Weiblichkeit und Männlichkeit

Drehe ich mich im Kreis? Oder eher in einer Spirale? Themen von vor fast einem Jahr beginnen sich in diesen Tagen zu häufen und greifen lose Enden wieder auf. So auch die Frage: was ist überhaupt Weiblichkeit? Und was ist Männlichkeit? Und wie sehe ich mich selbst?

Der heutige OpenCircle knüpfte beinahe nahtlos dort an, wo er einst am 23. Juni 2020 endete. Nämlich bei der Frage nach Weiblichkeit und Männlichkeit. Am heutigen Abend angestoßen durch ein Oracle Reading verbunden mit der Frage, wie wir derart wertschätzende Kreise und den damit verbundenen Umgang miteinander kultivieren können.

Doch der gelesene Text startete unmittelbar mit der „Polarität der Geschlechter“, was mir aufgrund seines überholten Weltbildes schon direkt sauer aufstieß. Gegen Ende konnte ich mich ein Stück weit mit dem ihm versöhnen, denn er stellte eben genau die die Frage nach der Bedeutung und Ausprägung der Geschlechter, deren Balance und letzten Endes eines gleichberechtigten Umgangs miteinander.

Dennoch stellten wir uns in der Gruppe (bestehend aus 8 Frauen und einem Mann) erneut die Frage: was heißt das überhaupt – Frau / Mann sein? Da das Thema mehr Raum benötigt, werden wir es nächste Woche fortsetzen, aber Tatsache ist, dass ich selbst nach fast einem Jahr in der Transition keine eindeutige Antwort darauf geben kann.

Teste dich!

Im Vorfeld dieses Blogbeitrags klickte ich mich spaßeshalber (und ja – auch, um mich in meiner Wahrnehmung zu bestätigen) durch diverse Onlinetests. „Wie weiblich denkst du?“ oder „Bist du eher männlich oder weiblich?“
Der Witz an der Sache war: nach dem 2. Test konnte ich denselben derart gezielt manipulieren, dass ich jedes beliebige Ergebnis hätte erzielen können. Warum? Weil in diesen Tests – und das schließt pseudowissenschaftliche Tests durchaus mit ein – konstant Stereotypen bedient werden. Ich kann eine Straßenkarte halbwegs lesen? Mindestens gender-neutral. Ich schaue unter den langweiligsten in der Liste Sportarten am ehesten noch Fußball im Fernsehen? Klar: Mann. Ich traue mich nicht, in eine enge Parklücke einzuparken? Klar: Frau.

Dennoch war ich bemüht, die Tests möglichst wahrheitsgemäß auszufüllen, obgleich ich sehr oft mehre Dinge hätte wählen können, da die Antworten komisch formuliert waren. 90% der Tests attestierten mir weibliches Denken und Handeln, da ich aber im Kino lieber in der Mitte statt rechts sitze und doch lieber die Musik ausschalte, wenn ich gerade koche und das Telefon klingelt, hielt mich ein Test im ersten Anlauf dann doch eher für männlich. Was sich mit drei gezielten Klicks aber sofort beheben ließ. Ohne Worte.

Yin und Yang
Yin und Yang – passen sie überhaupt noch in das neue Weltbild der vielfältigen Geschlechter? Oder sind sie zumindest in Bezug auf Geschlechter veraltete Stereotypen?

Stereotype Typen

Was ich damit zeigen möchte ist einerseits, wie offenkundig stereotyp unsere heutige ach so aufgeklärte Gesellschaft denkt. Und aufgrund meiner Sozialisation kann ich mich da zu meinem Bedauern nicht ausschließen. Eine Frau, die eigenhändig ein Auto repariert, löst selbst in mir reflexartig Irritation aus und bedarf erst eines korrigierenden Eingriffs meines Neocortex, um den antrainierten Kurs des Stammhirns zu korrigieren.

Dabei spielt es doch überhaupt keine Rolle, welchem Beruf wir nachgehen oder welche Hobbies wir haben. Klar, sind geschlechtsspezifische Tendenzen erkennbar, die mag ich auch nicht leugnen. Durch die Hormontherapie bemerke ich ja selbst gewisse Verschiebungen bei Interessen (obgleich ich in den zurückliegenden Tagen verstärkt das Gefühl hatte, der Testosteronspiegel sei merklich angestiegen – ein überaus beunruhigendes und abstoßendes Gefühl).

Ich merke, ich kriege das Thema nicht richtig zu greifen, meine Gedanken kreisen zwar um diese für meine Transition und Identität so zentrale Frage, aber ich spüre, dass ihr mit dem bloßen Verstand nicht auf die Schliche zu kommen ist. Das ist mehr so ein Gefühlsding, würde ich sagen. Weiblichkeit fühlt man. Männlichkeit auch. Obgleich Männer weniger intensiv fühlen, ich spreche da aus Erfahrung. Aber sie fühlen. Auch wenn sie ungern darüber sprechen.

Anhaltspunkte

Und zack! Sind wir da schon bei zwei elementaren Eigenschaften?
Weiblich fühle ich mich zum Beispiel, wenn ich emotional bin. Emotional sein darf. Und die volle Bandbreite der Emotionen wahrnehme und erleben kann. Ja, das würde ich für mich in Anspruch nehmen. Genauso wie ein Gefühl von Empathie. Bekannte betrauerte vor einer Weile den Umstand, niemals Kinder bekommen zu haben. Das hat mich tief bewegt und ich konnte ihren Schmerz fühlen. Das sind für mich weibliche Qualitäten. Unter anderem.

Aber kann ich daher davon ausgehen, dass Männer nicht in der Lage sind, Emotionen zu äußern oder Empathie zu zeigen? Natürlich nicht! Ich kenne durchaus Männer, die das können. Zugegeben: im Vergleich zu den Frauen sind es wenige, aber es gibt sie. Und sind sie deswegen weniger Männer? Wohl kaum. Für mich macht es sie eher attraktiver. Wow…ein Mann, der meine Emotionen verstehen kann. Welche Frau wünscht sich das nicht? Pling! Stereotyp.
Denn genauso gibt es völlig unempathische Frauen, emotional völlig unzugänglich.

Diese Kriterien scheiden als eindeutige Merkmale also aus.

Andere Anhaltspunkte

Was bleibt da noch? Körperlichkeiten? Das äußerlich erkennbare Geschlecht natürlich. Aber selbst da können wir uns nicht sicher sein. Würdet ihr mich in der Sauna sehen, würdet ihr körperlich einen Mann sehen. Zwar mit mittellangen Haaren, Nagellack und epilierten Armen und Beinen, aber ganz eindeutig einen biologischen Mann. Dass mein Hirn in überwiegendem Maße aber weiblich tickt, würdet ihr nicht sehen.

Also was macht mich dann zur Frau, wenn die körperliche Komponente auch ausscheidet?

Sind es dann vielleicht die Gesten? Die Sprache? Die Mimik? Oder gar der Name, der auf dem Personalausweis steht?

Vor dem Gesetz ist das eindeutig: Julia. Weiblich. Thema beendet. Easy.
Wäre das mal körperlich und seelisch auch so einfach…

Mehr Fragen als Antworten

Und um es noch komplizierter zu machen: bin ich nun eine Frau, weil ich das so für mich „entschieden“ habe, weil ich mich Zeit meines Lebens danach gesehnt habe? Oder bin ich nun doch ein Mann (es stößt mich übrigens ab, das zu schreiben), weil mich die Außenwelt vielleicht so sieht? Oder bin ich doch wieder eine Frau, weil ich mich heute mal gut geschminkt habe oder die Maske meinen Bartschatten abdeckt? Darf ich mich als Frau fühlen, da mir kürzlich ein charmanter älterer Herr ganz gentleman-like die Tür aufhielt?

Ich denke, es wurde schon klar, dass es keine 1 oder 0 als Antwort auf die Frage nach einer eigenen Weiblichkeit (oder generell nach Weiblichkeit und Männlichkeit) gibt. Das hängt von Millionen Faktoren ab.

Spießrutenlauf Transition

Und gerade das, ihr Lieben, macht eine Transition oft genug zu einem Spießrutenlauf. Neben vielen anderen Themen natürlich.

Ich muss ganz offen gestehen, es gibt Tage, an denen fühle ich mich super weiblich, ich fühle mich wohl, kann mich gut im Spiegel sehen und für den Moment ist alles ok. Dann gibt es aber genauso Tage, da sitze ich am Schreibtisch in Telefonkonferenzen, bespreche Projektfortschritte, treffe Entscheidungen und fordere meine Logik und meinen Verstand. Für Gefühle ist da nicht so viel Platz. An solchen Tagen zieht sich die Frau in mir beschämt zurück und kann gegen die Übermacht von 40 Jahren Gewohnheit schlicht nichts ausrichten. Die Stimme kippt, ich verfalle in alte Muster und manchmal kommt mir das alles wahnsinnig anstrengend vor.

Echt sein

Dann denke ich an etwas, das meine Tante mir ziemlich zu Anfang sinngemäß so sagte: „Achte darauf, bei dir zu bleiben und nicht von der einen Rolle in eine andere zu verfallen.“ 

Ja. Richtig. Und dann merke ich, wie mich der Stress des Alltags überrollt und das anfangs so präsente Bauchgefühl zu übertönen droht. In dieser Zeit ist es nicht leicht, bei sich zu bleiben. In Stille auf sich selbst zu hören, sich zu fühlen, echt zu sein.

Und „muss“ ich nach all den Jahren antrainierten Verhaltens nicht doch erst in eine zunächst übertriebene Gegenbewegung gehen, um mein Gleichgewicht wieder zu finden? Ganz meinem Aszendenten Waage entsprechend? Sprich: muss ich mir nicht zunächst neue Verhaltensweisen, Sprache, etc. anlernen, um endlich die sein zu können, die ich immer sein sollte? Muss ich dafür nicht zunächst eine Rolle spielen, die mir aus Gewohnheit zunächst fremd ist? Und darf ich mir nicht aus all den Optionen da draußen die Aspekte herauspicken, die sich für mich stimmig anfühlen und mit denen ich mich wohl fühle? Bin ich dann nicht wieder echt?

Bei 0 anfangen

Ich schrieb kürzlich, dass ich in einigen Lebensbereichen das Gefühl habe, bei 0 beginnen zu müssen. Meine innere und äußere Weiblichkeit ist ein sehr großer Bereich davon. Ich wurde nicht als Mädchen erzogen. Die gesamte Sozialisation fehlt mir, selbst wenn ich mir als Kind die Mädchen bewundernd angeschaut habe und sie in ihren Handlungsweisen beobachtete. Und so muss ich mir nun wie ein Neugeborenes alles mühsam von der Umwelt abschauen, mich zurecht finden, Dinge adaptieren, internalisieren und dann für richtig, falsch oder irgendwas dazwischen halten.

Will sagen: das vergangene Jahr ist für mich eine wilde Mischung aus den Lebensphasen zwischen 0 und 18 Jahren. Bunt zusammengewürfelt. Das ist manchmal…nein…eigentlich fast jeden Tag wahnsinnig anstrengend. Es verunsichert, wirft hin und her und Fragen auf. Mehr, als ich beantworten könnte. Wenn das die angekündigte Pubertät ist, habe ich meine erste damals definitiv verpennt.

Abschließende Gedanken (bis zum nächsten Mal)

Nach diesem halben Roman hier versuche ich nun mal wieder den Bogen zur Ausgangsfrage nach Weiblichkeit und Männlichkeit zu schlagen. Und ich merke, dass ich mich noch nicht in der Lage sehe, diese Frage für mich zu beantworten. Womöglich liegen die Antworten verstreut auf dem Weg durch die Transition, die zweite Pubertät und die dann folgenden Jahre. Ich denke, durch diesen Artikel ist mir klar geworden, dass ich aktuell viel elementarere Fragen und Gefühle zu klären habe, als die, was denn nun Weiblichkeit für mich ausmacht. Oder die Frage, woher ich denn bitte weiß, dass ich eine Frau bin. Für den Moment schreite ich daher fröhlich-unwissend mit dem Statement voran:

„Ich weiß es einfach. Und alles Weitere wird sich ergeben.“

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