Manchmal ist das Leben schon sonderbar, oder? Es gibt einfach manchmal Momente, da fügen sich Dinge nach einer langen Phase des Chaos, des Wartens oder der Unsicherheit auf einen Schlag zusammen und läuten ein neues Kapitel ein.

Das erste Mal in jüngster Vergangenheit passierte mir ein solches Ereignis, na klar, bei meiner Selbsterkenntnis im Juni 2020. Das fehlende Puzzleteil rutschte auf seine Position und auf einen Schlag ergab alles einen Sinn. Mindblowing! Mein Leben nahm eine schlagartige Wendung, es war nicht einfach nur ein neues Kapitel, es war der Beginn einer ganz neuen Ära. Die Geburt eines neuen Lebens!

Seither griffen meine Schritte auf dem Wege meiner Transition beinahe reibungslos ineinander. Manchmal durch gewissenhafte Arbeit meinerseits, manchmal auch durch glückliche Fügungen. Doch im Januar diesen Jahres geriet offenkundig einiges ins Stocken. Die Bartepi-Geschichte mit meiner Ärztin, you know?
Plötzlich kam ich aus dem Tritt, der Flow war vorüber und die Umstände zwangen mich, am unüberwindbaren Stoppschild anzuhalten, während mein innerer Leidensdruck verständnislos wild hupend, schreiend und gestikulierend hinter mir stand, mir die Hacken wund trat und mich mit seinem Lärm auch oft genug auch betäubte.

Doch speziell diese Woche scheint wieder einmal ein solcher Zeitpunkt zu sein, an dem alles zusammen passt. Mein gestriges Gespräch mit der Ärztin und die glückliche Nachricht, morgen endlich meine Stellungnahme abholen zu können.
Heute setzte ich in Rücksichtnahme auf mein immer noch überschaubares Energielevel am Vormittag nach und rief beim Amtsgericht und Frauenarzt an. Zu meiner riesigen Überraschung hatte ich beide nach nur kurzem Klingeln am Apparat. Noch vor Wochen wirkte es, als würde ein Anruf beim Amtsgericht im Nirvana enden. Doch heute teilte mir meine Sachbearbeiterin persönlich mit, der rechtskräftige Bescheid der Vä/Pä sei gestern bearbeitet worden und in der Post.
Auch mein Frauenarzt versicherte mir, meinen Verlaufsbericht nebst urologischem Befund noch heute fertigzustellen und in die Post zu geben.

Soll heißen: wenn der Engel der Postangestellten und gequälten Transgender-Seelen ein Einsehen hat, trudeln alle im Stau stecken gebliebenen Dokumente beinahe zeitgleich morgen oder spätestens Donnerstag bei mir ein.

Sowas kann sich doch kein Mensch ausdenken!

Bedeutet nun in letzter Konsequenz: mein Therapeut kann auf Basis der Unterlagen sein Indikationsschreiben verfassen und ich daraufhin meinen Antrag auf Bartepilation endlich in die Post werfen. Und mit etwas Glück könnte ich dann Ende Mai mit der Behandlung beginnen. Zeitgleich kann ich dann – lange ersehnt – meinen neuen Personalausweis beantragen und die letzten offenen Personenstandsthemen regeln.
Zugegeben: viele sind es nicht mehr. Einzelne Versicherungen sind etwas träge, manche Firmen wie mein Internetprovider brauchen einen kleinen Weckruf, aber ansonsten…selbst die Rentenversicherung hat mir schon eine neue Sozialversicherungsnummer zugeteilt (das muss sein, da sie einen Gender-Schlüssel enthält). Nur meine Krankenkasse scheint nach zwischenzeitlichem Hochschrecken aus dem Winterschlaf in Sachen Gesundheitskarte wieder in tiefen Schlummer verfallen zu sein. Die neue Karte lässt weiterhin auf sich warten…

Dicker Klumpen

Im Augenblick fühlt sich alles so an, als habe sich ein dicker Klumpen gelöst, der seit Januar die Leitung verstopft hatte. Plötzlich scheint es wieder langsam zu fließen. Ein sehr wohltuendes Gefühl. Doch stellt sich die Frage: warum?

Warum ist es gekommen, wie es gekommen ist? Was hat das zu bedeuten und wie kann ich dafür sorgen, dass so etwas nach Möglichkeit nicht wieder passiert?

Der Vergleich mit der verstopften Leitung ist vielleicht gar nicht so abwegig. Oder der mit einem Trichter. Zwar kann man oben viel Wasauchimmer hineinfüllen, doch durch den engen Durchlass passt eben nur eine begrenzte Menge gleichzeitig. Nun waren in meinem Fall mindestens 3 Parteien an den Verzögerungen beteiligt: Ärztin für die Bartepi, Frauenarzt und Amtsgericht. Da sollte man ja meinen, dass sie nichts gemeinsam haben.

Haben sie nicht? Doch. Mich.

Ich kann es weder rational erklären, noch sonst wie sinnvoll begründen, doch vom Gefühl her scheint es mir, als habe ich diese angrenzenden Systeme temporär überlastet. Nicht zwingend jedes einzeln für sich. Aber in Summe war vielleicht nur ein gewisser Durchsatz möglich. Klingt abstrakt und einen rechten Sinn ergibt es auch nicht. Will aber sagen, dass es möglicherweise meine eigene unbewusste Energie war, die diese Prozesse so lange hat warten lassen.

„WAAAS?! Bist du jeck, Mädchen?!“ schimpft es laut in mir. „Was kann ich denn dafür, dass die mit ihrem Job nicht klar kommen?!“ Ja…mag sein. Dennoch bin ich das verbindende Element und um jetzt endlich den Dreh zu kriegen, verweise ich auf die Anfänge meiner Reise, an dem alles so schnell ging. Und reibungslos. Dieses Tempo konnte ich weitgehend problemlos gehen, ich bereue es keine Sekunde. Doch mein Umfeld konnte dieses Tempo nicht immer mitgehen. Was daraus abstrakt formuliert entsteht, ist eine Art „temporale Verzerrung“, die sich dann und wann in konfliktbehafteten Gesprächen geäußert hat. Ich war schneller, als mein Umfeld es verarbeiten konnte. Was im Januar dann also geschah war ein brutales Ausbremsen meines zügigen Fortschritts. Tatsächlich fühlten sich gerade die letzten Wochen oft nach Stagnation und Rückschritt für mich an.

Vielleicht war es am Ende aber einfach nur eine Synchronisation mit meinem Umfeld, um wieder einheitlich zu schwingen und den nun kommenden Weg weiter gemeinsam gehen zu können. Denn in den nächsten Monaten warten große Dinge auf mich und mein Umfeld. Große vor allem körperliche Zäsuren, neue Akte und Kapitel, für die ich all meine Kraft und Rückhalt brauchen werde.

So spirituell und möglicherweise unsinnig meine obige Ausführung auch anmuten mag (ich bin mir selbst nicht sicher, wie ich darauf gekommen bin), sie hat eines bewirkt: ich habe heute ein Stück weit meinen Frieden mit den Verzögerungen der letzten 3 Monate gemacht und denke, dass sie für alle mittel- und unmittelbar Beteiligten eine erholsame Verschnaufpause waren. Leider konnte ich das während dieser Zeit nicht sehen. Zu groß mein täglicher Schmerz über die vermeintliche Stagnation. Aber vielleicht ist das die Lehre daraus?!

Behalte die Dinge im Fluß. Halte die Balance.

Doch auch dieser Schmerz hatte seine Berechtigung, denn er trieb mich an, den Klumpen, der zur Verstopfung des Systems geführt hatte, zu lösen und daran persönlich zu wachsen. Denn diese 3 Monate verlangten nicht nur viel Geduld, sondern vor allem eine eindeutige Position, klaren Willen, Durchsetzungskraft und ein paar unmissverständliche Ansagen meinerseits. Charaktereigenschaften, die ich bis dato nicht unbedingt zu meinen Stärken gezählt hätte. Doch nun durfte ich lernen was es heißt, für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse einzutreten. Aller Voraussicht nach Fähigkeiten, die ich in den nächsten Kapiteln noch gut werde brauchen können.

Und jetzt? Jetzt klopft mir mein inneres Kind ganz ohne Scham sanft auf die Schulter und flüstert:

Gut gemacht, Juli!

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