Feeling Like An Alien – Dating als Transfrau

Einsame Frau

Ein Artikel über das fehlende Gefühl von Zugehörigkeit, Einsamkeit und Ernüchterung. Es wird gebeten von Beileidsbekundungen oder Aufmunterungsversuchen Abstand zu nehmen. Die Autorin möchte heute einfach mal alles scheiße finden. Danke für euer Verständnis.

Einsamkeit. Dieses Wort hört man dieser Tage oft im Kontext mit Corona und Social Distancing. Wann immer Berichte darüber durch die Medien geisterten, zogen sie mehr oder minder an mir vorüber, da ich mich in der gesamten Pandemie nie nennenswert einsam gefühlt habe. Ich war viel alleine, ja. Aber das kann ich auch sehr gut und brauche es für meine innere Balance. Alleinsein ist aber eben nicht gleich Einsamkeit. Davon mal abgesehen fühlte ich mich durch viele berufliche Telefonate und private Kontakte über WhatsApp und Co. gar nicht wirklich allein. Manchmal schon, aber das war okay. Und eben nur „allein“. Nicht „einsam“.

Es gibt aber doch einen Aspekt in meinem Leben, der das Gefühl von Einsamkeit auszulösen vermag und sich durch mein gesamtes Leben zieht: persönliche Nähe im Sinne einer romantischen Beziehung. In früheren Zeiten war es die Ablehnung durch Mädchen, für die ich (aus heute verständlichen Gründen) nie ernsthaft als Freund in Frage kam. Zusammen mit der gewaltsamen Ablehnung der Jungen in der Schule stand ich im Grunde alleine da. Einsam. Also fühlte ich mich wie ein Alien. Einfach falsch, so wie ich war. Niemand wollte mich haben, niemand interessierte sich für mich.

Über die Jahre änderte sich viel, ich lernte daraus und meine Biografie machte mich zu der Frau, die ich heute bin. Doch auf diesem Weg bis hier hin traten immer wieder Situationen auf, in denen das Alien-Gefühl zurückkehrte. In Spielgruppen mit meinen Kindern waren außer mir nur Cis-Frauen. Und durch mein damaliges männliches Äußeres war ich nie wirklich Teil der Gruppe. Auch dadurch fühlte ich mich manchmal etwas einsam, obwohl viele Menschen um mich herum waren. Ich gehörte einfach nicht dazu – war zu anders.

Auch heute stellte ich erneut fest, dass sich selbst durch die Transition nicht viel an dem tief sitzenden Gefühl der Einsamkeit verändert hat. Die Umstände haben sich geändert, das Ergebnis bleibt identisch: das Nein zur Zugehörigkeit und das Nein zur Zweisamkeit.
Nun ist das alles nicht wirklich verwunderlich. Viele Transfrauen berichten davon, bei der Partnersuche auf Ablehnung zu stoßen, wahlweise auf einen menschenunwürdigen Fetisch reduziert zu werden und daher chronisch Single zu bleiben. Das macht es aber für alle Betroffenen nicht weniger schmerzhaft.

Fehlende Zugehörigkeit

Heute traute ich mich nach der zuletzt eingelegten Pause mal wieder zaghaft in die Welt der Dating Apps. An Likes mangelt es vor allem bei Tinder wirklich nicht, binnen 2 Stunden nach dem Anlegen meines Profils stieg die Zahl über 50. Die Aussagekraft dessen ist allerdings lächerlich klein, denn sobald über einen Match ein erster Kontakt entsteht, ist selbiger binnen kurzer Zeit wieder dahin. Und zwar sobald ich mich vorsichtig öffne und mich so zeige, wie ich eben bin. Im heutigen Fall gab es einen Match, über den ich mich ernsthaft richtig freute. Denn der betreffende Herr hatte freundliche Augen, ein aufrichtiges Lächeln und machte rund rum einen sympathischen Eindruck.
Doch es kam was kommen musste: das Thema landete irgendwann bei Kindern. Wie er dazu stünde, wenn eine Frau bereits Kinder hat. Akzeptabel sei es. Doch nachdem auf dem Tisch lag, dass ich bereits Kinder habe, löste er den Match auf (obwohl diese Info in meinem Profil steht). Die damit verbundene Nachricht konnte ich leider nicht mehr lesen, weil Tinder automatisch alle Nachrichten löscht, sobald ein Match aufgelöst wird.

Nun bezweifle ich, dass dieser Kontaktabbruch primär etwas mit meiner Transidentität zu tun hatte, aber eben mit meiner Lebenssituation, dem wie ich bin und was mir wichtig ist.

Diffuse Sehnsucht nach Zweisamkeit

Versteht mich nicht falsch, dieses Ereignis ist nicht ernsthaft schlimm für mich. Schade, ja. Ich brauche auch keinen Partner, um glücklich zu sein. Das bin ich auch alleine und viel mehr als noch vor der Transition. Und je weiter ich darin voranschreite, umso besser wird’s. Dennoch ist da diese diffuse Sehnsucht nach Zweisamkeit und körperlicher und seelischer Nähe.
Der Widerspruch, den ich gerade erlebe, könnte merkwürdiger nicht sein: bei meinen Freunden, Familie, Kollegen und sogar eher fernen Bekannten in den sozialen Medien erfahre ich viel Akzeptanz, Liebe und Zugehörigkeit. Auch eine Art Nähe. Doch im Vergleich zu romantischen Beziehungen könnte es gegensätzlicher nicht sein. Als würden andere Menschen mir zwar bis zu einem gewissen Maß nah kommen, aber wenn’s ums Eingemachte geht, laufen sie davon.

Und aller zart wachsenden Selbstliebe zum Trotz, das trifft mich schon irgendwie, rührt an alten Wunden und der Frage: bin ich überhaupt liebenswert? Also, über ein freundschaftliche oder familiäre Liebe hinaus. In meiner selbstkritischen Selbsteinschätzung würde ich generell eigentlich schon sagen: klar bin ich liebenswert! Und wer das nicht erkennen kann, hat Pech gehabt.
Aber dennoch. Vielleicht bin und bleibe ich trotz aller früheren Anpassungsversuche einfach für immer zu sehr ein Alien, um jemals wirklich zu dieser Gesellschaft zu gehören. Nicht wegen mir selbst, sondern wegen der Engstirnigkeit, die zu eben dieser Ablehnung führt. Damit befände ich mich jedenfalls in guter Gesellschaft vieler anderer Transpersonen…

Traurig.  Sehr traurig.

Ich geh mir jetzt mal eine Schmerztablette einwerfen…

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3 Thoughts to “Feeling Like An Alien – Dating als Transfrau”

  1. Julia Eickholt

    Hallo Julia…
    das Thema kann ich gut nachvollziehen. Ich stehe noch am Anfang, auch wenn ich nun dauerhaft als Julia lebe. Einsamkeit ist das was mir auch sehr weg tut und ich habe mich vor 2 MOnaten auch bei einer Platform angemeldet. Ich habe in meinem Profil sehr offen über mich geschrieben und habe eigentlich nicht erwartet das sich da überhaupt jemand meldet…. und ich muss sagen… gibt die Hoffnung nicht auf… Vor 2 Wochen kam ein Kontakt und es sieht tatsächlich so aus das es für jeden Topf einen Deckel gibt… Gib nicht auf!
    Gruss Julia

    1. Julia

      Liebe Julia,
      es freut mich sehr zu hören, dass sich da bei dir scheinbar etwas entwickelt! Das ist großartig. 🙂
      Aufgeben war tatsächlich nie eine Option für mich, sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Manche Tage darf die Welt allerdings einfach mal scheiße sein, die meiste Zeit scheint aber zum Glück mittlerweile die Sonne. Der Transition sei dank.
      Alles Liebe,
      Julia

  2. […] meinen zaghaften Gehversuchen in der Dating-Welt und meinen gleichsam enttäuschenden Erfahrungen berichtete ich ja schon. Nun, die Story geht natürlich weiter, jedoch ohne nennenswertes Highlight. Männer schreiben, […]

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