Bundestag

Es gab bisher nicht viele Momente in meinem Leben, in denen ich mich politisch gefühlt habe. Aktuell beginnt diese Flamme aber wieder zu lodern. Anlass: die heutige Bundestagsdebatte zur Abschaffung des TSG. 

Es gab da mal eine Phase zu Zeiten des Zensus 2012, Vorratsdatenspeicherung, usw., in der ich sogar eine Zeit lang bei den Piraten war. Ich merkte aber schnell, dass die zähen Debatten und das Ringen um Nichtigkeiten nix für mich ist und ich mich lieber unmittelbarer für Dinge engagiere. Damals entschied ich mich, in den Elternrat des Kindergartens meiner Töchter einzusteigen. Mit ziemlichen Erfolg, möchte ich meinen. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Im Rahmen der Demo vergangenen Sonntag kam mir zu Ohren, dass heute am frühen Abend eine Debatte zu drei Anträgen von Grünen, FDP und Linkspartei bezüglich des Transsexuellengesetzes (TSG) im Bundestag geführt werden sollte. Die genauen Details mag ich hier gerade nicht aufdröseln, das können andere besser als ich. Der Bundesverband Trans* zum Beispiel. Im Kern ging es aber darum, das aktuelle TSG abzuschaffen, da es in Teilen vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt wurde.

Die neuen Entwürfe hätten für uns Transgender deutliche Verbesserung gebracht: das Gerichtsverfahren und die damit verbundenen kostspieligen Gutachten (ca. 1.200 – 2.500€) zur Vornamens- und Personenstandsänderung wären entfallen und wir hätten offiziell unserer Geschlechtsidentität im Rahmen eines einfachen Amtsaktes Ausdruck verleihen können. Eine gängige Praxis in vielen Ländern, ohne die speziell seitens der AfD immer wieder beschworenen Schreckensszenarien von Menschen, die jedes Jahr ihren Namen und das Geschlecht ändern, weil es so viel Spaß macht.

Debatte

Und genau dieses Thema hatte mich gepackt, so dass ich mir die Zeit nahm und den Abend damit verbrachte, die Debatte nebst Abstimmung zu verfolgen. Insgesamt ein interessantes Schauspiel, ohne Frage. Es war natürlich von vornherein klar, dass die CDU die Entwürfe ablehnen würde. Geschenkt. Was soll man von so eine konservativen Haufen auch anderes erwarten?! Aber immerhin hatten sie durchaus nachvollziehbare Argumente, warum sie dem nicht zustimmten. Immerhin.

Die erste Rednerin der SPD hinterließ hingegen nur ein Fragezeichen bei mir. War die SPD nun dafür oder dagegen? Die Heute Show macht sich ja gern genau über dieses Verhalten lustig, heute durfte ich es live erleben. Hat diese Partei überhaupt ein Rückgrat?! Gerettet wurde sie dann später nur durch einen Parteikollegen, der zwar die Notwendigkeit einer Reform klar anerkannte, die Entwürfe in der vorliegenden Form jedoch entschieden ablehnte.

Auftritt AfD: bereits nach dem ersten Satz holte ich mir eine Spucktüte. Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber die gequirlte Scheiße aus dem Munde von Beatrix von Storch war unerträglich. Später wurde die AfD-Fraktion auch noch für unangemessenes Verhalten gerügt, als sie offenbar im Zusammenhang mit Transgender von Schweinen und Kühen (oder so ähnlich) sprachen – insbesondere die Herren. Kurzum: wie um alles in der Welt konnten diese Menschen in den Bundestag gelangen?! Ach ja, dass die AfD die Entwürfe unter wüsten Schmähungen ablehnte, dürfte klar sein.

Einen deutlichen Punkt für LGBTQ’s setzte aber Sven Lehmann von den Grünen. In seiner Rede sprach er mir aus der Seele, berichtete von genau den täglichen Leiden, die wir in einer Transition durchleben, welche Diskriminierung wir allein durch das TSG und die Gutachten erfahren, wie ungerecht und wenig selbstbestimmt wir dadurch eigentlich sind. Mag sein, dass man meinen Beifall bis nach Berlin hören konnte.

Eine ebenfalls „straight to the point“-Rede kam von der Linken. Sie schlug in die gleiche Kerbe, warb um Verständnis für die Betroffenen und beschwor förmlich, dass dieser Bundestag jetzt die Chance habe, das Leben von LGBTQ’s nachhaltig zu verbessern.

Auch die FDP schlug hier – für mich etwas überraschend – einen Pflock in den Boden. Der Redner begann etwa so: „Liebe Kollegen, tragen Sie Damenunterwäsche? Und wie masturbieren Sie?“ Sind diese Fragen übergriffig und angemessen? Ja, sind sie. Und sie werden so oder ähnlich immer wieder in Gutachtergesprächen gestellt. Völlig unnötig. Übergriffig. Überhaupt ohne Bezug zur Transidentität. Ist das Diskriminierung? Aber hallo!

Nach all diesen Reden zeichnete sich das Desaster schon ab, aber noch war ich relativ gefasst, trotz des unerträglichen AfD-Kindergartens. Die Abstimmung zementierte dann meine Befürchtungen: alle Anträge wurden mit überwältigender Mehrheit von CDU, SPD und AfD abgelehnt. BUMM! Da weiß ja schon, wer meine Stimme zur Bundestagswahl NICHT bekommen wird…

Schlag ins Gesicht

Als ich das Ergebnis vernahm, traf mich dann aber der Schlag und mir kamen ungebremst die Tränen. Das war nicht einfach nur eine verpasste Chance auf weniger Diskriminierung für LGBTQ’s, nein. Das war eine schallende Ohrfeige, eine klare Ansage gegen geschlechtliche Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Und das trotz des Urteils des Verfassungsgerichts. Es war eine Ansage an uns, an mich: „Du bist nicht normal so wie du bist und wenn du deine komischen Ideen in diesem Land umsetzen willst, dann musst du schon bullet-proof beweisen, dass du auch WIRKLICH trans bist und keine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellst.“ Warum um Himmels Willen müssen wir uns ständig dafür rechtfertigen, wer wir sind?! Nur, weil im Kopf des Durchschnittsdeutschen kein Platz für mehr ist, als für Schwarz oder Weiß? Was für ein Armutszeugnis! 

Was bedeutet das nun für uns?

Wir werden also weiterhin tausende Euro für unsinnige Gutachten ausgeben. Werden uns weiterhin übergriffigen Fragen seitens intoleranter Gutachter aussetzen müssen. Werden weiterhin nicht ernstgenommen in unserem existenziellen Bedürfnis nach geschlechtlicher Selbstbestimmung.

Halb so wild? Mitnichten. Diese Entscheidung der Bundesregierung grenzt an einen Skandal. Deutschland nimmt für sich in Anspruch, ein modernes und zivilisiertes Land zu sein. Echt jetzt?! Bei solchen Entscheidungen? In einem zivilisierten Land muss sich meiner Auffassung nach kein einziger Mensch übergriffige Fragen gefallen lassen, weil die Entscheidung eines Gutachters das Zünglein an der Waage sein kann, ob ich nun vor dem Gesetz in meinem empfundenen Geschlecht leben darf oder nicht. Wie um alles in der Welt kann sowas im 21. Jahrhundert noch sein?!

Ich bin wütend. 

Ich bin enttäuscht. 

Ich bin zutiefst traurig. 

Und ich bin noch entschlossener, für unsere Rechte einzutreten und dafür zu kämpfen. Nach einem längeren Voice Chat mit einem Freund (Transmann) wurde uns beiden schnell klar: heute hat ein politischer Funke gezündet und wir beide wollen etwas tun, diese schreiende Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen. In welcher Form, haben wir noch nicht entschieden. Ob per Facebook, YouTube, Insta, Demos…was auch immer, aber eines ist klar: so kann es nicht weitergehen!

Trans Pride!

Hey, Welt! Hey, Deutschland! Listen up! 
Ich bin ein Mensch.
Ich bin trans.
Und ich in stolz darauf.
Deal with it!

Nachtrag

Dass ich auf meine Töchter wahnsinnig stolz bin, weiß ich ja schon seit deren Geburt. Aber besonders beeindruckend fand ich dir Reaktion meiner älteren Tochter heute auf meinen WhatsApp-Status in dem ich meine Enttäuschung und Wut über die Abstimmung ausdrückte.

Zwar schrieb sie zunächst nur „Häää???“, machte damit aber klar, dass sie verstehen wollte, was ich da geschrieben hatte und worum es dabei ging. Allein dieser Umstand ließ mich den Hut vor ihr ziehen. Also verfasste ich ihr eine Sprachnachricht, bei der ich allerdings kurzerhand in Tränen ausbrach und meine ganze Enttäuschung über diese Entscheidung erst so richtig ihren Weg fand. Dennoch löschte ich sie nicht, ich wollte authentisch sein und zeigen, wie sehr mich das traurig macht, was da heute geschehen war. Und so erklärte ich etwas verheult, was es mit all dem auf sich hatte und warum mich das so traurig macht.

Ihre Antwort war dann total süß. Es wäre nicht schlimm, wenn ich ihr da etwas vorheulen würde. Wow. Was für ein großes Herz dieses Kind hat, wie feinfühlig sie auf Menschen eingehen kann. Ich bin nochmal extra stolz auf sie!

Anschließend durfte ich noch kurz erklären, was „diskriminiert“ bedeutet und dann war ihr Wissensdurst gelöscht. Und wie meine Mutter später vermutete, als ich mich kurz darauf bei ihr ausheulte, ist das womöglich ein Weg meiner Tochter, mit der Situation und mir umzugehen. Ein ziemlich guter Weg, finde ich.

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