Luftsprünge & Tränen (der Erleichterung)

Luftsprung

Groß angekündigt und heute kompromisslos vollstreckt. Trotz Happy End war das Abholen der fachärztlichen Stellungnahme aufregender als nötig…

Ich berichtete. Montag verkündete mir meine Ärztin nach einigem Hin und Her, heute – am Mittwoch – ihre fertige Stellungnahme endlich abholen zu können. Nochmal zum Mitgruseln: nach mehr als 3 Monaten! Aber dafür immerhin pünktlich zu meinem 7-monatigen Hormontherapiegeburtstag. Happy Birthday, Juli! (ja, im ersten Jahr HRT feiere ich das noch jeden Monat :-))

In der Mittagspause hüpfte ich also ins Auto. Ein diffuser Nebel umfing mich, alles erschien mir so irreal. Es war, als habe ich die ganze Zeit an einem unerreichbaren Traum festgehalten. Und plötzlich schien er real zu werden. Unfassbar nervös und hibbelig fuhr ich zur Praxis. Selbst der sonst beruhigende Konsum lauter Musik nebst Mitsingen im Auto wirkte…nicht. Die Welt rauschte an mir vorbei wie im Film, während in Bauch und Brust Krieg herrschte.

Ähnlich anstrengend gestaltete sich der Treppenaufstieg in den 2. Stock, der mich dank Maske und fehlendem Training recht schwer atmen ließ. An der bis auf einen kleinen Schlitz mit Plexiglas verriegelten Rezeption begrüßte man mich freundlich, ich sprach meinen Text und gab meine Karte ab. Der Herr auf der anderen Seite griff daraufhin nach dem ersehnten Umschlag und….zog ihn wieder zurück. WAAAS?!? Das ging alles so schnell, es blieb mir nicht mal Zeit, irritiert zu gucken. „Dann bekomme ich 25€ von Ihnen“, schob es noch nach.

BITTE, WAS?! Das sagt man mir JETZT?! Und außerdem nach ewiger Verzögerung? Da solltet IHR eigentlich MIR 25€ als Entschädigung für’s Warten bezahlen!
Und das auch noch, wo ich doch üblicherweise kaum Bargeld mit mir führe. Ich sah bereits meinen Traum den Rinnstein hinunter treiben, das erhoffte Dokument heute in den Händen halten zu dürfen. Hastig und noch drei Stufen nervöser nestelte ich in meinem Portmonee auf der Suche nach den erlösenden Scheinchen.

„Iiiiih, mach das Licht aus!!!“ 

Müde blinzelten mich lumpige 15€ aus der Dunkelheit des Geldfaches an. Ich hatte sie offenbar geweckt und sie machten nicht den Anschein, ihren Job machen zu wollen. Faules Pack!
Ungläubig nahm ich sie heraus, immer noch hoffend, es sei noch ein weiterer Schein dazwischen gerutscht. Leider nein, leider gar nicht.

Irgendwo in der Ferne hörte ich den Herrn mit mir sprechen: „…Richtung Kirche…links….Sparkasse…“ Ich nickte benommen. Okay…was soll’s?! Warum sollte die Übergabe auch nach all den Monaten reibungslos verlaufen?! Auf meine Krankenkassenkarte wartend und im Begriff besagtes Geldinstitut zu suchen, öffnete ich eher aus Langeweile und ohne große Erwartungen den hakenden Reißverschluss des Münzfaches. Mein Zeigefinger wühlte durch die wilde Mischung aus beschlagenen und hell glänzenden Münzen. Da! Ein 2€-Stück. Noch eins. Und noch eins! Schlagartig hatte das Geldfach meine Aufmerksamkeit, Hoffnung keimte in mir auf. Womöglich würde mir der Umweg zur Sparkasse – die mir im Übrigen bei der Namensänderung von allen  Organisationen (inkl. Ämtern) die meisten Steine in den Weg legt – erspart bleiben.

8€. Kein Silbergeld mehr, das war’s. Oh weh. Also musste das Kleingeld herhalten. Doch jetzt hatte mich de Ehrgeiz gepackt und einige Augenblicke später winkte ich dem groß gewachsenen jungen Mann triumphieren mit dem Geld. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen, obgleich der Umweg zur Erlangung des Schreibens vielleicht nur 10 Minuten und einen Marsch von ein paar hundert Metern bedeutet hätte. In diesem Augenblick waren das für mich Welten.

Und dann ging alles ganz schnell. Verabschiedung, die Treppen hinab, Richtung Auto und…den Briefumschlag öffnen. Nicht, dass man mir aus Versehen noch das falsche Schreiben ausgehändigt hatte. Doch alles stimmte, ich machte einen Luftsprung vor Freude und Erleichterung. Was drei simple Seiten bedrucktes Papier im Leben eines Menschen bewirken können…unbeschreiblich.

Mittlerweile musste ich mich beeilen wieder heim zu kommen, denn die nächste Telefonkonferenz wartete schon auf mich. Doch der Heimweg glich eher der Einreise in einen überfüllten Urlaubsort: Stopp and Go. Die Aussicht, möglicherweise zu spät zu kommen, störte mich nicht. Vielmehr sickerte erst jetzt langsam die Erkenntnis in mein Bewusstsein, dass diese riesige Hürde endlich genommen war, die nervenraubende Odyssee endlich zu Ende war.
Die Ampel vor mir sprang auf Rot, die Autos hielten an. Aus heiterem Himmel begannen mir unkontrolliert Tränen über das Gesicht zu laufen, während von Casper „Alles endet, aber nie die Musik“ aus den Boxen schepperte. Die ganze Nervosität war verschwunden. Wie weggeweht. An ihre Stelle traten Tränen. Aber keinerlei Trauer. Auch von Freude war in diesem Moment nicht viel zu spüren. Nur: Erleichterung. Pure Erleichterung war es, die sich durch unzählige Tränen ihren Weg bahnte. Und nur ein Gedanke beherrschte mein Bewusstsein in diesem Augenblick:

ENDLICH!!!

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