Ich bin heute spontan nach Langeoog gefahren, weil ich Meer brauchte. Weite. Strand. Wind. Einen Ort, an den ich mich schon lange geträumt habe und an dem nicht tausend Dinge gleichzeitig etwas von mir wollen. Ein Ort, wo meine Gedanken frei sein können, wie ein Vogel im Wind. Auf einer Bank am Strand habe ich dann geschrieben. Spontan, einer Intuition folgend – eine Stunde auf meiner Bank am Meer.
Wellen rauschen ganz nah.
Eine Dohle krächzt im Wind.
100 Meter Sand, zwischen hier und dem Meer.
Hier, meine Bank. „In Gedenken an Epi“, steht darauf.
Ich blinzle. Der Schatten einer lautlos nahenden Möwe hat mich erschreckt.
Endlich bin ich hier. Am Meer. Am Strand. Im Wind. Kilometerweit.
Tränen kullern, die der kühle Sommerwind sanft aus meinem Gesicht küsst.
Vom Küssen habe ich geträumt. Aber anders.
Es war erfüllend, erlösend, endlich.
945. 484. 1687. Eine Ansammlung von Strandkörben steht da drüben.
Ein Hund bellt, ein Herrchen pfeift. Die Menschen sind da drüben.
Ich – bin hier.
Das war schon immer so.
Auch, wenn ich mittendrin war.
Sie waren da drüben.
Ich war hier. In meiner eigenen Bubble.
Allein. Nicht einsam.
Ich mag es hier. Auf der Metaebene.
Die Perspektive der Schreiberin. Die Perspektive der Draufsicht.
Alles nicht so nah, mehr wie durch einen beruhigenden Filter.
Nah ist mir nur meine Bank, wie sie mich hält.
Der Sand zwischen meinen Zehen.
Der Wind auf meiner Haut, in meinen Haaren und sein Rauschen in meinem Ohr.
Zwei Damen ziehen vorbei.
Stapfen durch den Sand. Beinahe wie im Watt. Nur sanfter.
Ganz weit weg, ein weißes Segel. Auch eine Art Alleinsein.
Eine Art Metaebene. Dort, auf dem Wasser.
Doch unter mir – ist Sand. Und das ist gut so.
Denn die Erde ist mein Element. Halt gebend.
Wasser ist beeindruckend, Wasser ist Gefahr.
Wie all die 1000 Gedanken, die mich stets begleiten und mich oft genug drohen zu ertränken.
Drowning in thoughts.
Ich will hier nicht weg.
Dieser Moment ist ebenso ewig, wie er vergänglich ist.
Hier, auf meiner Bank, auf der Epis Gedenken neben mir Platz genommen hat.
Unter ihm – oder ihr – fläzt sich ein Neuerwerb.
Ganz Touri habe ich eben in einem Souvenirgeschäft Erinnerungsstücke erworben.
Eines von ihnen, dieses Notizbuch. Denn ich wusste bereits, dass ich am Strand würde schreiben wollen.
Worüber? Das ergibt sich.
Und gleichzeitig weiß ich, dass ich dieses Notizheft wohl niemals werde vollschreiben können.
Weil mich die anfängliche Begeisterung über sein schönes Äußeres und die Idee, am Strand zu schreiben, genau dann verlassen haben wird, sobald ich wieder einen Fuß auf das Festland setzen werde.
Bleiben wird die Erinnerung. Und dieser Text.
Getragen wird er in einer stabilen Strandtasche, die ich ebenfalls erstanden habe. Mit sattem Rabatt.
Doch zuvor verkündete mir die Ladenbesitzerin, dass dies eine Designertasche sei.
Von einer Dame aus Hamburg, die sich mit dieser Marke – sie deutet auf den Schriftzug – selbständig gemacht habe.
Die Tasche sei ganz schön teuer, versichert sie mir, lässt mir dann aber 30% nach.
Ich mache mir nichts aus Designersachen. Aber die Tasche gefällt mir.
Sie ist meine Langeoog-Tasche und trägt ein wenig Meeresrauschen in sich.
Und vielleicht ein paar verirrte Sandkörner.
Der Strand leert sich. Ruhe kehrt ein.
Die Fußballtore stehen verwaist im Sand und rahmen das sich quälend langsam bewegende Segelschiff ein.
Wie ein eckiger Ball, der von rechts nach links geschossen wurde.
In Zeitlupe.
Auf der Metaebene.
Ich will hier nicht weg. Hab ich schon geschrieben.
Es ist die pure Existenz.
Und die Frische im Kopf, als hätte ich vom rechten zum linken Ohr einmal durchgelüftet.
Alle Dämonen haben Freigang, plantschen munter durch die anbrandenden Wellen.
Oder drehen eine Runde mit den Möwen im Wind.
Gerne ließe ich sie hier zurück. Bei Epi und meiner Bank.
Epi würde sich rührend um sie kümmern, da bin ich mir sicher.
Und gleichzeitig sind es eben meine Dämonen.
Sie gehören mir, wie auch dieser Tag am Meer nun zu mir gehört.
Ein Flugzeug brummt gen Osten vorbei.
Eine Möwe gen Westen. Ohne Brummen.
Sie ermahnen mich zum Aufbruch.
Die Inselbahn wartet auf mich.
Und daheim.

