Ein Teil von mir, auf den ich nicht stolz bin, meldet sich zurück

Zwei Frauen am Wasser

Bedürftigkeit. Das war das vorherrschende Gefühl vor 5 – 7 Jahren. Meine Lebenssituation war eine völlig andere und ich befand mich konstant in emotionaler Ausnahmesituation. Dieses Damals hat eine Verbindung zum Heute und meiner Transition. Dennoch hadere ich schwer damit.

Vor etwa 7 Jahren zeigten sich die ersten deutlichen Anzeichen, dass meine damalige Ehe keinen dauerhaften Bestand mehr haben konnte. An meine Transidentität war damals noch nicht zu denken. Vor 6 Jahren war die Ehe dann zu Ende und das folgende Trennungsjahr war mutmaßlich für alle Beteiligten die Hölle.
Doch es gab etwas in diesen Jahren, was mir emotionalen Halt gab. Oder besser jemanden. Und offen gestanden weiß ich bis heute nicht, wie dieser jemand es so lange mit mir ausgehalten hat.

Warum ich überhaupt auf dieses aufwühlende Kapitel zurück schaue, hat einen banalen wie beinahe witzigen Hintergrund. Vor einigen Tagen schaute ich „Superstore“ auf Netflix und Hauptdarstellerin Amy erinnerte mich total an diesen jemand. Genau genommen war es eine „sie“. Uns verband eine Art Seelenverwandtschaft, die man selten findet und die über normale zwischenmenschliche Verbindungen hinausgeht. Die Umstände ließen aber keine echte Freundschaft zu, niemand in unserem Umfeld hätte damit umgehen können, weil es vermutlich niemand verstanden hätte, was uns innerlich verband.
Im Laufe der folgenden Jahre hatte ich sie eigentlich schon komplett aus meinem Leben gestrichen und so überraschte mich selbst, dass plötzlich diese Ähnlichkeit bei Netflix auftauchte. Das ließ mich jedoch weitgehend kalt. Ja, ich dachte entfernt und kurz an sie und fragte mich, wie es ihr wohl heute geht. Wir haben seit 5 Jahren keinen Kontakt mehr. Ohne Streit. Wir waren im Kern gut miteinander, obgleich immer irgend etwas zwischen uns stand. Dazu gleich mehr. Der Kontakt war dann aus verschiedenen Gründen eingeschlafen.

Nach Ende der Serie verblasste ihre Präsenz auch schnell wieder. Bis heute. Wie aus heiterem Himmel traf mich der Schlag. Ohne erkennbaren Trigger. Einfach so. Eine Instanz meldete sich während einiger Routinearbeiten am Schreibtisch in mir und erinnerte mich an diese besondere, aber aufgrund der Umstände vorbelastete Freundschaft von damals. Zu meiner eigenen Überraschung schlummerten alte Chats noch in meinem Handyarchiv und viele Dinge darin erschreckten mich, als ich so durch die Jahre scrollte. Die oben genannte Bedürftigkeit war so dermaßen deutlich erkennbar. Ich brauchte damals einfach diesen emotionalen Halt, um…ja, ich muss das so sagen…um am Leben zu bleiben. Sie war damals – neben meiner Therapeutin – der einzige Mensch, mit dem ich offen sprechen konnte und von dem ich mich ernst genommen fühlte in meiner Not. Es fiel mir jedoch nach einer Weile schwer, auf eigenen Beinen zu stehen und zurückblickend muss es für sie recht anstrengend gewesen sein, mich zu (er-)tragen. Wow, war das teilweise erbärmlich. Aus jedem Satz schrie ein „Hilf mir! Ich komme alleine nicht aus diesem toxischen Leben heraus. Ich sterbe innerlich!

Dass das auf Dauer keine gesunde Basis für eine Freundschaft ist, dürfte klar sein. Schon gar nicht zwischen (vermeintlich) einem Mann und einer Frau. Dem Ganzen haftet immer gleich das Label „Affäre“ an, selbst wenn da nie irgendwas passiert war. Aber unsere Gesellschaft liebt Schubladen. „Frauen und Männer können keine Freunde sein.“ Und ja, meistens stimmt das. Und zurückblickend stand dieses Mann-Frau-Ding immer unüberwindbar zwischen uns. Ähnlich wie bei meiner besten Freundin, wo sich diese unausgesprochene Wand erst nach meiner GaOP in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Ich schäme mich für einige Dinge, die ich damals in meiner Not geäußert habe. Obwohl nach einer Aussprache zwischen uns alles in Ordnung war. Mein Umgang mit ihr war damals einfach manchmal nicht angemessen, ich habe mehr gefordert, als sie hätte geben können. Und ihre Grenzen waren mir manchmal aus purer Hilflosigkeit einfach ziemlich egal oder ich wollte sie nicht sehen. Darauf bin ich nicht stolz und das heute noch einmal zu lesen beschämt mich zutiefst. Doch heute würde ich sagen, sie war wie ein Engel für mich in dieser Zeit. Geduldig wie sonst noch etwas. Ein wenig weise auch. Ich weiß bis heute nicht, warum sie das für mich getan hat. Aber ich bin unendlich dankbar dafür. Ohne sie wäre ich heute möglicherweise nicht mehr hier.

Heute

Seither ist so unglaublich viel passiert, dass es vermutlich für ein ganzes Leben reichen würde. Die Endphase meiner Scheidung bekam sie gar nicht mehr so recht mit und irgendwann schlief wie gesagt der Kontakt ein. Ob der Dorffunk ihr mittlerweile auch von meiner Transition gekündet hat, weiß ich nicht. Denkbar. Der betreffende Ortsteil ist wie ein Dorf voller Tratschtanten, die im Übrigen auch viel Unsinn erzählen.

Allem zeitlichen und emotionalen Abstand zum Trotz, war mir heute danach, ihr nach all der Zeit eine Nachricht zu senden, sofern die Nummer überhaupt noch aktiv sein sollte. Unter anderen Umständen hätten wir damals wirklich Freunde sein können. Und Freundinnen sind das, was mir hier vor Ort schmerzlich fehlt. Meine beste Freundin wohnt in München, eine weitere in Norddeutschland und zahlreiche Bekannte wohnen teilweise auch eine Stunde mit dem Auto entfernt. So keimte in mir die wahnwitzige Idee, einen vorsichtigen Kontaktversuch zu starten und nochmal von vorne zu beginnen. Bei Null. Diesmal unter den richtigen Vorzeichen. Von Frau zu Frau. Als Freundinnen. Irgendwann. Vielleicht.
Als Freundinnen, die sich mal zum Kaffee treffen. Über die Kinder plaudern, über Ehemänner ablästern oder tiefsinnige Frauengespräche führen. Ich merke, wie sehr mir so etwas fehlt.

Doch Obacht! Da ist die Bedürftigkeit wieder. In anderer Gestalt, aber dennoch. Wäre das ein angemessenes Motiv, den Kontakt erneut zu suchen? Irgendwie erscheint mir das falsch. Ich möchte keine Freundschaft, in die ich als Bittstellerin eintrete. Ich möchte Freundschaft auf Augenhöhe. Doch die muss sich entwickeln.

Also was erhoffe ich mir davon und wo soll das hinführen? Idealerweise natürlich zu der Freundschaft, die früher nie und nimmer möglich gewesen wäre. Und vielleicht sogar zu einem wachsenden Netzwerk an Freundinnen mehr oder minder in meiner Nähe. Das geschieht seit Beginn der Transition ohnehin zunehmend, doch ich habe nicht den Eindruck, als sei diese Expansion bereits abgeschlossen. Da geht noch was.

Nun habe ich heute viele meiner damaligen Nachrichten gelesen und das führte dazu, dass ich mir gerade selbst nicht über den Weg traue. Ich bin nach 5 Jahren und durch die Transition ein anderer Mensch geworden, das muss ich einfach so feststellen. Dennoch kenne ich meine kleinen Teufelchen, die mich gerne emotional in die Irre führen und nichts Gutes im Schilde führen.

Es stellt sich also am Ende die Frage: sollte ich den erneuten Kontakt suchen? Im Grunde habe ich ja nichts zu verlieren. Außer vielleicht meiner Würde, wenn ich an damals denke. Zu gewinnen gibt es aber potentiell viel. Also eine klare Nummer? Mitnichten.

Wenn, dann möchte ich diesen Kontaktversuch aus den richtigen Gründen wagen. So unbelastet wie möglich. Als aufrechte starke Frau, die mit der am Boden zerstörten bedürftigen männlichen Hülle nicht mehr viel gemein hat.
Bin ich so aufrecht und stark? An manchen Tagen schon. Und an manchen nicht. Heute eher nicht, daher wird es heute auch keinen Kontaktversuch geben. Sofern es ihn überhaupt geben wird.

Ihr seht mich maximal hin und her gerissen.

PS: Und im nächsten Artikel erzähle ich euch etwas über Männer, die beruflich gerade in der Nähe sind, knackige Hintern und gute Seelen, die mich als Mensch behandeln und nicht als Objekt, dessen Körbchengröße man ungeniert erfragen kann… (What the f*ck is wrong with you, guys?!?)

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2 Thoughts to “Ein Teil von mir, auf den ich nicht stolz bin, meldet sich zurück”

  1. […] möchte noch einmal Bezug auf den gestrigen Artikel nehmen, denn ich bin ein wenig stolz auf mich. Dem gestrigen Impuls, eine Nachricht an besagte […]

  2. […] aktuelle Altlast beschrieb ich ja schon in den vergangenen beiden Blogartikeln hier und hier. Noch gestern Abend formulierte ich nach dem Gespräch mit meiner Mutter einen Text. Bitte […]

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