Impfung

Ich nehme mich selbst oft in der Rolle einer Beobachterin dessen wahr, was in der Welt und um mich herum geschieht. Ohne jedoch direkt involviert zu sein. So habe ich die letzten Jahre auch mit wachsender Sorge die Verbreitung rechten Gedankenguts und dreiste Angriffe auf unsere Demokratie durch aus mir unverständlichen Gründen legitim gewählte Parteien beobachtet. Heute geschah etwas, was mich handeln ließ.

Disclaimer: Dieser Artikel soll zum Nachdenken anregen, hat viele Ecken und Kanten, provoziert bisweilen bewusst und wirft vermutlich mehr Fragen auf, als dass er sie beantworten kann. Lesen auf eigene Gefahr. 

Die Bestrebungen in mir, „klare Kante“ geben rechtes Gedankengut zu zeigen, habe ich schon lange. Zu meiner Schande – und da bin ich wirklich nicht stolz drauf – habe ich mich nie ernsthaft gegen Rechts engagiert. In privaten Gesprächen bezog ich zwar Stellung, die Gelegenheiten waren jedoch recht selten. Was sicherlich auch mit den Bubbles zu tun, in denen wir alle leben. Wir umgeben uns bekanntlich mit Menschen, die unsere Ansichten weitgehend teilen. Da sind nun mal in meinem Umfeld so gut wie keine Menschen, die rechte Tendenzen aufweisen – zum Glück. Aber: es gibt sie.

Durch meine Transition bin ich quasi über Nacht zur Zielscheibe für rechten Hass geworden. Einfach nur, weil ich trans bin. Ich habe glücklicherweise noch nie Anfeindungen in diese Richtung erleben müssen, aber allein durch meine Selbsterkenntnis in die Kategorie „damals hätte man mich wahrscheinlich ins KZ gesteckt“ zu rutschen, macht etwas mit mir. Plötzlich bekommt dieses bisher eher abstrakte „Rechts“ ein deutliches Gesicht. Oder wohl eher eine hässliche Fratze, die mich bedroht – wenn auch indirekt.

Doch eines sei schon jetzt klargestellt: vor dieser Fratze habe ich keine Angst! Denn ich trete ein für Toleranz, Respekt, Akzeptanz und eine bunte Welt, in der jeder Mensch in seinem Sein sein darf!

Cut.

Der aufmerksame Leser mag bereits den Widerspruch in meinem letzten Satz erkannt haben. Ich stehe für Akzeptanz und Toleranz und lehne gleichzeitig rechtes Gedankengut entschieden ab, verbanne es gar aus meiner Wahrnehmung? Das Problem daran: dadurch setze ich mich ja gar nicht aktiv damit auseinander, sondern verschließe einfach nur die Augen. Smart Move. Nicht.
Und genau das möchte ich ja auch gar nicht. Ich halte nichts, aber auch gar nichts von „diesem Menschenbild“ und den teils absurden Erzählungen. Dennoch habe ich gelernt, dass Menschen immer einen Grund für ihr Handeln haben – und das ist vom Kern der Sache her nicht böse. Warum? Weil jeder Mensch seine Handlungen weitgehend für legitim und richtig hält, selbst wenn er Massenmorde begeht.
Wer bin ich also, meine vermeintlich tolerante Weltansicht zu postulieren, während ich einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung in die Abstellkammer verbanne, als existiere er nicht? Wie kann ich als Transfrau von Menschen Verständnis für meine Lage erwarten und Toleranz fordern, wenn ich selbst diese nicht vollumfänglich geben kann? Schwierig und sicherlich eine Gradwanderung. Vielleicht ist das auch eher ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, denn die Verschiedenheit von Menschen zu tolerieren ist klar eine andere Hausnummer als körperliche oder seelische Angriffe und Diskriminierung gegen Menschen hinzunehmen.

Tatort OpenCircle

Ich möchte kurz einen Schritt zurück machen und darlegen, wie es überhaupt heute zu diesem zündenden Gedanken gekommen ist.

In der WhatsApp-Gruppe unseres OpenCircles schickte heute jemand, den ich sehr schätze und für einen sehr bewussten Menschen halte, einen Link zu einer Webseite. Auf dieser war ein Video nebst Artikel zu sehen, das sich mit der Verschwörungstheorie befasste, wir alle würden durch die Corona-Impfungen mittels mRNA in unserem Verhalten steuerbar. Nichts Neues, kennt man ja. Ich persönlich halte das für ausgemachten Unsinn, aber was weiß ich schon mit meinen lumpigen 3 Jahren Bio-LK?!
Jedenfalls las sich der Titel der Webseite (den ich hier aus gutem Grund nicht nennen werde) schon verdächtig rechts, die Unterüberschrift war dann über jeden Zweifel erhaben. Igitt. Eine kurze Recherche im Netz bestätigte meinen Verdacht. Ich glaube, das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Webseite mit offen rechter Gesinnung öffnete – und das noch ungewollt. Ich fühlte mich beschmutzt, angewidert.

Gleich darauf stellte ich mir die Frage, was denn mit unserem sonst so esoterisch und daher eher links angehauchten OpenCircle geworden war. Wie konnte eine solche Webseite mit derlei Inhalt Einzug in unsere Gruppe finden, die sich meiner Meinung nach selbst als recht reflektiert betrachtet – und das durchaus zu Recht? Meine irritierte Reaktion im Chat „Rechte Propaganda?!“ löste darauf hin eine lebhafte Diskussion aus, auf die es sich an dieser Stelle nicht näher einzugehen lohnt. Das Entscheidende passierte, als ich die eingehenden Nachrichten der anderen Gruppenmitglieder betrachtete und nochmals meine reflexartige Antwort ansah: „Rechte Propaganda?!“ 

Was war da geschehen? In der Gruppe, aber vor allem auch mit mir? Ich hatte einem Video über Psychoneurobiologie binnen Millisekunden die dunkelrote Karte gezeigt, ohne dessen Inhalt zu kennen. Nur, weil es jemand auf eine rechte Propagandaseite eingebettet hatte. Ich hatte nicht mal den Versuch unternommen, mich kritisch mit dem Inhalt zu befassen. Schublade auf, Video rein, Schublade zu. Medienkompetenz sieht anders aus.

Als ich darüber so nachdachte, kamen mir Fragen über Fragen, die ich Stand jetzt auch noch überhaupt nicht beantworten kann:

  • Welche Informationen oder Informationsquellen akzeptieren wir und welche blenden wir bewusst oder unbewusst aus?
  • Was sagt das über uns aus?
  • Glauben oder misstrauen wir gewissen Quellen pauschal?
  • Wenn ja, warum? Oder wenn nein, warum nicht?
  • Wie funktionieren eigentlich diese Informations-/Ideologieblasen und wie können wir sicherstellen, dennoch einen möglichst objektiven Blick auf Themen zu erhalten?
  • Wo ziehen wir als Gesellschaft oder als Individuen die Grenze, die Meinung anderer zu tolerieren oder abzulehnen? Und was macht das mit uns?

Fragen, die ich gerne im OpenCircle thematisieren würde, denn ich habe darauf aktuell keine Antwort. Genauso wenig, wie auf die Frage, wie ich weiterhin mit diesem Thema umzugehen gedenke. Keine Frage, rechts bleibt rechts und wenn du derart menschenverachtendes Gedankengut verbreitest und danach handelst, bist du halt einfach ein Arschloch. Egal ob Extremer oder Kleinbürgerin.

Dennoch habe ich aus diesem Ereignis etwas gelernt: derartige Weltanschauungen verschwinden nicht durch Wegsehen und haben ihre Ursachen in den individuellen Lebensläufen. Viel mehr ist mir daran gelegen, meinen Horizont zu erweitern und mehr darüber zu lernen, wie diese Menschen denken und warum sie das tun. Das löst zwar das Problem in keiner Weise, aber ich denke um Toleranz predigen zu können, bedarf es der Fähigkeit, sich auch mit unangenehmen Themen angemessen auseinandersetzen zu können und sich zumindest anzuhören, was das Gegenüber zu sagen hat.

Dazu fällt mir abschließend ein tolles Projekt ein, von dem ich vor einiger Zeit bei TED gehört habe: My Country Talks. Es werden zwei Gesprächspartner mit gegensätzlichen politischen Ansichten miteinander gematcht und beide sprechen dann einen Tag lang gemeinsam über Politik. Mit wirklich erstaunlichen Resultaten.
Meiner Meinung nach ein wegweisendes Projekt für mehr Toleranz und Verständnis.

Vielleicht ist das ja der Weg? Raus aus unseren Blasen und sich einfach mal mit Menschen unterhalten, die nicht der eigenen Meinung sind…

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