Der Beitrag ohne sinnvollen Titel – oder: 24 Stunden im Leben einer Transfrau

Lavendel

Ich bin ja immer wieder überrascht, was in 24 Stunden alles passieren kann. Nichts Weltbewegendes war heute dabei, aber viele kleine und wertvolle Eindrücke.

Eine Woche liegt nun zwischen meiner mentalen Krise und dem heutigen Tage. In dieser Zeit hat sich zum Glück wieder viel stabilisiert, beruhigt, geklärt. So auch meine Logopädieübungen. Nach der Entscheidung vergangene Woche – die mir meine Logopädin weitgehend abnahm, weil ich dazu nicht in der Lage war – wieder zurück zu den Basics zu gehen und wöchentlich SMARTe Ziele zu definieren, geht es mir viel besser damit. Das Ziel war weise gesetzt, bot gewisse Herausforderungen für mich, war aber nicht demotivierend. Es ging um das Anheben und Halten des Larynx, des Kehlkopfes. Das klappt soweit sehr zuverlässig und mittels verschiedener Methoden. Bei der einen verharre ich quasi im Schluckvorgang und halte den Kehlkopf oben, bekomme allerdings keine Luft mehr. Eine weitere ist das Formen eines „K“, kurz bevor der Laut ausgesprochen wird. Das ist tendenziell einfacher, das Problem dabei ist allerdings, dass der Zungengrund dabei aktiviert wird und notwendig ist, um den Kehlkopf oben zu halten. Das ist insofern ungünstig, weil wir die Zunge später zum Sprechen und damit für andere Aufgaben brauchen. Also besteht mein neuestes Ziel darin, den Kehlkopf beispielsweise über den Schluckmechanismus oben zu halten und einen Weg zu finden, dennoch zu atmen. Klingt einfacher, als es ist. Probiert’s gerne mal aus. 😉

Zurück zu den Anfängen

Insgesamt würde ich sagen, dass sich die Rückkehr zu den Anfängen lohnt. Es fühlt sich solider an. Vielleicht waren wir beide wirklich zu schnell unterwegs. Mir fiel dabei heute außerdem auf, dass ich viel besser mit mir in Verbindung stand und bei der neuen Definition unserer Ziele sehr präzise fühlen und sagen konnte, was für mich stimmig und realistisch ist. Da war weniger Kopf im Spiel. Und heute traf ich wieder aktiv die Entscheidungen. Das war ebenfalls ein großartiges Gefühl. Dennoch bin ich meiner Logopädin sehr dankbar, dass sie das Ruder vergangene Woche übernommen hatte. Sie kommt mir manchmal dann doch eher vor wie eine Mischung aus Logopädin, Psychologin und großer Schwester. Auch wenn wir uns nicht duzen, ist es mittlerweile doch ein recht vertrautes Verhältnis geworden, da wir nicht nur platt meine Stimme bearbeiten, sondern das Gesamtsystem betrachten – was für mich absolut Sinn ergibt. Systemische Arbeitsweise, genau mein Ding!

Insofern kamen wir beim üblichen Start mittels „Befindlichkeitsrunde“ auch auf meine vergangenen 7 Tage zu sprechen, denn die eigentliche Krise setzte ja erst nach dem letzten Termin ein. Ich beschrieb meine emotionale Verfassung zu diesem Zeitpunkt. Die Verwirrungen und Irrungen. „Weder Fisch, noch Fleisch“, wie sie es ausdrückte. Super interessant fand ich ihre Anmerkung, wie sehr sie das nachfühlen könne, das klinge nach klassischen Pubertätsphänomenen. Nun wissen meine getreuen Leser*innen ja schon, dass die HRT wie eine zweite Pubertät ist. In meinem Fall muss ich aber sagen: es ist VIEL KRASSER! An dem Punkt blieben wir kurz hängen und verglichen die Pubertät von Jungs und Mädels. Nun weiß ich nicht, ob sich das verallgemeinern lässt, aber insgesamt scheint die Pubertät bei Mädchen eine ganze Ecke wilder zu verlaufen, als bei Jungen. Vor allem emotional. Jedenfalls kann ich das für mich so gelten lassen, denn meine jetzige Pubertät ist um Welten emotionaler, umwälzender und anstrengender als vor knapp 30 Jahren. Und existenzieller. Vor 30 Jahren habe ich mir nicht die Frage gestellt, ob ich den richtigen Weg im Leben gehe. Damals standen ganz andere Fragen im Raum: Schulnoten, Mobbing, Freunde, Mädchen. Damals habe ich das alles insbesondere emotional nie als derart belastend empfunden. Die ganzen Geschichten von rebellierenden Jugendlichen und ausschweifenden Selbstfindungstrips konnte ich nie nachvollziehen, weil es mir nie so ging. Abgesehen von einer zunehmenden Abneigung gegen meinen immer männlicher werdenden Körper. Insgesamt betrachtet war ich aber viel zu lieb als Teenie.

Pubertät 2.0

Nun, so sei es. Wirklich vieles deutet darauf hin, dass die Talfahrt der vergangenen Tage ein ordentlicher Schlenker meines pubertierenden Körpers war. Das Blöde daran ist nur – um auf das Existenzielle dabei zurück zu kommen – dass dabei eben die Gedanken mit mir durchgingen und ich meine ganze Transition samt meines bisherigen Lebens in Frage stellte. Das passiert Jugendlichen vermutlich nicht so krass. Umso bemerkenswerter finde ich, dass diese Gedanken wieder wie weggeblasen sind. Als hätte es sie nie gegeben! Ich konnte mich in den vergangenen zwei Tagen sogar wieder richtig gut im Spiegel sehen und sah meistens eine Frau. Selbst gestern Abend noch – ich hielt die erste Progesterondosis in einem kurzen Video fest – konnte ich mich sehr gut in dem Video sehen. Und zwar schon abgeschminkt, mit müden Augen und den Bartstoppeln von einem Tag. Ich war überraschend zufrieden mit meiner Gestik und teilweise auch meiner Mimik. Das ging definitiv in die richtige Richtung.

Ich fühlte mich sogar dazu ermutigt, etwas mit meinen zwar dünnen und spärlichen, aber mittlerweile fast kinnlangen Haaren zu experimentieren. Als stolze Besitzerin eines brandneuen Glätteisens (meine Haare sind von Natur aus total chaotisch, kraus und etwas gelockt) verbrannte ich mir natürlich als erstes die Finger und zauberte dann ein paar glatte Strähnchen auf den Kopf, nebst mehr Volumen. Ziemlich cool, aber für bessere Ergebnisse werde ich noch ein paar Tipps von Prof. Dr. Youtube brauchen. Doch damit nicht genug! Tatsächlich wie ein Teenie bastelte ich mir seitlich hinten am Kopf zwei Pferdeschwänze, die zugegebenermaßen etwas infantil wirkten, aber mir war total danach. Sowas hatte ich noch nie und das musste nachgeholt werden. Zumindest in meinen eigenen vier Wänden.

„Die Jüngste bist du auch nicht mehr, meine Liebe!“

Was mich beim Blick in den Spiegel abends jedoch ein klein wenig besorgte, war meine bereits epilierte Haut im Gesicht. Dort, wo kein Bart mehr wächst, ist die Haut zwar generell wunderbar stoppelfrei, aber bei näherer Betrachtung doch recht hubbelig. Dabei kamen mir mahnende Worte eines Hautarztes in den Sinn, der mir einst von der Nadelepilation abriet. Es bestünde das Risiko von Narbenbildung. So schlimm ist es glücklicherweise nicht bei mir, aber ich hoffe dennoch, dass sich die Haut an den Stellen noch weiter regeneriert mit der Zeit. Aber vielleicht ist das auch einfach ein Trade-Off mit meinem Alter. Mit 40 hat Frau eben keine glatte Babyhaut mehr im Gesicht…

Wenn ich mir das alles so anschaue, komme ich mir dann doch manchmal etwas unzurechnungsfähig vor. Heute schwarz, morgen weiß und den Rest der Zeit irgendwas dazwischen. Möglicherweise können die Mädels unter euch diese Achterbahnfahrt irgendwie nachfühlen – falls ja, würden mich eure Erfahrungen dazu sehr interessieren. Vielleicht sogar von Müttern…fühlen sich so vielleicht schwangere Frauen, die von Hormonen überflutet werden?!

Halten wir aber an dieser Stelle fest: meine Energie kommt gerade wieder Schritt für Schritt zurück. Gegenüber letzter Woche lasse ich im Job die Termine nicht mehr gedankenverloren so an mir vorbei rauschen, heute hatte ich wieder ausnehmend viel Energie, für etwas einzutreten, was meiner Meinung nach absolut falsch läuft – und ich stand meine Frau! Am Ende führten ein Kollege und ich eine kleine Nachbesprechung durch und wir waren uns einig: das war gut so! Ich spiele zwar nicht gerne „Bad Cop“, aber heute hatte die pubertierende, etwas „zickige“ (man verstehe dieses Wort nicht despektierlich) Jugendliche ihren Spaß daran, ihren Standpunkt klarzumachen und nicht locker zu lassen.

Nice!

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