All die Spuren, die wir im Leben hinterlassen, sind nicht von Dauer. Der Strom der Zeit wird sie irgendwann sanft verwischen. Was, wenn nicht jeder Schritt und jede Spur mühsam sein müsste? Weil es am Ende gar nicht darauf ankommt. Sondern darauf, wie wir mit der uns geschenkten Zahl an Schritten umgehen. Ein Moment tiefer Verbindung am Meer hat mich heute sehr bewegt.
Ihr Lieben,
als ich vor zwei Tagen hier an der Nordsee ankam, war mein Kopf noch voll mit all den Herausforderungen, die mich gerade begleiten. Wie ich bereits berichtete, nutzte ich den ersten Abend, um mich an den Strand zu setzen und ein wenig zur Ruhe zu kommen.
An diesem Abend fielen mir Fußspuren im Watt auf. Dort, wo die Leute gelaufen waren, während der Ebbe, und ihre Spuren hinterlassen hatten. Und mir war das Schild „Vorsicht, Rutschgefahr“ aufgefallen, worüber ich schmunzeln musste, weil es an dieser Stelle fast absurd offensichtlich wirkte.
In diesem Moment überwältigte mich der Eindruck dieser kräftezehrenden Fußstapfen im Schlick und den einfacheren Schritten auf der gepflasterten Promenade. Diese Symbolik für ein Leben mit ADHS hat sich über die vergangenen Tage bei mir eingebrannt, weil sie so bildhaft beschreibt, was sonst so schwer zu greifen ist.
In diesen Tagen habe ich viel Zeit am Wasser verbracht, viel Zeit in der Natur, und habe all das auf mich wirken lassen. Die starke Verbundenheit zur Natur hat mich in Teilen reguliert. Mir zugeflüstert, dass es okay ist, einfach zu leben. Wie die Austernfischer, die jeden Tag Dinge tun, die Austernfischer eben so tun. Sie fliegen, rufen, landen, fressen. Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Heute bin ich wieder am Meer.
Heute herrscht Flut.
Der Wind pustet mir ins Ohr und weiße Schaumkronen wandern über das Wasser.
Alles rauscht und überdeckt die Umgebungsgeräusche.
Sehr angenehm.
Während ich hier so sitze und in Richtung Langeoog blicke, kommt mir der Gedanke, dass all die Fußspuren, die vor zwei Tagen noch im Schlick zu sehen waren, alle von der Flut weggewischt wurden. Wie eine höhere Macht, die alles das, was in dieser kurzen Zeit der Ebbe geschaffen wurde, hinwegwischt, als hätte es niemals existiert.
Ich komme nicht umhin, Parallelen zum Leben selbst zu sehen und zu den Schritten, die wir als Menschen im Leben gehen, die ich in meinem Leben gehe. Nur um betroffen festzustellen, dass die Schritte, die ich bisher gegangen bin, überwiegend mühselig und kräftezehrend waren. Und alles, was nicht mühselig war, fühlte sich nicht wertvoll an.
Denn auch in mir lebt jener weit verbreitete Dämon, der stets Geschichten darüber erzählt, dass etwas nur zählt, wenn es auch Mühe gekostet hat. Und vielleicht hängt daran auch noch ein anderer Gedanke: nämlich, dass ein Schritt weniger zählt, wenn ich ihn nicht ganz alleine gegangen bin. Wenn ich Hilfe gebraucht habe. Wenn mir jemand die Hand gereicht hat. Wenn jemand mir ein Stück Last abgenommen hat oder mir geholfen hat, überhaupt wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.
All das fühlt sich in mir so an, als wäre es dann weniger wert. Als hätte ich es nicht wirklich selbst geschafft. Als wäre die Mühe nicht meine eigene gewesen, weil jemand anders etwas dazu beigetragen hat. Und während ich das schreibe, merke ich selbst, wie unsinnig dieser Gedanke eigentlich ist.
Denn wenn ich anderen Menschen helfe, dann fühlt sich das für mich ganz und gar nicht wertlos an. Im Gegenteil. Es hat Bedeutung. Es verbindet. Es ist oft sogar einer der Momente, in denen ich mich besonders wirksam fühle. Warum sollte das also nur in eine Richtung gelten? Warum darf Hilfe für andere wertvoll sein, aber nicht für mich?
Aber was ist, wenn das gar nicht so sein muss? Wenn die Medikamente, die mir mit dem ADHS helfen, mir zumindest zeitweise einen gepflasterten Weg unter die Füße zaubern? Mir weniger beschwerliche Schritte erlauben? Mehr Leichtigkeit, ohne dabei an Wert zu verlieren.
Was ist, wenn das Leben auch einfach weniger mühsam sein kann durch diesen gepflasterten Weg? Ganz anders, als ich es bisher in meinem Leben erlebt habe? Denn am Ende haben wir nur eine bestimmte Anzahl an Schritten, die wir in unserem Leben gehen können, weil unsere Zeit auf Erden begrenzt ist. Und warum muss jeder Schritt dann mühsam sein, einfach nur um zu beweisen, dass ich gelebt habe? Dass ich es wert war, am Leben zu sein.
Warum können einige Schritte von nun an nicht auch einfach leichter sein?
Denn schlussendlich werden auch meine Spuren, werden unser aller Spuren, die wir hinterlassen, hinfort gewischt. Nicht von der Flut, aber vielleicht von der Zeit. Von Dingen, die wir nicht beeinflussen können.
Ich will nicht sagen, dass es deshalb nicht bedeutsam ist. Vielmehr sind die einzelnen Schritte, die wir gehen und die wir in dieser Zeit verbringen, umso bedeutsamer. Und gerade deswegen ist es doch so viel wichtiger, uns das Leben weniger beschwerlich zu gestalten, wenn wir das können.
Ich weiß nicht genau, was ich mit diesem Beitrag überhaupt sagen möchte, außer mein „Spuren im Watt“-Bildnis ein bisschen zu vervollständigen.
Vielleicht geht es mir auch einfach darum, meiner Trauer Ausdruck zu verleihen, die ich gerade empfinde.
Über all die Jahre, in denen ich nicht wusste, dass ich ADHS habe.
Über all die Jahre, in denen ich mich so sehr abgemüht habe in meinem Leben.
Und darüber, nun erkennen zu können, dass es Mittel und Wege gibt, dass nicht alles so mühsam hätte sein müssen.
Eine der zentralsten, augenöffnendsten und zugleich schockierendsten Erkenntnisse der vergangenen Tage mit der Medikation ist, dass sich eben nicht jeder Schritt mühselig anfühlen muss. Sondern, dass es wesentlich einfacher geht. Das erleichtert mich ein Stück weit, weil es Lösungswege eröffnet und mich nicht im Regen stehen lässt.
Und auf der anderen Seite macht es mich unendlich traurig.
Weil sich all die Jahre, ich will nicht sagen „verloren“ anfühlen, aber …
Was hätte stattdessen alles möglich sein können?
Und wie viel leichter hätte es in vielen Situationen vielleicht sein dürfen?
Alles Liebe,
eure Julia

