Als ich gegen Ende meiner Transition diese Webseite in „Julia’s Journey“ umbenannte, habe ich scheinbar eine weise Entscheidung getroffen. Denn was ich damals schon wusste und sich aktuell wieder einmal bestätigt: Meine Reise geht weiter. Meine Reise zu mir selbst, zu mehr Selbsterkenntnis, Selbstliebe und Self-Care. Und was das alles mit ADHS zu tun hat, erzähle ich euch in diesem Artikel.
Ihr Lieben,
schon lange habe ich in Bezug auf das Thema Transidentität nicht mehr viel Neues zu berichten, was sich in der geringen Zahl von Artikeln äußert. In diesem Punkt ist meine Geschichte bis auf Weiteres auserzählt. Ich bin da angekommen, wo ich hin wollte. Ich bin davon überzeugt, dass ich erst durch diesen Weg, der oft befreiend und auch mindestens genauso oft ganz schön beängstigend war, einen Platz im Leben erkunden und finden durfte, der sich in vielen Bereichen meines Lebens heute absolut richtig anfühlt.
Partnerschaft
Ich durfte bis vor Kurzem eine 2 1/2 Jahre andauernde vertrauensvolle, tiefenentspannte, respektvolle und unterstützende Partnerschaft mit einem wunderbaren Mann teilen und durch ihn auch viel über mich selbst lernen. Auch heute noch bin ich sehr traurig über das Ende unserer gemeinsamen Reise als Paar, aber ebenso dankbar für die Zeit, die wir hatten. Ja, diese Wochen sind eine harte Lektion im Loslassen für mich und dennoch wächst ein wohlig-warmes Gefühl in mir, wenn ich an all das zurückdenke. Mehr möchte ich aus Respekt und Demut an dieser Stelle dazu auch gar nicht schreiben.
Job
Ihr mögt euch erinnern: 2022 bin ich von einem hochgradig ungesunden IT-Burnout-Job in die Personalabteilung gewechselt, konnte dort in meinem Herzensthema „Agiles Arbeiten“ aufgehen und habe seit März letzten Jahres das Privileg, als Agile und Team Coach ein großartiges Team begleiten zu können. Und gleichzeitig kommen Kolleg*innen aus dem gesamten Konzernumfeld auf mich zu und buchen mich für Einzel- und Team-Coachings, Workshops oder Agile Trainings. Wenn ich das so sagen darf: Es ist mein ganz persönlicher Traum-Job! Ich liebe es, Menschen dabei zu begleiten, wie sie an Herausforderungen wachsen, scheinbar Unmögliches möglich machen oder mir nach Monaten begeistert schreiben, dass sie „wie von Zauberhand“ ihren Traum-Job gefunden haben, zu dem ich sie vorher gecoacht habe.
Da ist einiges richtig gelaufen in den vergangenen Jahren und ich bin ehrlich stolz darauf. Auch und vor allem auf die abgeschlossene Coaching-Ausbildung (wärmste Empfehlung), die ich mir schon seit 10, 15 Jahren wieder und wieder erträumt habe. Manchmal braucht es einfach Zeit, bis der richtige Moment gekommen ist. Und rein beruflich stelle ich heute ohne falsche Bescheidenheit fest: It’s my time!
Ein zweites Standbein
Bevor ich dann endlich mal die Kurve zum Titel dieses Artikels bekomme, möchte ich nochmal schnell die Gelegenheit nutzen und wiederholend begeistert darauf aufmerksam machen, dass ich seit Februar eine Nebentätigkeit im Coaching gestartet habe und mich riesig freuen würde, die eine oder den anderen meiner Leserschaft ebenfalls begleiten zu dürfen. Ich coache dabei unter anderem Themen wie berufliche Entwicklung, Entscheidungsfindung in allen Lebenslagen, (nicht krankheitswertige) Lebenskrisen und natürlich begleite ich LGBTQ*-Menschen auf ihrem Weg – insbesondere trans Personen.
Falls ihr Interesse an dem Thema habt, schaut gerne mal auf meiner Coaching-Webseite vorbei: https://coaching.julia-kalder.de/
Was ist jetzt mit ADHS, Julchen?!
Danke für eure Geduld mit meiner langen Vorrede. Und genau da sind wir eigentlich schon mitten im Thema! Es fällt mir oft schwer, den Fokus zu behalten. Am Anfang des Artikels wollte ich euch etwas über ADHS erzählen, doch dann wurden die anderen Themen auch total interessant für mein Gehirn und so geschah, was eben geschah. Und ja: ich hege einen gewissen Verdacht, mein neurodivergentes Hirn, das mir mutmaßlich schon die Transition beschert hat, könnte auch eine mittelgradige ADHS beheimaten.
Das Witzige daran: Die vergangenen Wochen fühlen sich ein bisschen so an wie die Zeit nach meinem inneren Coming-out 2020. Zwar liegt noch keine Diagnose vor, aber dennoch würde eine solche sehr viele Dinge in meinem Leben retrospektiv erklären. Und solche Momente finde ich immer wahnsinnig spannend und erhellend.
Doch wie komme ich überhaupt darauf? Ohne näher ins Detail gehen zu wollen, schöpfte ich schon vor einigen Monaten dezenten Verdacht, als bei uns in der Familie eine ADS-Diagnose gestellt wurde und ich erfuhr, dass AD(H)S auch genetisch veranlagt sein kann. Bis zu diesem Zeitpunkt verstand ich mich (und tue das auch heute noch) als hochsensible Person (HSP) mit besonders ausgeprägter Sensibilität für andererleuts Emotionen – ein Umstand, der mir im Coaching durchaus zu pass kommt.
Der Groschen ist gefallen
Jener Aha-Moment, den ich auch irgendwann Mitte 2020 in Bezug auf meine Transidentität hatte, kam dann aber beim Schauen eines Videos meines sehr geschätzten Lieblings-Youtubers Morpheus, a.k.a. Cedric Mössner. Hier der Link zum Video: https://youtu.be/yc92gSewiaU?si=TOn_F1amQqE1NzVx
Cedric berichtet darin sehr offen und transparent über seine ADHS- und Autismus-Diagnose (auch als AuDHD bekannt), den Diagnoseprozess selbst und vor allem sein Empfinden. Es folgte eine Beschreibung nach der nächsten und abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen hatte ich das Gefühl, Cedric erzähle da aus meinem Leben, respektive meinem Innenleben. Inklusive all der Probleme, die daraus resultieren, die ich aber mein Leben lang als „normal“ abgetan und Methoden entwickelt habe, mit gewissen Dingen mehr oder weniger gut umgehen zu können.
Spätestens ab diesem Moment vor ca. 3 Monaten begann es in mir zu arbeiten und ich begann zu recherchieren. Ich machte Selbsttests (allesamt eindeutig im Ergebnis), las Artikel, schaute ADHS-Dokumentationen und Berichte von Betroffenen. Am Ende dieser Forschungsreise war ich um einiges schlauer und hatte erkannt, dass meine bisherigen Coping-Strategien nicht mehr gut funktionierten. Denn spätestens seit Beginn meiner Hormontherapie begann diese Fassade brüchig zu werden – den genauen Mechanismus dahinter habe ich noch nicht verstanden, aber für den Moment mag das auch weniger von Belang sein. Deren Aufrechterhaltung, also der Versuch, im Alltag zu funktionieren und unauffällig zu sein, kostete jedoch immer mehr Kraft, die ich schlicht nicht mehr aufbringen konnte. Das Ergebnis waren emotionale Zusammenbrüche, weil mich mein Alltag schlicht und ergreifend überforderte.
Aus dieser Zeit stammt auch eine Aussage meines Ex-Partners, die ich bis heute in meinem Herzen trage: „Tu, was dir gut tut!“
Eigentlich! … Aber!
Eigentlich weiß ich immer sehr genau, was zu tun wäre, um Dinge in Ordnung zu bringen – nehmen wir einfach mal den Haushalt als simples Beispiel. Die Spülmaschine ausräumen? Easy. Ist doch in 5 Minnuten gemacht. Oder den Müll runterbringen. Keine 2 Minuten. Das ist alles total logisch und man sollte meinen, dass die Umsetzung ebenso geradlinig verläuft. Und ich vermute, bei den meisten Menschen tut sie das auch.
Aber der permanente Lärm im Kopf führt immer wieder zu einer Art Paralyse. Ich habe oft den Vergleich gelesen, dass ADHS sich anfühlt, wie hunderte offener Browser-Tabs im Kopf, die alle gleichzeitig nach Aufmerksamkeit schreien. Dieses Gefühl kann ich bestätigen. Sich bei diesem inneren Lärm (dem nach innen gerichteten „H“ in ADHS) auf eine Sache zu konzentrieren, gleicht einem Spießrutenlauf, der oft genug mit Resignation endet und sich in Form von Prokrastination – „Aufschieberitis“ – Bahn bricht.
Erste Hilfe
Erst letzte Woche fand ich heraus, dass White Noise (Weißes Rauschen) oder leise Klaviermusik eine Art Filter in meinen Kopf legt, der es mir überhaupt erst ermöglicht, mich zum Beispiel auf das Lesen eines Buches zu konzentrieren. Vom Schreiben meines eigenen Buches über die Transition möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Denn das ständige Spannungsfeld zwischen „Oh, guck mal, da ist etwas Neues! Lass uns das sofort erforschen!!!“ und „Ich schaffe es einfach nicht, längerfristige Dinge zu Ende zu bringen“ ist sehr kräftezehrend.
Nun, um die Ausführungen um mein inneres Erleben ein wenig einzukürzen: Am Ende stand für mich die Frage, ob ich den vermeintlich mühsamen und langen Weg einer ADHS-Diagnose gehen möchte oder nicht. Da wir Coaches in Ausbildung zum Tag unserer Prüfung auch ein eigenes Thema mitbringen sollten, ließ ich mich genau zu diesem Anliegen coachen. „Möchte ich den Weg einer ADHS-Diagnose gehen?“
Meine liebe Kollegin Nancy begleitete mich großartig durch meinen Ich-denke-laut-Prozess, an dessen Ende eine klare Entscheidung stand: ja, ich will!
Nutzen einer Diagnose – Teil 1
In Gesprächen wurde ich einige Male gefragt, was ich mir von einer eventuellen Diagnose erhoffen würde. Was wäre dann anders oder besser?
Ich glaube, es würde mir ähnlich gehen, wie mit der F64.0-Diagnose (Transidentität): Es würde mich im ersten Schritt erleichtern. Zum einen, weil es mich in meiner Eigenwahrnehmung bestätigen würde und zum anderen, weil ich endlich einen Namen für das hätte, was mich schon so lange beschäftigt.
Ich schreibe bewusst „so lange“, denn ein wesentlicher Teil von ADHS ist, dass die Symptome schon seit der Kindheit bestanden haben müssen. Ähnlich wie bei Transidentität auch. Während ich letzteres zweifelsfrei bestätigen kann, bin ich mir bei ADHS nicht 100%ig sicher. Meine Mama sagte sofort: „Aber du warst doch gar kein zappeliges Kind.“ Stimmt, war ich nicht. Ich bin auch heute kein zappeliger Mensch. Doch wie ich bei meiner Recherche gelernt habe, richtet sich das „H“, der hyperaktive Teil, vor allem bei Mädchen und Frauen oft nach innen, nicht nach außen. Und an dem Punkt bin ich wieder im Spiel.
Die Ruhe in Person
Menschen sagen immer wieder zu mir: „Boah, ich bewundere deine Ruhe in stressigen Situationen. Du bist die Ruhe selbst.“ Da kann ich nur verschmitzt lächeln und erwidern: „Schau mal in meinen Kopf, da herrscht die Apokalypse.“ Ob das als Kind auch schon so stark war, kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Es gibt jedoch gewisse Indizien, die darauf hinweisen. Ich konnte immer viel besser mit Musik meine Hausaufgaben machen, was meine Mama stets mit einem „mach die Musik aus, du kannst dich ja gar nicht konzentrieren“ kommentierte. Doch das Gegenteil war der Fall.
Auch im Lesen war ich schon immer vergleichsweise schlecht. Ich las um Welten langsamer als alle anderen, was mich oft in Schwierigkeiten brachte. Kaum hatte ich einen Satz gelesen, musste ich ihn noch einmal lesen. Und vielleicht ein drittes Mal. Weil von dem Gelesenen einfach nichts „hängen blieb“.
Nutzen einer Diagnose – Teil 2
Ich schweife wieder ab. Zurück zum Nutzen: Neben Klarheit hoffe ich auch auf die Möglichkeit, medikamentös eingreifen zu können. Es würde mir wenigstens ermöglichen, mal 2, 3 Stunden konzentriert an einem Thema zu arbeiten. Daran ist gegenwärtig nicht zu denken. Für das Schreiben eines Workshop-Konzepts benötige ich 2 Wochen, weil ich nur häppchenweise daran arbeiten kann. Dankenswerterweise ermöglicht mir mein Arbeitgeber auch ohne ADHS-Diagnose viel Zeit im Homeoffice. Das ist keine Garantie für vollkommen konzentrierte Arbeit, aber es hilft. Im Büro herrscht allen Ortens die Ablenkung und außer Meetings und persönliche Treffen bekomme ich dort in der Regel nichts gebacken. Einziges Hilfsmittel: Kopfhörer und Musik. Abschirmung. Neben Kopfhörern noch die Möglichkeit zu haben, zeitweise per Medikamente in einen konzentrierten Flow zu kommen, wäre lebensverändernd für mich.
Das Gefühl, mein Leben lang mit angezogener Handbremse gefahren zu sein, dürfte sich damit in Wohlgefallen auflösen. Das hat es zwar bereits zu einem Großteil nach dem Ende der Transition und dem Beginn meiner Coaching-Tätigkeit, aber ein merklicher Rest hat weiterhin Bestand.
Apropos Coaching
Hier findet sich sie perfekte Brücke zu einem möglichen ADHS. Denn wie durch eine Fügung des Schicksals, habe ich im Coaching eine Berufung gefunden, die geradezu mustergültig zu dem passt, wie mein Hirn arbeitet. Im Coaching bin ich ständig neuen Reizen und neuen Themen ausgesetzt. Das feiert mein Hirn! Ich liebe Neues! Und gleichzeitig sind Coaching-Sessions mit in der Regel 90 Minuten kurz genug, so dass für diese Zeit das Neue meine Aufmerksamkeit fesseln kann. Ein absoluter Sweet Spot für meinen Kopf. Kommen dann noch Team Workshops, Keynotes und andere kreative Formate hinzu, bin ich happy. Zumal all diese Formate mir insofern auch Zufriedenheit schenken, weil ich aufgrund ihrer Kürze in der Lage bin, sie erfolgreich abzuschließen. Ein Umstand, der mir in früheren Jobs oder in anderen Bereichen meines Lebens oftmals verwehrt blieb oder bleibt. Stichwort Buch. Stichwort Coaching App. Ach, von letzterer habe ich euch noch gar nicht erzählt, oder? Dazu andermal mehr, falls ihr aber schon einmal einen Blick auf mein kleines Nebenprojekt werfen möchtet, schaut gerne mal dort vorbei: https://www.bold-bloom.com/
Die Reise beginnt Die Reise geht weiter
So sehr mich die Symptomatik einer eventuellen ADHS im Alltag belastet und zunehmend ernsthaft behindert, so wenig hadere ich damit. Es würde einfach so viel erklären und mir eine Last von den Schultern nehmen. Und es mir vielleicht sogar erleichtern, etwas milder mit mir selbst und meiner inneren Kritikerin Pia ins Gericht zu gehen. Ohne eine mögliche Diagnose als Ausrede nutzen zu wollen.
Insofern freue ich mich beinahe auf den morgigen Tag, an dem ich meinen begründeten Verdacht erstmalig bei meinem Hausarzt vortragen werde. Ihr seht: ich stehe noch ganz am Anfang. Aber das schreckt mich nicht. Ich habe die Transition hinter mich gebracht, da kann mir ein Diagnose-Prozess zu ADHS nicht mehr viel anhaben – zumal ich es nicht eilig habe. Anders als damals, als ich es kaum erwarten konnte, endlich die medizinischen Schritte gehen zu können. Ich gehe heute viel gelassener an das Thema ran.
Da meine Reise, Julia’s Journey, spannend weitergeht, halte ich euch gerne mit Selbsterkenntnis auf dem Laufenden. Immer mit dem Wunsch, einigen von euch damit vielleicht auch helfen zu können. So wie Cedric / Morpheus mir geholfen hat, indem er offen über seine Diagnose gesprochen hat (danke dafür). Und wenn am Ende dann vielleicht sogar Mittel und Wege für mich existieren, so richtig in den Flow kommen zu können, dann rückt auch die Fertigstellung meines lange versprochenen und oft verschobenen Buches wieder in greifbare Nähe…möglicherweise mit einem Cliffhanger zum Thema ADHS, wer weiß. 😉
Alles Liebe,
eure Julia
PS: Das Titelbild symbolisiert ein wenig den Dauerzustand im Inneren meines Kopfes. Bunt, wild, chaotisch, laut. Aber irgendwie auch liebenswert. 😉

