Am Anfang war die Selbsterkenntnis. Dann war da ein Wort und mit ihm eröffnete sich mir eine Sprache, um mein tägliches Erleben in lebhaften Bildern beschreiben und verstehen zu können. Plötzlich kamen Zweifel und Angst, dieses Wort wieder verlieren zu können und sprachlos im Regen stehengelassen zu werden. Jenes Wort ist „ADHS“.
Ihr Lieben,
eines vorweg: bitte seht mir meine künstlerische Freiheit nach, die Abkürzung „ADHS“ als Wort bezeichnet zu haben. „Abkürzung“ hätte im Einleitungstext aber dann doch arg unsexy geklungen.
Lasst mich zunächst an den letzten Artikel zu diesem Thema anknüpfen, in dem ich das Gefühl beschrieb, dass der Groschen gefallen sei und ich endlich einen Begriff für all das gefunden habe, was mich schon so lange umtreibt. Im harten Kontrast steht dazu mein heutiges Gefühl, als habe man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Doch eins nach dem anderen. Rückblende:
Ein Wochenende nach meinem Geschmack
Nachdem ich in der vergangenen Woche wiederholt die unschöne Erfahrung eines Zustands machen durfte, auf den die Beschreibung „ADHS-Paralyse“ passt, sehnte ich mir das Wochenende herbei, an dem ich (fast) keine Verpflichtungen haben würde. Für Samstag und Sonntag drehte ich meine sozialen Kontakte (fast) auf Null, schaltete mein Handy auf „Nicht stören“ und tat das, was mein Körper so sehr verlangte: schlafen, schlafen, schlafen. Beinahe den gesamten Samstag schlief ich. Und den Sonntag gestaltete ich mit Dingen, die mir Spaß machten. Ich bastelte an meinen kleinen und großen Software-Projekten, die mir weiterhin große Freude machen. Ich hörte Radio, Podcasts, lauschte den Vögeln im Garten und sah (fast) keinen Grund, mich für längere Zeit aus dem Bett zu bewegen.
Als ich heute, am Montagmorgen, aufgestanden war, fühlte ich mich überraschend frisch und vergleichsweise energiegeladen. Einige körperliche Symptome, die mir zuletzt zwei Wochen lang Kopfzerbrechen bereitet hatten, waren (fast) wie wegradiert. Und im Laufe des Tages fand ich Kraft für eine Aufgabe, die mich noch 72 Stunden zuvor überfordert und in besagte Paralyse verfrachtet hatte.
Kurzum: ein Wochenende mit Unmengen Schlaf, kaum sozialen Kontakten und einer Tagesgestaltung in meinem ureigenen Rhythmus schienen Wunder bewirkt zu haben. Ein starkes Zeichen, nicht wahr? Nur wusste ich in diesem Moment noch nicht, ob dieses Zeichen mir Sicherheit geben oder mich wenige Stunden später erst recht verunsichern würde.
Ein Arztgespräch mit Folgen
Am Nachmittag tat ich das, was ich mir zu tun vorgenommen hatte: Ich untersuchte meine Optionen und mögliche offene Türen in Bezug auf eine ADHS-Diagnostik.
Will sagen: Ich hatte ein ärztliches Gespräch und schilderte meine Situation in der Hoffnung, irgendeine Form von Orientierung zu bekommen. Die bekam ich auch in Form von zwei nächsten kleinen Schritten. Und dennoch verließ ich die Praxis mit einem diffus unguten Gefühl.
Erst etwas später wurde mir klar, dass dieses Gefühl etwas war, das ich in einem späteren Telefonat am Abend als „ich fühlte mich in meiner Selbstwahrnehmung nicht ernst genommen“ beschrieb. Versteht mich nicht falsch, mir wurde aufmerksam zugehört, eifrig etwas in den PC getippt und parallel etwas recherchiert. Doch, ohne dass es konkret ausgesprochen wurde, entstand in mir ein Satz, der sich ziemlich unheilvoll anfühlte: „Vielleicht bilden Sie sich das mit dem ADHS nur ein. Vielleicht ist das in Wirklichkeit alles nur Stress.“
Eine Sprache für meine Innenwelt
Spät am Abend, als die Welt langsam zur Ruhe kam, geschah in mir das Gegenteil. Dieses seltsame Gefühl kam wieder und nagte an mir und zog mir den Boden unter den Füßen weg. Nicht, weil ich unbedingt exakt diese Diagnose zu bekommen hoffe. Sondern weil es mir den Halt nahm, den ich zuletzt gefunden hatte. All meine Recherchen und letztlich das Wort (oder Label) „ADHS“ hatten mir eine Sprache und mögliche Erklärung dafür bereitgestellt, mit der ich mein inneres Erleben erklären und verstehen kann. „ADHS“ gab mir Worte dafür, warum ich manchmal hochgradig produktiv und manchmal vollkommen erschöpft bin. „ADHS“ gab mir ein „es ist ok“ dafür, dass mich soziale Interaktionen so viel Energie kosten, dass ich danach mehrere Tage alleine Zeit für mich brauche, um wieder klarzukommen. Und es gab mir Erklärungen dafür, warum zeit meines Lebens so ein Lärm in meinem Kopf herrscht.
Plötzlich drohte dieses Arztgespräch mir diese Sprache der Selbsterkenntnis und -offenbarung wieder nehmen zu können. Das erfüllte mich mit Angst, einfach im Regen stehen gelassen zu werden. Nass bis auf die Haut, mit einer vermeintlichen Erkenntnis im Sinn und ohne Aussicht auf Wetterbesserung.
Hilfe zur Selbsthilfe
Schon vor Tagen hatte ich mich schlau gemacht und nach Selbsthilfegruppen gesucht, da ich dieses Format des Austausches schon während meiner Transition als sehr wertvoll empfunden hatte. Es kostete mich dennoch einiges an Überwindung, den Gründer der Selbsthilfegruppe meiner Wahl am Abend anzurufen – ich habe noch nie gerne telefoniert. Zu meiner Überraschung entspann sich jedoch ein einstündiges offenes Gespräch, das ganz anders verlief, als der Arzttermin zwei Stunden zuvor. Mein Gegenüber nahm mich ernst, stellte meine Wahrnehmung nicht infrage – ganz im Gegenteil. Oft hörte ich ein wissendes „willkommen im Club“ oder „kommt mir bekannt vor“.
Dennoch verunsicherte mich ein Umstand im Anschluss an das Gespräch und rüttelte von einer anderen Seite aus an meiner bisherigen Selbsterkenntnis: Mein Gesprächspartner berichtete von einer leidvollen Lebensgeschichte, in der ADHS viele Türen verschlossen gehalten hatte und Konstanz eher ein Fremdwort war. Kann ich das auch über mich sagen? Nein, ich denke nicht. In der Außenschau wirkten meine Probleme plötzlich eher wie Problemchen. Und sofort meldete sich dieser fiese Impuls, mich dafür selbst lächerlich zu machen.
Was da mit spitzer Zunge in mein Ohr gesäuselt wurde, war ein fieser Winkelzug eines Persönlichkeitsanteils, den ich an dieser Stelle einfach mal „den fiesen Gnom“ taufen möchte. Schon während der Transition hatte er mir dann und wann ein hinterhältiges „du bist nicht trans genug“ ins Ohr gezischt und damit aktiv Selbstzweifel gesät. Das kann er nämlich perfekt, dieses „du bist nicht …. genug“. Das ist seine Paradedisziplin und ich glaube, er ist der beste Freund meiner inneren Kritikerin namens Pia (ihr erinnert euch). Welch unheilige Allianz. Denn heute quoll ein hämisch grinsendes, zuckersüß gesungenes „Dir geht es nicht schlecht genug für ADHS“ über seine Lippen.
Kein Wunschkonzert
Letztlich geht es mir auch gar nicht um diese vier Buchstaben. Ich möchte nicht, dass es um jeden Preis ADHS ist. Aber ich merke, dass ich Angst habe, dass es nicht ADHS ist. Weil es mir zum ersten Mal Worte und Verständnis für Schwierigkeiten gibt, die real sind. Wenn es nicht ADHS sein sollte, brauche ich trotzdem eine Erklärung, die diese Realität ernst nimmt und die mir Halt geben kann.
So sehr mich der heutige Tag auch bewegt hat, eine Sache bleibt: mein Entschluss, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und am Ende eine Erklärung für all das zu bekommen. Egal wie sie am Ende des Tages betitelt wird.
Meine Reise geht also weiter. Nicht mit einem fertigen Label. Sondern mit Fragen, Beobachtungen, Zweifeln und der Hoffnung, mir selbst noch ein Stück näherzukommen.
Alles Liebe,
eure Julia

