Bahnhof

Der Countdown läuft. Um diese Uhrzeit in 15 Tagen wird die GaOP bereits hinter mir liegen. Den Weg bis zu diesem Punkt male ich mir täglich mehrfach bildlich aus und platze dabei fast vor Vorfreude und Nervenflattern.

Ich muss gestehen, die letzten Tage schlafe ich nicht besonders gut. Verschiedene Gedanken beschäftigen mich. So vieles dreht sich um Situationen binnen der nächsten 15 Tage. Um mich abzulenken, versuche ich Netflix, Disney+ und Amazon Video leer zuschauen und nicht zu sehr über den bisher größten körperlichen Eingriff meines Lebens nachzudenken. Ich bin sicher, das wird schon alles gut laufen, aber trotzdem bin ich von Tag zu Tag mehr und mehr ein nervliches Wrack. Selbst Yoga hilft da nur noch bedingt.

Kennt ihr diese Tage und Wochen vor wirklich bedeutsamen Ereignissen? Alles scheint sich auf diesen einen Punkt zu fixieren, alles um einen herum verschwimmt, verliert an Bedeutung und selbst das Danach wabert bestenfalls schemenhaft irgendwo im Hintergrund. Der Puls steigt, die innere Anspannung auch und der Blick auf dieses eine Ereignis wird glasklar, denn genau dort liegt der eigene Weg, der nächste Meilenstein im eigenen Leben.

Dieses Gefühl habe ich seit Tagen. Mehrfach. Denn es gib viele, wenn auch kleinere Minimeilensteine, bevor ich in den OP geschoben werde. Morgen steht zunächst ein Arzttermin für das Blutbild und all diese Sachen an, die ich zur OP mitbringen muss. Meine innere Spannung steigt ob der Erwartung des hoffentlich unbedenklichen Ergebnisses.

Dann werden ein letztes Mal vor der OP die Logopädie und Bartepilation stattfinden, bevor ich mich dann zwecks Social Distancing mehr oder minder in die selbstgewählte Isolation begeben werde, um mir vor der OP nicht noch irgend etwas einzufangen.

Die Woche drauf steht die Bearbeitung einer Fallstudie für meinen möglicherweise neuen Job auf der Agenda, genauso wie zwei Job Interviews an den letzten beiden Tagen vor meiner Abreise. Jedes für sich betrachtet eine Art Meilenstein, auf den ich mich versuche bestmöglich vorzubereiten. Allerdings merke ich schon, wie mein Innerstes langsam heiß läuft und das eigentlich zu viel des Guten ist binnen so kurzer Zeit. Da dieser Job jedoch wirklich dem entspricht, worauf ich schon lange hingearbeitet habe, möchte ich diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. Dafür würde ich mir in den Allerwertesten beißen, sobald ich dank Yoga gelenkig genug bin.

Gedanken & Zukunftsvisionen

Doch all das sind Peanuts verglichen mit dem, was mir jeden Tag wieder und wieder durch denk Kopf geht. Ich sehe alles schon bildlich vor mir:

Wie ich meine Kinder zum Abschied lange in den Arm nehme und wir alle aus den verschiedensten Gründen gemeinsam weinen.
Wie mein Papa mir alles Gute wünscht und mich sorgenvoll umarmt.
Wie ich am Morgen der Abfahrt meine Mama in den Arm nehme, bevor ich aus der feuchten Kälte des rheinischen Januars in die überheizte S-Bahn steige und zum Abschied winke.
Wie Städte, Wiesen und Wälder im ICE in Richtung München an mir vorbei rauschen und ich eine Gefühlsmischung aus Freiheit und Angst vor der eigenen Courage verspüre.
Wie ein netter junger Herr mir beim Herunterheben meines Koffers behilflich ist, als ich in München aussteige.
Wie ich im Hotel einchecke, freundlich begrüßt werde, auf mein Zimmer gehe und einen Post bei Instagram absetze.
Wie ich mich dort etwas frisch mache, um mit einer Freundin vor Ort noch den Abend zu genießen und etwas zu essen.
Wie ich abends auf dem Bett im Hotelzimmer sitze, den Laptop auf dem Schoß und einen Blogartikel tippend.

Wie ich morgens zeitig aufstehe, mich fertig mache, frühstücke und dann zum Vorgespräch mit Dr. Taskov laufe. Vor mir das Gewerbezentrum mit dem gläsernen Eingang, am Ende der Straße die Ausläufer der Erdinger Brauerei aufragend.
Wie ich die Stufen zur Praxis hinauflaufe, über mir das Glasdach.
Wie ich die Praxis betrete und von der freundlichen Sprechstundenhilfe begrüßte werde: „Ach, die Frau Kalder, schönen guten Morgen! Wie geht es Ihnen?!
Wie ich mein Gespräch mit Dr. Taskov führe, meine letzten Fragen loswerden und zu meiner Zufriedenheit klären kann.
Wie ich gut gelaunt die Praxis verlasse, einige Minuten auf den Bus warte und dann nach München rüberfahre.
Wie ich im Wartezimmer vor meinem Aufklärungsgespräch der Anästhesie sitze und nervös einen erneuten Beitrag bei Instagram poste.
Wie ich all meine Fragen und Sorgen bezüglich der Narkose und der Schlafapnoe mit dem Arzt besprechen kann und er meine Sorgen mit geduldigen Erklärungen nehmen kann.
Wie ich erleichtert in die Klinik einchecke, auf mein Zimmer gebracht werde und entspannt meinen Koffer auspacken kann.
Wie ich den restlichen Tag mit den OP-Vorbereitungen verbringe und ein letztes Blogupdate vor der OP schreibe.
Wie ich früh ins Bett gehe und einigermaßen gut schlafen kann.

Wie ich morgens früh mit einem fröhlichen „Guten Morgen, Frau Kalder“ geweckt werde, ich in Ruhe meine Sachen ordne und dann für die OP vorbereitet werde.
Wie mich der Anästhesist ebenfalls begrüßt und sagt: „Guten Morgen, Frau Kalder, ich hoffe, Sie konnten etwas schlafen. Ich leite jetzt gleich die Narkose ein und dann sehen wir uns nach der OP wieder. Zählen Sie mal bis 10!
Wie ich in dem Moment weiß, dass ich über die 2 nicht hinauskommen werde und binnen weniger Sekunden in die Narkose falle.

Wie ich nach der OP benebelt aufwache, glücklich wieder unter den Lebenden zu weilen und gesagt zu bekommen, dass alles wunderbar und ohne Komplikationen gelaufen ist und dass ein wunderschönes Ergebnis zu erwarten ist.
Wie ich den restlichen Tag noch viel schlafe und nachdem ich wieder einigermaßen bei Sinnen bin in meinen Whatsapp Status schreibe: „A new girl is born. And she’s fine.

Ein winziger Augenblick

Danach verlieren sich meine Gedanken, denn der Megameilenstein wird zu diesem Zeitpunkt hinter mir liegen. Der Traum meiner Kindheit und Jugend wir Realität geworden sein. All das wirkt noch immer so irreal und das wird es wahrscheinlich auch die ersten Tage noch tun.

Und jetzt? Jetzt sind es keine ganzen 15 Tage mehr bis zur OP. Verglichen mit 40 Jahren ist das nur ein Wimpernschlag. In dem aber dennoch so viel passieren kann. Wenn ich damals als Kind gewusst hätte, dass all dies möglich ist, hätte ich vermutlich nicht ganz so hilflos vor dem Spiegel gestanden und mir verzweifelt gewünscht, ein Mädchen zu sein. Doch das wusste ich damals nicht. Es brauchte über 39 Jahre, um das zu realisieren. Und gerade einmal eineinhalb Jahre später ist all das zum Greifen nah. 15 Tage. Noch. Nur noch.

Ob nun alles so kommen wird, wie ich es oben beschrieben habe, steht auf einem anderen Blatt. Aber eines weiß ich mit Gewissheit: wann immer ich mir meine „Erfolge“ (im weitesten Sinne) auf diese Art ausmalte, wurden sie auf die ein oder andere Weise Wirklichkeit. Und das gibt mir Kraft und Hoffnung. Und es erdet mich soweit, um nicht überwältigt zu erstarren oder schreiend davon zu laufen.

Mir wurde ja im Vorfeld prophezeit, dass die Nervosität trotz aller Zuversicht und allem Optimismus mit jedem näherrückenden Tag steigen würde. Dass es SO heftig werden könnte, hatte ich nicht erwartet…

Liebe Julia…

…besinne dich also einer deiner Stärken und tue das, was dir ein Kollege vergangenes Jahr als Feedback gab:

You are able to calm down any situation!

Na dann…let’s calm down myself…

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