Und falls der Kopf trotzdem rattert, dann rattert er eben mit Nordseeblick …

Titelbild - Gartenblick mit Laptop, Wasserflasche und Medikinet

Tag 2 mit meiner ADHS-Medikation neigt sich dem Ende zu. Viel ist in diesen 48 Stunden geschehen und ich wünschte, ich hätte meine Diagnose schon viel früher bekommen …

Ihr Lieben,

als ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf der Terrasse, der warme Nordseewind pustet durch die Baumwipfel, eine Taube gurrt und die Schafe auf dem benachbarten Deich mähen fröhlich vor sich hin. Blöken, meine ich. 🙂

Sehr kurz entschlossen habe ich für das Wochenende eine Ferienwohnung am Wattenmeer gebucht … ich musste einfach raus. Weg. Ans Meer. Den Kopf frei kriegen.

Seit Jahren trage ich diesen Wunsch in mir und sage es immer wieder: „Ich will ans Meer„, und meine damit „ich will endlich mal Ruhe in meinem Kopf„.

Der Ofen ist aus

Als ich letzte Woche meine ADHS-Diagnose bekam, löste sich etwas in mir, gleichzeitig konnte ich das lebenslange Maskieren nicht mehr gut aufrechterhalten. Es kostet einfach zu viel Kraft. Es fühlte sich an, als hätte ich die Erlaubnis bekommen, am Ende eines Marathons einfach mal gepflegt zusammenzubrechen.

Denn ich hatte mir die vergangenen Monate schlicht zu viel auferlegt. Ach, Monate. Eigentlich immer schon, seit mich dieser garstige „Ernst des Lebens“ eingeholt hat. Bei der Arbeit, aber vor allem auch darüber hinaus. Viele dieser Lasten lagen und liegen außerhalb meines Einflussbereichs und platzten einfach so in mein Leben. „Tadaaa, hier bin ich! Kümmere dich um mich! Los!“ Ignorieren konnte ich sie nicht (zumindest nicht, ohne meine Werte zu verraten) und so füllte sich meine To-Do-Liste jeden Tag ein bisschen mehr. Und noch eine Schippe mehr Verantwortung. „Du weißt ja, wenn man etwas gut macht, muss man davon mehr machen.“ Dieser Spruch eines ehemaligen Chefs klingt rückblickend wie Hohn.

Tiefe Schuldgefühle

Ich fühl(t)e mich schuldig. Warum war ich nie so richtig in der Lage, mein Leben in den Griff zu bekommen? Selbst, wenn mir kürzlich gespiegelt wurde, dass ich so souverän und abgeklärt wirken würde. Masking. Alles nur verdammtes Masking, um zu Überleben. Deswegen fühl(t)e ich mich auch schuldig. Alle anderen bekommen es doch auch hin. Bei mir gab es hingegen immer nur zwei Zustände: totale Langeweile oder völlige Überforderung oder Erschöpfung. Dazwischen ist nicht viel.

Als meine beste Freundin mir ernsthaft ins Gewissen redete, dass ich scheinbar meinen Energiebogen mal wieder deutlich überspannt hätte, war ich mittelmäßig entsetzt über mich selbst. Ich habe ganz offenkundig kein gutes Gespür dafür, wann es mal genug ist. Und wenn ich so drüber nachdenke, ist das The Story Of My Life. Ich bin immer und ständig über meine energetischen Grenzen gegangen und merkte erst viel zu spät, dass mein Körper mir eigentlich schon lange Warnhinweise geschickt hatte.

Diagnose ADHS – Und plötzlich ergibt vieles einen Sinn

Wie ich in den vergangenen Wochen gelernt habe, bin ich ganz und gar nicht unfähig, mein Leben zu leben. Diese ständige Selbstkritik, nichts so richtig auf die Reihe zu bekommen, hat nichts mit Intelligenz oder mangelnder Disziplin zu tun. Letzteres wurde mir vor allem zu Schulzeiten immer mal wieder gerne vorgeworfen – und das hat mich tief verletzt, weil es nicht meiner inneren Wahrheit entsprach. Damals hatte ich dafür keine Worte. Heute weiß ich: das alles ist ADHS. Und irgendwie habe ich das insgeheim schon immer gewusst. Ich hätte es nie mit ADHS in Verbindung gebracht, wenn die Diagnose in meiner Familie nicht gestellt worden wäre. Mich begleitete stets das Gefühl, mit mir sei etwas falsch. Parallelen zur Transidentität drängen sich förmlich auf.

Stattdessen muss ich jetzt erkennen, dass ich mein Leben lang gegen meine Natur (mein Gehirn) gearbeitet habe, weil es soziale Konventionen und Regeln es so wollten. „Hör auf zu hibbeln! Sei leise! Sei nicht so wild! Übe Klavier! Melde dich, wenn du etwas sagen möchtest!“ Was bei mir als Kind ankam war: „Sei nicht du selbst, denn du bist zu viel und falle bitte um Himmels Willen niemandem zur Last.“ Ich habe nicht aufbegehrt. Ich war ein weitgehend braves Kind. Viel zu brav, wenn ihr mich fragt.

ADHS und seine Kumpels

Wir waren immer im Kampf – meine Gedanken und mein Bewusstsein. Wie oft habe ich mich meinen Kopf angeschrien, er solle endlich die Klappe halten?! Manchmal war es schwer zu ertragen. Kamen dann noch äußere Reize dazu, ging gar nichts mehr. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass meine vor vielen Jahren diagnostizierte Panikstörung, meine Depression vor ein paar Jahren (ich berichtete) und meine „melancholischen Phasen“ in meiner Kindheit und Jugend (auch) mit dem ADHS zu tun hatten. Stichwort Komorbiditäten. Klassiker.

Bestandsaufnahme

Doch kommen wir zurück ins Hier und Jetzt. Mein Ferienwohnungsnachbar traute sich dank der langsam einsetzenden Abkühlung der sommerlichen Hitze auf die Terrasse und grüßte mich freundlich mit „Moin!“ und hält seinen nackten Oberkörper in die Sonne. „Moin!“ flötete ich zurück. Wie schön. Also der Gruß. Der Rest liegt im Auge des Betrachters.

Ich kann noch gar nicht so recht glauben, dass ich wirklich hier bin. Ich habe mir eine Auszeit – nur für mich – genommen. „Egoistin“, blafft mich Pia mit einer Stimme an, die mir nur allzu bekannt vorkommt. Aber der Stolz auf meine Self-Care-Entscheidung überwiegt.

Hey, ich habe mir einen alten Wunsch erfüllt. „Das soll süchtig machen„, schrieb mir die Tage eine liebe Bekannte. Nun, ich hätte nichts dagegen, mir regelmäßig eine solche Auszeit zu nehmen. Ich hätte da noch Irland, Schottland und noch viele andere Orte auf meiner Liste.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, hatte aber ein Vorspiel. Die eben erwähnten Belastungen, die ich hier gar nicht alle aufführen mag. Einige davon auch hausgemacht – danke für nichts, ADHS. Vor allem all meine begonnen Projekte. 19 (sic!) Stück habe ich gestern gezählt. In Worten: NEUNZEHN. WTF?! Nichts davon fertig, aber jedes zieht Energie, weil es ein offenes und lautes Tab in meinem Kopf ist.

Eine Sache ist mir bei meiner kleinen Inventur aufgefallen:
Die akuten Belastungen kommen fast ausnahmslos von außen. Nichts, was ich mir aktiv ausgesucht hätte. Hingegen sind die Dauerbelastungen (neben den Projekten) eher hausgemachter Natur. Was an sich eine gute Nachricht ist, denn dann kann ich durch Eigeninitiative etwas dagegen tun. Allein es fehlte mir bisher der Antrieb dazu. Sprecht mir nach: Danke für nichts, ADHS.

Wie meine Chefin so schön sagte, ich glaube, ich habe das an anderer Stelle schon erwähnt: „Wenn du an etwas Spaß hast, dann gibst du 150%. Und wenn dich etwas langweilt, bleibt es eben liegen oder wird wochenlang zerdacht.“ Welcome to my life. Genau das ist ADHS. Ein Teil davon jedenfalls. Und so toll Hyperfokus sein kann, in dem ich Berge versetzen kann, so düster ist die Paralyse. Völliger Shutdown oder die Unfähigkeit, Dinge zu beginnen. Nicht, weil ich nicht wüsste, wie. Oder nicht wollen würde. Das weiß ich sehr gut und will auch. Sondern weil die Hürde, um ins Handeln zu kommen, kilometerhoch ist. Selbst für vermeintliche Kleinigkeiten.

Es sei auch noch erwähnt, dass ich im Hyperfokus gerne solch grundlegende Dinge wie Essen und Trinken vergesse. Was sich meist irgendwann mit Heißhunger oder Kopfschmerzen rächt. Die andere Seite der Medaille.

Ich will ans Meer!

Ihr könnt euch also denken, wie sehr ich der Medikation entgegengefiebert habe, die gestern begann. „Erwarte nichts„, haben sie gesagt. „Aber hoffen darfst du.“ Oh, wie habe ich gehofft!

Doch bevor es zum „1. Mal: Methylphenidat“ kam, gab mir mein Exfreund einen freundlichen Stubs, gut für mich zu sorgen. Wir spielten gemeinsam „Die Siedler 3“, redeten nicht viel, aber Wesentliches. Ich träumte vor mich hin: „Ach, ich will ans Meer! Wind im Gesicht, Seeluft! Kopf aus, Ruhe vor mir selbst!

Auf die Idee, spontan für das Wochenende etwas zu buchen, wäre ich aber nicht gekommen. Paralyse. Gefangen in der Problem-Trance, würde ich im Coaching-Kontext sagen. Doch sein Schubs veranlasste mich dazu, den restlichen Abend und Teile der Nacht im Hyperfokus Unterkünfte von Südholland bis zur Ostsee zu sichten. Nur, um am Ende völlig überreizt, total frustriert und ohne Ergebnis den Laptop zuzuklappen. Dann würde ich wohl daheim bleiben.

Den Tag darauf wagte ich einen neuen Anlauf, denn der Funke in mir war noch nicht ganz erloschen. Ich fand meine jetzige Unterkunft. Die für ADHS typische Impulsivität kickte rein und ich buchte sofort. Alles andere schien in dem Moment belanglos. Dennoch begleitete mich ein flaues Gefühl im Magen, etwas nur für mich allein zu tun. Doch der Stein war ins Rollen gebracht und so sollte es geschehen. Jedoch nicht ohne weitere Bedenken …

Erste Erfahrungen mit Methylphenidat

Gestern sollte Tag 1 meiner Medikation sein. Nervös, wie damals vor der ersten Östrogendosis, hatte ich auf den Donnerstagmorgen gewartet. Ich sollte vorher etwas essen. Ehrlicherweise einer meiner Endgegner am Morgen. Aber – dem Schubs des Psychiaters folgend – frühstückte ich brav, auch ohne Hunger. Braves Mädchen! Und ich führte Tagebuch:

10:52 Uhr. Ich habe im Bett gefrühstückt, mehr war heute nicht drin. Mit gesundem Respekt löse ich eine Kapsel aus dem Blister, nehme sie ein und stelle fest: es ist getan. Just did it! Dass die Wirkung etwa 30 Minuten auf sich warten lassen würde, habe ich am Vorabend bei der Selbsthilfegruppe schon erfahren. Kaffee habe ich auf Anraten einer anderen Betroffenen auf eine Tasse reduziert, um mich nicht zu fühlen, als hätte ich eine Palette Energy Drinks getrunken. Nervös und mit hibbeligen Beinen warte ich auf etwas, das sich wie „Wirkung“ anfühlt.

11:20 Uhr. Ich habe den Eindruck, innerlich etwas ruhiger zu werden. Körperlich und gedanklich. Meine hibbeligen Beine hibbeln kaum noch, auf Dinge konzentrieren kann ich mich weiterhin nicht.

12:00 Uhr. Meine Konzentration ist besser geworden und ich habe mich dazu entschlossen, einem meiner Projekte nachzugehen. Ich arbeite an einer neuen Version meiner Thunderbird-Erweiterung „TemplateWing“ – ein Open Source Projekt, das es ermöglicht, umfassende E-Mail-Vorlagen in Thunderbird anzulegen und das sich wachsender Beliebtheit erfreut. Ich merke aber auch, dass meine Nervosität wieder zunimmt, weil ich noch so viel andere Dinge zu tun habe und sie vor mir her schiebe: den Koffer für meinen Wochenendtrip packen, zum Beispiel. Ich kann aber keine Motivation finden, aufzustehen.

13:30 Uhr. Ich bin dann eben doch plötzlich ruckartig aufgestanden und habe mich mit einer erstaunlichen Ruhe und Konzentration im Bad hergerichtet, angefangen, den Koffer zu packen und meine Wäsche komplett wegsortiert. Krass! Meine gewaschene Wäsche lag vorher mehrere Wochen unangefasst im Korb. In aller Seelenruhe konnte ich sie falten, sortieren und wegräumen. Nochmal: krass!!! Diese innere Getriebenheit war zwar nicht komplett weg, aber sehr viel ruhiger. Kleine Gedanken machten mich nicht mehr direkt panisch, dass ich sie vergessen könnte. Ich nahm sie wahr und konnte später darauf zurückkommen. Etwas, was ich sonst überhaupt nicht kann.

15:55 Uhr. Ich habe das Gefühl, dass die Wirkung langsam nachlässt. Ein Einkauf mit Kopfhörern und Musik war relativ entspannt möglich, Autofahren war auch kein Problem. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Nebenwirkungen. Puh.

16:30 Uhr. Die Wirkung scheint ganz verbraucht zu sein. Meine Impulsivität kam eben zurück und so fuhr ich sehr spontan in eine nicht ganz so benachbarte Nachbarstadt, um einen neuen Epilierer zu kaufen. Meiner hatte sich am Vormittag geräuschvoll aus dem Leben verabschiedet. Zurückblickend hätte es möglicherweise auch ein Ersatzkopf getan. Naja.
Auf der Autofahrt bekam ich das Gefühl von Rebound, also eine Art Durchhänger, wenn die Wirkung nachlässt. Es fühlte sich an, als würde etwas fehlen – die innere Ruhe war weg. Ich habe damit keinerlei Erfahrung, aber so stelle ich es mir vor, wenn Drogen nachlassen. Das Gefühl verschwand aber recht schnell wieder. Zurück bleibt ein positives Fazit und die Freude auf den nächsten Tag. Denn diese innere Ruhe war derart wohltuend, erholsam und gleichsam belebend. Keine wild rasenden Gedanken mehr, endlich ein Gefühl von „im Gleichgewicht sein“. Again: krass!

Tag 2 mit Methylphenidat

Den heutigen Tag begann ich mit der 2. Dosis, wieder 10mg. Gestern hatte ich Sorgen vor der langen Autofahrt, da Medikinet unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Mein Psychiater hatte mir auch deutlich gesagt: „Sie können damit Auto fahren, Sie müssen aber ganz regulär verkehrstüchtig sein.“ Klaro. Da der gestrige Tag aber so entspannt und ohne Nebenwirkungen verlief, konnte ich heute ohne Bedenken in Richtung Norden aufbrechen. Nichts trieb mich innerlich zur Eile, wie das sonst der Fall ist.

Ansonsten verlief die Autofahrt unauffällig. Ich fühlte mich minimal besser konzentriert und ich fuhr gelassener, weil sich nicht ständig Angstgefühle aufdrängten. Normalerweise habe ich oft Gedanken wie „wenn mir jetzt ein Reifen platzt“ oder ähnlichen Unsinn. Das macht Autofahren für mich manchmal sehr stressig. Diese Gedanken blieben heute aus und irgendwo auf der A31 fiel mir das auf – und ich freute mich. Und ich freute mich über die vielen Pferde, die es unterwegs zu sehen gab. 🙂

Vorläufiges Fazit nach 2 Tagen

Bis jetzt sind meine Erfahrungen ausnehmend positiv, was mich auch noch einmal in der Richtigkeit meiner Diagnose bestärkt. Kleiner Exkurs: Stark vereinfacht gesagt beeinflusst Methylphenidat unter anderem die Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Bei mir fühlte sich das in diesen ersten zwei Tagen nicht wie ein „Aufputschen“ an, sondern eher wie Stabilisierung: weniger inneres Gedankenrasen, mehr Klarheit, mehr Ruhe im Umgang mit meinen eigenen Gedanken. Und genau das passte erstaunlich gut zu dem, was ich mir von der Behandlung erhofft hatte.

Ihr Lieben, nun versinkt die Sonne langsam hinter den Bäumen des Gartens und die Temperatur wird erträglich. Es zieht mich ans Meer. Weg vom Bildschirm, weg von den vielen Reizen, hin zur Ruhe und Natur. Um all das zu verarbeiten.

Alles Liebe,
eure Julia

Wichtiger Nachtrag

Das muss ich euch einfach noch erzählen! Was für ein eindrucksvoller Spaziergang! Ich weiß nicht, ob es am Ortswechsel, den Medikamenten, den für den Moment zurückgelassenen Verantwortungen oder an allen zusammen liegt, aber etwas hat Raum in mir geschaffen, der sich einfach großartig anfühlt.

Die Abendsonne brannte wider Erwarten noch sehr heftig und der eingeschlafenen Seewind tat sein Übriges zum Schwitzen dazu. Dennoch gesellte ich mich gerne zu den anderen paar Menschen, die für einen Abendspaziergang oder eine Runde mit dem Hund den Weg auf den Deich gefunden hatten. „Moin!“ – „Moin!“ Ich mag’s.

Auf Umwegen schaffte ich es dann auch zum Strand, der seinen Namen eigentlich nicht verdient. Bei der Buchung hatte ich an kilometerlange, breite Strände gedacht, wie ich sie zuletzt in Dänemark erleben durfte. Erst nach der Buchung fiel mir auf, dass es so etwas hier gar nicht gibt. Aber sei’s drum.

Ich suchte mir eine freie Bank, mit direktem Blick auf das Watt.
Es herrschte Ebbe. Möwen kreischten, Austernfischer quiekten.
Etwas in mir kam langsam zur Ruhe und schon nach ein paar Minuten nahm ich wieder bewusst und interessiert Dinge wahr, die mich zuvor einfach nur überreizt hätten.

Dieser Moment, lasst ihn mich zusammenfassen:

Dort hinten laufen ein paar Menschen durchs Watt – gelbes T-Shirt hinter rotem T-Shirt. Freudige Kinderrufe.
Ein paar Meter weiter plätschert eine Dusche, wo sich eine Familie gerade den Schlick von den Beinen spült. Neben der Dusche steht ein riesiger blauer Nivea-Ball auf einem hohen Mast – ich muss unweigerlich an die Arbeit denken.

Eine Möwe segelt lautlos über mich hinweg, hinaus ins Watt, in Richtung Insel.
Jene Insel, auf der ich damals auf Klassenfahrt war und auf der ich das einzige Mal klar und deutlich die Milchstraße gesehen habe. Damals, am Strand. Nun ist dieser Strand beinahe zum Greifen nah. Ob ich die Milchstraße heute Nacht auch werde sehen können? Ich will es probieren (Spoiler: ich habe sie dank Wolken nicht gesehen).

Ein Hund bellt irgendwo in der Ferne. Und ein Schaf blökt. Dort muht eine Kuh.
Vom seichten Wind herangetragenen Stimmen säuseln unbestimmt in mein Ohr, während fern von hier ein Schiff über das Watt zu schweben scheint. Motorgeräusche durchbrechen die Stimmung des jungen Abends.

Die Sonne blendet mich, trotz Sonnenbrille. Ihr Licht spiegelt sich im feuchten Watt.
Kleine, schwarze Käfer landen auf meiner weißen Hose. Sie scheinen sich dort sehr wohl zu fühlen.
Wie die Kinder im Watt. Ihre Fußspuren führen durch den Schlick und enden an einer eisernen Treppe. Ich muss schmunzeln und habe das Gefühl, dass dieser Moment geradezu poetisch ist.

Mein Leben ist wie eine Wattwanderung„, überlege ich. Jeder Schritt ist mühsam, weil ich erst einmal ein Stück einsinke. Ich schaue vor mir auf den Boden. Die Promenade ist gepflastert und bietet soliden Halt – im Vergleich zum Watt.
Meine Medikamente sind ein bisschen wie diese Pflastersteine. Durch sie sinke ich nicht mehr so stark ein„, geht es mir durch den Kopf und ich finde mich in diesem Moment wahnsinnig kreativ und muss über mich selbst lachen. Aber es stimmt. Die Medikamente haben mir ein kleines Fundament gebaut, auf dem ich vielleicht werde aufbauen können.

Mein Blick bleibt an einem Schild hängen. „Vorsicht Rutschgefahr„, steht da in erstaunlich unaufgeregtem Grün. So undeutsch. Sonst wird doch überall mit roten Farben auf knalligen Schildern alles optisch schreiend verboten. Aber hier? Ein freundlicher Hinweis – dessen es mit etwas gesundem Menschenverstand aber nicht bedurft hätte.

Ich muss wieder lächeln – Vorsicht Rutschgefahr. Tatsächlich sind die Medikamente keine Garantie für irgendwas. Das ist krasses Zeug und darauf auszurutschen und auf dem Po zu landen ist auch eine Option. Wobei sich die ersten Erfahrungen eher nach der eisernen Treppe angefühlt haben, an dessen Geländer ich mich aus dem Schlick ziehen kann.

Vorsicht Rutschgefahr, Juli!
Ich möchte nicht wieder in den Schlick zurückrutschen.

Mehr und mehr kleine Käferchen mit übertrieben süßen kleinen Rüsselchen flitzen über meine Hose, so dass es mir dann doch irgendwann zu bunt wird – obwohl die Käferchen schwarz sind. Sie fühlen sich dort entschieden zu wohl, beschließe ich. Genauso wie auch diese kleinen Fliegen, die sich später als Kriebelmücken herausstellen werden, als mein Fuß bereits brennt und zerstochen ist.

Ich trete die Flucht an. Schade, denn die Abwehr blutrünstiger Insekten reißt mich aus meinen kreativ umherwirbelnden Gedanken. Während ich da in der Sonne saß, war es nicht ruhiger in meinem Kopf, aber es war … leichter. Der zähe Modder war kurz weg, so dass meine Gedanken in Richtungen fliegen konnten, für die sie zuletzt keine Flügel mehr hatten. Das war erfrischend.

Während ich auf dem Rückweg über all das nachdenke, habe ich das Gefühl, dass genau das eigentlich mein Wesenskern ist. Der freie Geist, der wild Dinge miteinander verknüpft und manchmal auf verrückte Ideen kommt. Der Geist, der nach einem solchen Spaziergang noch solch epische Nachträge schreiben kann, weil es nur so sprudelt. Hallo, innerstes Ich! Schön, dich mal wieder zu sehen, ich habe dich vermisst. Und weißt du was? Während ich das hier so schreibe und mein Laptop rauscht, wird mir klar, dass ich dich sehr liebe! Du wunderbares, kreatives Wesen.

Liebe auf Friesisch

Okay, okay. Zu kitschig? Na, wartet mal ab, da kommt noch mehr!

Denn auf dem Rückweg kam ich an einigen zuckersüßen Kühen und Kälbchen vorbei. Drei standen hintereinander in Reihe und schauten mich gleichzeitig an. Was für ein Bild! Ich habe ein Foto gemacht und mich bei ihnen bedankt.

Die Kühe 🙂

Als ich da so stand, mich mit den Kühen unterhielt, musste ich unweigerlich an einige Hörbücher denken, die ich vor Längerem hörte. Romantische Liebesgeschichten à la „Liebe auf Schottisch“.

Ja, judge me! Ich spreche gerne mit Tieren – und nein, sie antworten (leider) nicht – und ich mag kitschige, romantische Liebesgeschichten. So, jetzt ist es raus!

Und dann fiel mir auf, dass ich im Grunde gerade genau den Prolog einer solchen Geschichte lebe:

Die Hauptprotagonistin hat zahlreiche Probleme in ihrem Leben und fühlt sich ausgelaugt. Nachdem ihre beste Freundin ihr den Kopf gewaschen hat, entschließt sie sich, als Notmaßnahme für ein Wochenende aufs Land, in die Berge oder ans Meer zu fahren, um sich selbst zu finden und wieder mit ihrem Leben klarzukommen.

Und genau dann beginnt der Liebesplot. Vielleicht läuft sie einem Schäfer über den Weg. Oder einem Wattführer. Oder Cafébesitzer. Ihr wisst schon … einer dieser Typen, die mit einem verschmitzten Lächeln und wuscheligen Haaren sofort jedes Herz zu erobern vermögen. Hach …

Wie würde eine solche Szene auf der Bank am Strand verlaufen? Vielleicht so:

Als Julia in Gedanken versunken da saß und versuchte, ihr Leben ein wenig zu ordnen, wusste sie noch nicht, dass die kommenden Tage ihr Leben verändern würden.“ Schnitt.

Normalerweise würde an dieser Stelle vermutlich die zufällige Begegnung mit dem handsome stranger stattfinden. Bei einer spontanen Bootstour zu den Seehunden. Bei einer spontanen Wattwanderung. Im Restaurant. Beim Abendspaziergang. Aus dem Nichts würde dieser geheimnisvolle Kerl auftauchen …

Bislang sind mir allerdings nur Kriebelmücken begegnet.

Wie dem auch sei. Es war eine gute Entscheidung, herzukommen. Entgegen aller Bedenken. Egal, ob da irgendwelche Kriebelmücken, Wattführer oder Schafhirten dabei sind. Das ist vollkommen egal. Das Wochenende hat jetzt schon Dinge in mir wiederbelebt, von denen ich schon ganz vergessen hatte, dass sie je da waren. Und falls der Kopf trotzdem rattert, dann rattert er eben mit Nordseeblick!

Die Medikamente haben das Potenzial, Teil meines neuen Fundaments zu werden. Neben all den lieben Menschen, die mich ermutigt haben, diesen Schritt zu gehen. Hab euch alle furchtbar lieb. Danke, dass es euch gibt!

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