Anprobe

Covid traf mich härter, als ich erwartet hatte. Doch ich weile wieder unter den Lebenden, kämpfe mich zurück in den Alltag…und erlebe dabei lustige Anekdoten.

In meinem jugendlichen Leichtsinn dachte ich ja zu Beginn meiner Covid-Infektion, ich könne viel Zeit in Blogartikel investieren, während ich mich auf oder im Bett erhole. Da hatte ich die Rechnung aber ohne das Virus gemacht!
Denn es traf mich dann doch härter, als ich erwartet hatte. Hohes Fieber, Husten, Schmerzen am ganzen Körper, Schwindel, vollständige Antriebslosigkeit und ein unbändiger Schlafbedarf waren nur die Spitze des Eisbergs, die mich trotz Booster-Impfung die vergangenen Wochen begleiteten. Zwischendrin setzte ich an, nahm meinen Laptop auf den Schoß und begann zu schreiben. Aber nur, um mein Schreibgerät keine 5 Minuten später wieder lustlos und im Halbschlaf bei Seite zu stellen.  Doch obwohl ich seit gestern wieder arbeiten gehe, bin ich von „100% fit“ noch ein ganzes Stück entfernt. Ich huste weiterhin, bin schnell außer Atem und das Atmen an sich fällt mir schwerer als sonst.

Aber genug gejammert, es geht weiter bergauf – möge es so bleiben.

Ein Shopping-Quicky

Doch ich bin völlig vom Thema abgekommen, so viel wollte ich von diesem Thema ursprünglich gar nicht berichten. Naja…musste nach all der Zeit wohl mal raus und ich bin ausgesprochen gespannt, welche entsetzten, belustigten oder sonst wie zu charakterisierenden Kommentare ich von euch zu dem Thema erhalten werde. 🙂

Themenwechsel. Es geht jetzt um ein total cooles und auch lustiges Erlebnis, das mir (mal wieder) gezeigt hat, wie sehr mein Umfeld mich als Frau angenommen hat. Vielleicht in manchen Punkten sogar schon mehr, als ich selbst. Schon witzig, denn sonst war ich immer diejenige mit dem Vorsprung in meiner Entwicklung und mein Umfeld hatte manchmal Mühe, mit meinem Tempo Schritt zu halten. In diesem Punkt scheinen mich meine Mitmenschen vielerorts überholt zu haben.

Nun, jedenfalls war ich heute mit einer Kollegin zum Mittagessen verabredet, die ich ewig nicht gesehen hatte. Doch bevor es dazu kam, rief mich meine Kollegin ganz aufgelöst an. Ob ich super spontan mit ihr raus gehen würde (das Werksgelände verlassen), um ihr kurz neue Klamotten zu shoppen. Sie wäre heute total im Stress, ihr Kleid sei nass geschwitzt bei den Temperaturen und so könne sie nicht den restlichen Tag verbringen!
An der Mischung aus Belustigung und Mitgefühl hätte ich mich beim Grinsen fast verschluckt und ließ mich sofort auf diese kleine Shopping Tour ein. Wir eilten „ins Dorf“, wie man bei uns zu sagen pflegt. Wobei „das Dorf“ lediglich einen dicht bebauten und eher unansehnlichen Stadtteil der Stadt Düsseldorf verniedlichend umschreibt.

So ergab sich also doch noch die kurze Chance für uns, ein wenig zu quatschen, während wie uns im Schatten haltend zum nächst besten Ernsting’s pirschten. Im Schnelldurchlauf flitzten wir durch die Gänge, stimmten Geschmäcker ab, ärgerten uns über unpassende Größen, schwankten zwischen Kleidern, Röcken, Blusen und Hosen und eilten dann in Richtung Umkleide. Während meine Kollegin sich flux umzog, schaute ich mich weiter nach Alternativen um.
„JULIA!“ hörte ich sie durch den halben Laden rufen. Ich eilte zur Umkleide und sollte etwas tun, was mir in meinem früheren Leben wohl so nie passiert wäre – und ich feiere es noch immer aus tiefstem Herzen: ich sollte ihre Garderobe kritisch begutachten. Passte dieses Teil zu dem anderen? Und war es geeignet für’s Büro? Nein, das sah zu sackmäßig aus und die Farbe der Bluse passte beim besten Willen nicht zum Rock! Aber diese Kombi, ja, die passte!

Oh nein, jetzt hab ich gerade nichts für unten drunter, aber guck doch mal bitte, ob diese Bluse so passt?!„, tönte es leicht hektisch hinter dem Vorhang. Unweigerlich schoss mir ein „Ich soll jetzt hinter den Vorhang schauen? Krass, so offen gehen Frauen also unter einander mit sowas um?“ durch den Kopf. Ich meine…wir verstehen uns gut, sind aber „nur“ Kollegen. Und plötzlich steht meine Kollegin mehr oder minder in Unterwäsche vor mir. Aber das eigentlich Spannende daran war: das fühlte sich für mich völlig normal an. Also…irgendwie unspektakulär. Nicht schambehaftet oder so. Es ging eben um die Sache…die Mission! 🙂 Fertig. Es war, als müsse das (unter Frauen) so sein. Genau so und nicht anders. Ohne irgendwelche seltsamen, testosterongesteuerten Hintergedanken, die mein Hirn in früheren Jahren möglicherweise hätte zu produzieren gewusst. Null. Nada. Ich nahm es als das, was es war: eine spontane Rettungsaktion einer guten Kollegin und ich genoss es total, einfach als Frau angenommen und eingebunden zu werden. Ich weiß nicht, ob ihr das nachfühlen könnt, aber dieses Erlebnis hat in Bezug auf meine Transition und Selbstfindung eine riesige Bedeutung!

Nun bin ich bekanntermaßen noch nicht sooo lange offiziell im Mädels-Business, aber ich würde jetzt einfach mal behaupten: ja, genau so machen wir Frauen das! Wir helfen einander in der Not, egal ob diese Not ein gebrochenes Herz, ein gebrochener Absatz an den High Heels oder ein vom Sommer beflecktes Kleid ist. Und wisst ihr was? Ich liebe das!
In solchen Situationen merke ich wieder und wieder, wie sehr mir genau solche kleinen Alltagsbegegnungen unter Frauen mein Leben lang gefehlt haben, ohne dass ich es direkt hätte benennen können. Ich konnte ja früher nie Teil davon sein. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass mich besagte Kollegin vor meiner Transition mit zu Ernsting’s geschleppt hätte? Wohl kaum – würde ich offen gestanden auch mit keinem Mann / Kollegen machen. Dieses Erlebnis grenzt für mich daher schon beinahe an einen Adelsschlag durch die Frauenwelt. Und obgleich es mich stört, noch so sehr auf externe Bestätigung angewiesen zu sein, habe ich heute meinen Frieden damit und betrachte es als Teil des Prozesses. Als weiteres Puzzleteil, das meine Grundmauern nachhaltig festigt.

Lecker Lunch

Jedenfalls stiefelten wir wenig später gut gelaunt, lachend und erleichtert aus dem Laden – die Not war abgewendet worden, das Mittagessen konnte beginnen. Selbst die Verkäuferin hatte bei unserem kleinen Shopping Abenteuer mitgespielt, meine Kollegin samt angezogener neuer Kleidung hinter die Kasse gebeten und sowohl Schildchen und Diebstahlsicherung direkt „an der Frau“ entfernt. Ich muss noch immer breit grinsen, wenn ich an dieses Bild denke… 😀

Zum Mittagessen selbst gibt es gar nicht viel zu sagen, es war eben ein solides Mittagessen. Aber dieses Ereignis hallte für mich noch nach. Es war einfach so eine tolle Erfahrung, weil für meine Kollegin einfach vollkommen klar war: Julia ist eine Frau und diese Frau kommt jetzt mit mir Klamotten shoppen. Fertig! So einfach kann es sein.
Und genau so wünsche ich es mir. Ich will mehr solcher positiven Erlebnissen, denn wie ich schon sagte: in diesem Punkt ist mein Umfeld manchmal schon ein Stückchen weiter als ich selbst. Stichwort Dysphorie. Mit der haben die meisten meiner Mitmenschen natürlich nicht zu kämpfen, sondern können mich einfach so nehmen, wie ich bin.

Das darf ich auch tun…
Hörst du, Dysphorie?!?
DAS DARF ICH AUUUCH TUUUUUN!!!

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One Thought to “Energiefresser Covid”

  1. Simone

    Liebe Julia,
    ich bin amüsiert über Deine Shopping-Tour. Ja, so machen wir Frauen das eben. Deine Kollegin scheint richtig cool zu sein und hat Dich offensichtlich voll und ganz akzeptiert. Warum sollte Sie auch nicht, denn Du bist hübsch, klug, freundlich und herzlich.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und freue mich hier bald wieder etwas zu lesen.

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