I’m so tired of being trans.

Schwarz

„I’m so tired of being trans. I just want to live my life in the body I want but this daily fight and self hate makes me want to give up on everything I’ve achieved so far. I can’t do this anymore.“

Diesen Text habe ich heute im Netz gefunden. Nicht zufällig. Ich habe ihn gesucht. Da er genau das widerspiegelt, wie es mir gerade geht. Beschissen. Sorry für diese Wortwahl, aber heute ist mal Real Talk ohne hübsche Worthülsen angesagt. Ja, es werden noch wesentlich mehr Kraftausdrücke in diesem Artikel folgen.

Ich bin so müde trans zu sein. Ich will doch nur mein Leben in dem Körper leben, den ich mir immer gewünscht habe. Aber dieser tägliche Kampf und Selbsthass bringt mich dazu, alles aufgeben zu wollen, was ich bis jetzt erreicht habe. Ich kann das nicht mehr.

Das klingt nach Resignation. Aufgeben. Tiefer Verzweiflung. Unendlichen Schmerzen. Ja, ganz genau das ist es auch.

Ich meine, mal im Ernst: wofür kämpfe ich hier?! Das ist doch alles ein verdammt schlechter Witz! Die gesamte Transition, mein ganzes Leben. Ein einziger Witz und ich bin die Hauptperson. Einmal herzlich lachen, bitte.

Jeden verdammten Tag investiere ich Unmengen an Zeit, um äußerlich eine neue Fassade aufzubauen. Mein Leben lang hielt ich eine Fassade aufrecht, damit niemand merkt, was in mir vorgeht. Jetzt ist diese Fassade endlich eingerissen, doch anstatt dass es mir dauerhaft besser geht, belastet mich eine neu errichtete Fassade, die notwendig ist weil, mein Körper nicht dem entspricht, wie er eigentlich sein sollte. Stattdessen sorgt mein Äußeres – insbesondere ohne Maske – oft genug für undefinierbare Blicke, meine Stimme für Irritation. Ich fühlte mich früher als Alien. Anstatt zu verschwinden, ist dieses Gefühl noch viel stärker geworden. Seriously?! It’s a fucking joke! 

Anstatt die Schauspielerei sein zu lassen, habe ich das Gefühl, der Welt und mir selbst jeden einzelnen Tag wesentlich mehr vorspielen zu müssen, als es früher der Fall war. Denn mein Körper ist eben nicht das, was ich gerne hätte. Schaut mich doch an! Da ist nur MakeUp, Silikon und Kleidung, die nicht einmal für meinen Körperbau designt wurde. Ich kann mich da nur wiederholen: das kann doch alles nur ein schlechter Scherz sein!!! Spielart der Natur…my ass! 

Verschwunden ist meine Zuversicht, mein Stolz auf meinen vermeintlich mutigen Weg, meine bereits erreichten Ziele. Mein Selbstwert liegt am Boden, ich fühle mich an Schulzeiten erinnert, in denen ich täglich gemobbt wurde für das, was ich war. Ich wollte das Haus nicht mehr verlassen.
Heute mobbt mich niemand mehr, das kriege ich ganz gut selbst hin. Ich hatte ja viele und gute Lehrer. Ein Blick in den Spiegel erfüllt mich mit Hass. Egal ob mit MakeUp oder nicht. Der Klang meiner Stimme macht mich krank. Jedes wuchernde Körperhaar widert mich an. Und niemand auf diesem Planeten kann mir sagen, wann das jemals aufhören wird.

Verschwunden ist meine Zuversicht, meine Ziele schon irgendwie erreichen zu können, wenn ich nur hart genug dafür kämpfe. Ich wuchs in der Überzeugung auf, Dinge schaffen zu können, schließlich kriegten andere das auch hin.
Die Logopädie beweist mir aktuell das Gegenteil. Keines meiner Werkzeuge, die mir 40 Jahre lang beim Bewältigen von Herausforderungen recht erfolgreich geholfen haben, zeigt irgendeine Wirkung. Ich bin machtlos und ganz offenkundig einfach zu untalentiert dafür, meine Stimme das tun zu lassen, was ich von ihr will.

So haben wir heute in der Logopädiestunde die Notbremse gezogen. Keine Spontansprache mehr. Keine Vorträge. Back to the roots. Wir fangen wieder bei Adam und Eva an. Muskeltraining mittels SMART formulierter Ziele. Absolut minimaler Ziele. Doch selbst bei denen frage ich mich augenblicklich, wofür ist das eigentlich alles machen soll…

Ich bin so kurz davor aufzugeben, einfach alles hinzuschmeißen. Ich kann nicht mehr. Ich komme mit mir selbst nicht mehr zurecht. Für die ganzen bürokratischen Sachen der Transition haben mir meine Projektmanagement-Fähigkeiten gute Dienste geleistet, aber darum geht es jetzt nicht mehr. Der Hammer taugt für die aktuellen Schrauben nicht.

Was soll das ganze Theater eigentlich? WEM MACHE ICH HIER ETWAS VOR?!

Die Natur war offenbar der Meinung, es sei eine total supi Idee, meinen Körper männlich zu gestalten und sich den kleinen Spaß zu erlauben, mein Gehirn weiblich ticken zu lassen. WHAT THE FUCK?!? Gut, das ist halt so. Glaube ich zumindest. Denn beweisen und belegen kann es niemand. Also wer weiß!? Vielleicht liegen Tests, mein Therapeut und meine Gutachter dank meines überzeugenden Auftritts alle falsch und ich bin in Wirklichkeit einfach nur total gestört und rede mir das alles nur ein?! Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht tickt mein Gehirn tatsächlich weiblich. Wer weiß das schon?!

Aber die ganze Welt sieht in mir nunmal nicht das, was mein Gehirn mir suggeriert. Sie sieht einen Mann in mir. Und sind wir mal realistisch: ohne umfangreiche OP’s wird sich das auch nie, nie, nie ändern! Die GaOP mag mir selbst helfen, überhaupt halbwegs mit meinem Körper klar zu kommen. Die Außenwahrnehmung wird das aber in keiner Weise beeinflussen, denn ich laufe schließlich nicht nackt durch die Stadt. Brustaufbau, Gesichtsfeminisierung und Haartransplantation sind das absolute Minimum, denn ich bezweifle hart, dass sich an meinem Gesicht, das 40 Jahre lang vom Testosteron zerstört wurde, noch signifikant etwas zum Guten wenden wird. Hormone hin oder her. Und damit werden nicht nur Passanten sondern auch ich selbst im Spiegel immer noch den Mann sehen, sobald der Maskenball einmal vorüber ist.

Wenn das alles nicht so unfassbar absurd wäre, würde ich herzlich über diesen kleinen Kniff der Natur lachen. Aber das Lachen ist mir dieser Tage vergangen. Meine Kraft reicht nicht mehr aus, den täglichen Schmerz im Griff zu behalten und die Fahne der Positivität immer hoch zu halten. Ich fordere mein Recht ein, auch mal alles scheiße finden zu dürfen und keinen positiven Blick in die Zukunft richten zu müssen. Das sind ohnehin nur Durchhalteparolen. Immer und immer wieder.

Das Leben besteht aus einem großen Haufen Mist und jedes Mal, wenn wir hinfallen, reden wir uns gut zu, heben uns gegenseitig auf – solange wir noch können. Strohhalme, um von dem ganzen Scheiß nicht erdrückt zu werden. Ein Witz – dieses Suchen nach den positiven Aspekten in Krisen. Krisen, ja. Jede einzelne gefolgt von einer neuen.
Für einen Moment lächelte mir das Leben kurz verschmitzt ins Gesicht und ich glaubte ihm. Nur, um mich dann kurze Zeit später wieder in den Dreck zu stoßen. Und jedes Mal stand ich wieder auf, richtete mein Krönchen und lief weiter. Mit abgebrochenem Absatz, aber hey! Was hätte ich auch sonst tun sollen?! The show must go on!

Doch die Selbsterkenntnis, trans zu sein, war wieder nur so ein trügerisches Lächeln des Schicksals. Für einen Moment lang ging es mir gut. Richtig gut. Echt. Ich war befreit und glücklich. Glaubte nur allzu bereitwillig, den Schlüssel zu golden Stadt gefunden zu haben. Doch der Weg ist versperrt. Das Leben grätscht mir nochmal mit vollem Anlauf in die Beine und ich habe keine Kraft mehr aufzustehen. Ich will nicht mehr!

Aber zurück geht es nicht mehr. Offen gestanden will ich das auch nicht, das fühlt sich falsch an. Ein Leben als Frau  – zufrieden und im Einklang mit meinem Körper – erscheint mir gerade wie jene schief grinsende Karikatur des Lebens, das mich wieder nur hämisch auffordert aufzustehen und mir die Möhre vor’s Gesicht hält.

WAS ZUR HÖLLE WILLST DU VON MIR, UNIVERSUM?!

Eins sag ich dir: ich gehe jetzt nirgendwo hin, lass mich einfach in Ruhe mit deiner Kack-Möhre!!! Ich entscheide selbst ob, wann und wohin ich gehen werde. Lass mich einfach hier liegen! Wofür soll ich überhaupt aufstehen, hm?! Damit mir wieder ins Gesicht geschlagen werden kann?!

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr.
Diese Folter soll einfach nur aufhören!

Du hast gewonnen, hörst du mich?!
Die Show ist vorbei!
Du hattest deinen Spaß, wir können jetzt wieder zum Tagesgeschäft übergehen.

UND GIB MIR ENDLICH MEINEN ECHTEN KÖRPER ZURÜCK, VERDAMMTES UNIVERSUM!

Ich will doch einfach nur mein Leben leben…bitte.

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2 Thoughts to “I’m so tired of being trans.”

  1. Ute Graefe

    Liebe Julia!

    Auch wenn deine Enttäuschung momentan sicher sehr weh tut, so ist sie doch eine Ent – Täuschung!
    Und im nächsten Schritt ist es eine End – Täuschung, die Täuschung kommt zu ihrem Ende!
    Worin liegt die Täuschung, der Irrtum, die falsche Vorstellung…..?

    Du denkst, jemand anderes zu sein durch die mühevolle Änderung und stressige Aufrechterhaltung deiner „Fassade“.
    Du möchtest gefallen.
    Du machst dich damit abhängig von der (gewünschten) Reaktion der Anderen.

    Nichts anderes machen fast alle Menschen (sie leben hinter ihrer Fassade)….und leiden.

    Um diesem Leiden ein Ende zu bereiten, sei du Selbst und verzichte auf die Fassade.
    Verändere dich, ja, aber nicht zu einer Fassade!!!!!

    Wenn du aktuell äußerlich „zwischen den Geschlechtern“ bist, weil…., dann ist das für eine Weile so. Steh dazu und gehe deinen Weg zielgerichtet und schrittweise weiter. Du machst das bisher sehr gut!

    Jede Forcierung allerdings bringt dir Leiden und Enttäuschung, weil du dich selbst (und andere) täuschst. Eine Fassade verbirgt, was dahinter ist.

    Du glaubst, es müsse anders laufen. Falsch! Es läuft, wie es läuft. Nimm das an. Nimm dich in jedem Moment an, so wie du gerade bist. Dann brauchst du keine Fassade. Nur ohne Fassade bist du authentisch.
    Dann ist auch das Problem nicht mehr bei dir!

    Wer mit deinem So-Sein ein Problem hat, muss/ darf/ sollte / kann „sein“ Problem zu lösen versuchen.

    Herzlichst
    Ute

  2. Es ist hat halt nicht nur das sex.Geschlecht das uns ausmacht, sondern sehr viel von uns selbst hat auch mit unserer sozialen Rollenentwicklung zu tun. Und wir sind immer ein Teil des Ganzen, immer drinnen und können uns nur mit dem Ganzen (unserem Umfeld, der Beziehungen, Reaktionen…) entwickeln… aber das wird schon!
    Sei einfach DU.

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