Problem, take your time„, entgegnete ich lächelnd. Derlei Äußerungen hatte ich frisch nach meinem Coming Out häufig gehört, heutzutage eigentlich gar nicht mehr. Insofern fühlte sich das schon irgendwie an wie Routine.

Routine. Genau die passt ganz gut zur zweiten Begebenheit. Bei einem Gespräch mit meinem aktuellen Chef kamen wir auch kurz auf die weitere zeitliche Planung zur sprechen, immerhin gibt es eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit, dass mein GaOP-Termin von März / April 2022 spontan und recht kurzfristig vorverlegt werden könnte – meine Projekte sollten also entsprechend vorbereitet sein, damit sie ein paar Wochen ohne mich weiterlaufen können. Beinahe in einem Nebensatz äußerte mein Chef dann plötzlich, es sei für ihn mittlerweile vollkommen normal und stimmig, mich als Frau zu sehen. Also quasi das Gegenstück zu meinem ehemaligen Chef. Nebenbei bemerkt hatte mich ein ehemaliger Azubi heute nicht erkennen können und hielt mich ganz offenkundig für eine ihm unbekannte Kollegin. In beiden Situationen freute ich mich dann doch heimlich in mich hinein.

Doch was zeigen mir diese beiden Begebenheiten? Und warum könnten sie für andere Betroffene ebenso wichtig sein?

Nun, zum Einen zeigt es, wie lange dieser Umgewöhnungsprozess für unser Umfeld braucht. Für uns selbst geht das gefühlt schneller, da wir uns tagtäglich sehen und das Thema stets präsent ist. Unser Umfeld ist selbst bei engen Familienangehörigen nicht so nah an der Materie wie wir selbst. Und Kollegen natürlich noch weniger. In meinem Fall würde ich daher festhalten, dass es mindestens ein Jahr braucht, bis für das mehr oder minder direkte Umfeld eine Art neue Normalität einsetzt.

Zum Anderen zeigt es mir, dass die Zeit, die wir mit unseren Mitmenschen verbringen, ein maßgeblicher Faktor dafür zu sein scheint, wie schnell sie selbst in dieser neuen Normalität ankommen können. Individuelle Unterschiede spielen da natürlich ebenso eine große Rolle, aber meine Haupterkenntnis heute ist wieder einmal, dass der Transitionsprozess nicht nur für uns selbst, sondern auch und vor allem für unsere Mitmenschen ein ungeheures Maß and Zeit, Geduld und auch Gelassenheit erfordert.

Das ist insbesondere im ersten Jahr aber schwieriger, als es sich anhört. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, konnte es nicht schnell genug gehen – und das bereue ich auch auf keinen Fall. Langsam merke ich aber, wie etwas mehr Gelassenheit einkehrt. Der Antrag für die GaOP musste nicht am erstmöglichen Tag in die Post. Ob es nun das Frühjahr 2022 wird oder doch noch das größte Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, spielt keine so große Rolle mehr. Wichtig ist nur, dass es in absehbarer Zeit passiert. Es muss nicht mehr gestern geschehen sein.

Ich denke, das sind soweit alles ganz positive und gesunde Entwicklungen. Sowohl für mich, weil es mehr innere Ruhe bringt. Aber auch für mein Umfeld, da die erste große Aufregung vorbei ist. Das ändert allerdings leider nichts daran, dass mir meine Transidentität in jedem Moment des Tages bewusst ist und der innere Findungsprozess noch immer auf Hochtouren läuft. Genauso wie die alte „Freundin“ Gender-Dysphorie immer mal wieder vorbei schaut. Dennoch möchte ich von einer gewissen Art von Gewöhnung sprechen. Gewohnheit. Alltag eben. All das ist jetzt mein Leben.

Selbst wenn im Grunde jede Person, mit der ich über das Thema spreche, mit großen Augen feststellt, wie steinig und anstrengend dieser Weg doch zu sein scheint, möchte ich mit niemandem tauschen. Denn es ist mein Weg. Und auf seine ganz besondere Art fühlt er sich absolut stimmig für mich an. Er mag steinig sein, ja. Manchmal sogar zerklüftet. Dann und wann trete ich in ein Schlagloch. Doch absurderweise ergibt all das einen Sinn für mich und dient einem höheren Zweck:

Eines sonnigen Tages in den Spiegel zu sehen, mich selbst ganz und gar zu erkennen und im eigenen Körper angekommen zu fühlen. Innerer Frieden. Endlich auch diese Aussöhnung mit der eigenen (Geschlechts-)Identität spüren zu können, die Cis-Menschen von Geburt an in sich tragen dürfen.

Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder, liebes Universum?!

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One Thought to “Gewöhnung”

  1. […] nehme ich neuerdings vermehrt subtile Verhaltensänderungen meines Umfeldes wahr, die ganz gut zum gestrigen Beitrag […]

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