Schwangere Frau

„Sind Sie schwanger?“ Mit dieser Frage leitete eine Apothekerin heute ihr Beratungsgespräch ein…

Diese eigentlich ganz normale Frage in einer Apotheke brachte mich für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Konzept. Wie im Tunnel schüttelte ich den Kopf und brachte ein überrascht-überzeugtes „Nein“ hervor. Erst als ich die Apotheke verließ, dämmerte mir, was da gerade passiert war und das macht mich sehr froh.

Der Hintergrund meines Apothekenbesuchs ist jedoch eher unangenehmer Natur. Seit zwei Tagen bemerkte ich beim Bougieren, dass etwas nicht ganz richtig sein kann. Der üblicherweise geruchlose Vorgang war genau das nicht mehr und es echoten die Worte einer guten Bekannten in meinem Kopf: „Ich hatte nach der OP eine Pilzinfektion. Das habe ich direkt an diesem hefigen Geruch erkannt und das war sehr hartnäckig.“ Och ne. Sollte ich es ihr etwa gleich tun?!
Nachdem sich über Nacht nichts geändert hatte und sogar noch der obligatorische Juckreiz mit einsetzte, rief ich meinen Gynökologen an, schilderte meine Lage und legte kurz danach mit der Empfehlung auf, es mit Canesten zu versuchen. Gesagt, getan.

Bei der Internetrecherche nach Pilzinfektionen prasselten mir haufenweise Beschreibungen wie „schambesetztes Thema“, „da spricht niemand drüber“ und „fast jede Frau hat das mindestens einmal im Leben“ entgegen. Ein Tabuthema?! Warum denn das bitte? Klar ist das nicht schön, aber so schlimm nun auch wieder nicht. Echt, hey.
Ich stiefelte jedenfalls nach der Arbeit ganz selbstbewusst in die nächstbeste Apotheke, orderte Canesten und augenblicklich schien es mir, als hätte ich illegale Drogen oder Waffen bestellt. Die Apothekerin senkte ihre Stimme und raunte mir durch die Maske gerade noch verständlich zu, ob das denn für mich sei. Aufgrund der leisen Aussprache brauchte ich einen Augenblick, um ihre Frage in mein Bewusstsein sickern zu lassen. Ja, klar war das für mich! Mensch.

Die Dame flitzte nach hinten, tauchte Sekunden später an der Theke in der hinteren Ecke der Apotheke wieder mit dem Medikament auf und winkte mich heran. Als ich an den Tresen trat, passierte es dann: Sie nestelte an der Verpackung herum und fragte: „Sind Sie schwanger?“ Es ging noch weiter. Wie meine Symptome seien. Ob ich mit meinem Arzt gesprochen hätte? Ob ich Ausfluss…wait! An dieser Stelle unterbrach ich sie dann und sah mich doch genötigt, mein offenkundig zu 100% funktionierendes Passing zu zerstören.
Dabei freute ich mich total darüber, dass keine Sekunde in Frage gestellt worden war, dass ich eine Frau bin. Ein tolles Gefühl! Endlich!
Schade eigentlich, dass ich die Cis-Illusion dann auflösen musste. Da durch die Neovagina leider niemals eine Flora entstehen kann wie bei Cisfrauen, gestalten sich auch Ausfluss und derlei Dinge anders. Ich klärte die weiterhin um Diskretion bemühte Dame über mein Befinden auf und dass gewisse Fragen auf mich einfach nicht zuträfen. Das mir bei der Frage „Sind Sie schwanger“ für einen Moment der Gedanke durch den Kopf geschossen war, dass ich es gern wäre, verkniff ich mir.

Spannender Weise ließ ich mich durch ihr schambesetztes oder übertrieben diskretes Verhalten nicht anstecken, obwohl ich üblicherweise überdurchschnittlich durchlässig für fremde Emotionen bin. In diesem Fall verließ ich aber zufrieden und erhobenen Hauptes die Apotheke und der Rest ist Geschichte. Ich wünsche mir gute Besserung, wenn das gestattet ist.

Impulskontrolle

Ich möchte noch einmal Bezug auf den gestrigen Artikel nehmen, denn ich bin ein wenig stolz auf mich. Dem gestrigen Impuls, eine Nachricht an besagte frühere Freundin zu schicken, habe ich nicht nachgegeben. Irgendwas passte damit noch nicht. So ganz vom Tisch ist das Thema aber auch noch nicht. Was mir dabei jedoch einfiel, ist ein Charakterzug meiner selbst, den vereinzelte Persönlichkeitstests immer mal wieder anmerkten und die ich zurückblickend an mir bestätigen kann: ich habe eine eher schwach ausgeprägte Impulskontrolle. Das führt zwar dazu, dass ich meinen Emotionen in der Regel gut und zeitnah Ausdruck verleihen kann, das kann aber in Einzelfällen auch zu Überreaktionen führen. Wie etwa bei besagter Freundin, wenn ich mir einzelne Nachrichten nochmal durchlese. Da wäre etwas mehr Chillen eher angezeigt gewesen.

Im Hinblick auf diese Eigenschaft, die ich an mir selbst eher unvorteilhaft finde, bin ich wirklich stolz, den Impuls Impuls sein gelassen zu haben und erst einmal abzuwarten, ob er sich weiter manifestiert und einen ernsthaften Hintergrund hat. Dem scheint Stand jetzt nur teilweise so zu sein. Dennoch merkte meine Mama heute sehr richtig an, dass da offenkundig doch noch etwas nicht ganz verarbeitet ist, sonst wäre es nicht wie der Kasper aus der Kiste gesprungen. Und ja, ich denke, es gibt da für mich noch ein offenes Kapitel, bei dem es reinen Tisch zu machen gilt. Egal, ob um dann endgültig damit durch zu sein oder noch einmal neu anzufangen. Das ist im Grunde unerheblich.

Und ich denke der Punkt ist, dass ich mich in manchen Situation ihr gegenüber unangemessen verhalten habe. Gerade aus heutiger Sicht einer Frau fällt mir das ganz besonders auf. Das waren teils stereotypisch verzweifelt-männliche Reaktionen, die mir schon geraume Zeit bei Männern fürchterlich auf die Nerven gehen. Möglicherweise ist es Zeit für eine Bitte um Verzeihung und ein Danke. Und ein kleines Coming Out, um auch diesbezüglich reinen Tisch zu machen.

Männer

Ich hatte euch gestern versprochen etwas über „Männer, die beruflich gerade in der Nähe sind, knackige Hintern und gute Seelen, die mich als Mensch behandeln und nicht als Objekt, dessen Körbchengröße man ungeniert erfragen kann“ zu erzählen. So sei es!

Nachdem mich die üblichen Dating Apps mittlerweile eigentlich nur noch frustrieren und voller Idioten sind, hatte ich schon keine Lust mehr, diese Wischerei fortzuführen. Doch eine Freundin brachte mich auf die Idee, es mal im Joyclub zu versuchen, in dem ich auch meine aller ersten Gehversuche nach meiner Selbsterkenntnis gemacht hatte. Da Versuch bekanntlich kluch macht, folgte ich dieser Idee und war schier überwältigt! Positiv wie negativ. Ich wurde überrannt mit Profilbesuchen, Komplimenten für meine Fotos und verschiedenen Arten von Nachrichten. Nur mal ein Beispiel:

Hi
Würd dich gern näher kennen lernen.

Ich bin ab heute bis Freitag geschäftlich in der Stadt, und dachte vlt hast du ja Lust auf ein Treffen mal abends.

Zu mir, ich liebe es sehr frauen zu verwöhnen. Von zart bis hart. Vor allem so heiße Kurven wie deine.
Ansonsten bin ich offen für alles und für jeden spaß zu haben.

Würde mich echt freuen wenn du dich mal meldest und ich deine Fantasien entdecken darf. Und du vielleicht meine 🤤*zwinker*

Lg

Nun ja. Wie ihr euch möglicherweise denken könnt, lehnte ich ab. Obgleich der Autor dieser Nachricht ein bemerkenswert ansehnliches Hinterteil vorzuweisen hatte. Aber sorry, das war mir dann doch zu plump. Mal ganz davon abgesehen, dass ich keine Sexdates suche. Das mag im Joy eher untypisch sein, kommt aber vor. Der Vorteil am Joy ist, dass sich dort auch viele aufgeschlossene und tolerante Leute tummeln, ich also nicht so schnell Gefahr laufe, aufgrund meiner Identität abgelehnt zu werden.

Es gibt dann aber auch leider noch jene, die Frauen wie mich als Fetischobjekte betrachten. So wollte ein Herr sehr genau wissen, wie ich körperlich gebaut bin. Besonders meine Oberweite war ihm immens wichtig. Der Kontakt endete so schnell wie er begonnen hatte, denn das ging mir dann doch eindeutig zu weit.

Aber ein lieber Mensch fand sich dennoch. Einer jener Menschen, der Interesse am Menschen hat, nicht an Körperteilen. Jedenfalls nicht vordergründig. Die Kommunikation mit ihm ist ausgesprochen entspannt, wobei auch genau das dazu geführt hat, dass der Gute von mir direkt unbewusst ge-friend-zoned wurde. Also in die Schublade „(Potenziell) Guter Freund, aber nix für mehr“ gesteckt wurde.

Nun habe ich die Erfahrung, dass Frauen in Dating Apps mit Anfragen überschüttet werden, ja schon einige Male gemacht. Und durch den im Buch „Female Choice“ beschriebene Hintergrund ist das auch alles logisch nachvollziehbar. Die schiere Flut und teils grenzüberschreitende Direktheit mancher Männer hat mich dann aber doch etwas geschockt. Als seien wir Frauen einfach nur ein Stück Fleisch, das willig zu gehorchen hat. Gruselig. Abstoßend!

Doch genau von derlei Erfahrungen berichten mir – durch die Bank – all meine Freundinnen und Bekannten. Insofern befinde ich mich in guter Gesellschaft. Unter all den Höhlenmenschen irgendwann denjenigen zu finden, der die Höhle schon vor langem verlassen hat, ist die wahre Kunst der Female Choice, I guess!

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One Thought to “„Sind Sie schwanger?“”

  1. […] aktuelle Altlast beschrieb ich ja schon in den vergangenen beiden Blogartikeln hier und hier. Noch gestern Abend formulierte ich nach dem Gespräch mit meiner Mutter einen Text. Bitte um […]

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