Rosa Ballons

Wiederholt fiel mir heute etwas Interessantes auf, als ich so meinen Gedanken nachhing und mein Kaffee nebenher wohl duftend durchlief: meine Einstellung zu Beziehungen und meine Bedürfnisse in Bezug darauf haben sich seit Beginn meiner Transition sehr verändert. Was wohl dahinter steckt?

Transpersonen sind nicht selten Single. Das liegt zu nicht unerheblichen Teilen daran, dass das Daten schwieriger ist und wir oft Ablehnung erfahren, sobald die Katze aus dem Sack ist. Mir persönlich ist das noch nicht passiert, das hat aber ganz einfach damit zu tun, dass ich schlicht und ergreifend keine Partnerschaft suche. Aber Single bin ich dennoch.

Und genau dieser Beziehungsstatus, meine Wohnsituation und mein Liebesleben geben mir immer wieder zu denken. Nicht, weil es mir damit schlecht ginge. Ganz im Gegenteil! Ich fühle mich sauwohl in dieser Situation. Und genau hier liegt der Grund für meine Gedanken:

Ich hatte in meinem Leben nicht viele Beziehungen, doch eines hatten alle gemein: ich hatte wahnsinnige Angst, sie zu verlieren und verbog mich bis zum Brechen meiner Selbst, nur um die Beziehung zu halten. Bis es eben irgendwann für einen von uns nicht mehr ging. Aus heutiger Perspektive war ich in den Phasen zwischen den Beziehungen wie ein Junkie, der versucht, seinen nächsten Schuss zu bekommen. Ich konnte zwar generell gut alleine sein, aber dennoch suchte ich etwas. Was genau das war, weiß ich bis heute nicht. Meine Vermutung ist: mich selbst. Meine Weiblichkeit. Doch die Weiblichkeit war damals nur im Außen zu finden. Ich begehrte in dieser Zeit allerhand Frauen. Aber nur aus der Ferne. Und meist nur kurz. Ich kam mir dabei seltsam vor, da der Gedanke an ein Date oder gar eine Beziehung mit dieser Person befremdlich für mich war. Von Sex mal ganz abgesehen. Dennoch zog mich etwas an ihnen an, ohne dass ich es hätte benennen können.

Heute würde ich sagen, ich suchte mich selbst in diesen Frauen und wünschte mir, ganz oder teilweise in ihrer Haut zu stecken. Das führte in den Beziehungen dann aber dazu, dass ich mich trotz vielleicht anfangs gut laufender Beziehung stets leer fühlte. Als hätte ich zwar nun eine Art Ziel erreicht, aber ein falsches. Die Beziehung zu diesen Frauen war niemals das, was mich im Inneren wirklich hätte erfüllen können. Ich projizierte meine unterdrückte und unbewusste Transidentität in meine Partnerin hinein und führte damit – mehr oder weniger – eine Beziehung mit mir selbst.

Man braucht kein Genie zu sein um zu erkennen, dass diese Art von Beziehung auf Dauer dem Untergang geweiht ist. Das soll nicht heißen, dass wir keine guten Zeiten hatten oder ich gar absichtlich eine Art Betrug begangen hätte. Nein. Zu jedem Zeitpunkt waren meine Gefühle real. Und meine daraus resultierenden Handlungen auch. Das betrifft sowohl das erste „ich liebe dich“, wie auch das letzte „es tut mir leid, es geht nicht mehr“.

Zu einem gewissen Teil tun mir diese Frauen leid, weil sie nicht ahnen konnten, was in mir vorging. Doch selbst ich wusste es nicht. Und daher bereue ich nichts. Nichts davon war unehrlich.

Doch blicke ich zurück auf diese wenigen Beziehungen und meine getriebene Suche nach diesem Etwas, so fühle ich mich heute befreit. Dieser Drang, in einer Beziehung zu sein oder wie auch immer geartete Nähe zu einer Frau aufzubauen, ist komplett verschwunden, seit ich verstanden habe, was mit mir los ist.
Das mag in Teilen daran liegen, dass ich zwangsläufig viel mit mir selbst beschäftigt bin, um irgendwie mit meinem veränderten Leben klar zu kommen. Aber das ist meiner Auffassung nach nur ein geringer Teil. Heute betrachte ich Frauen anders als damals. Sie sind keine „Ziele“ mehr für diese wirr suchende Instanz in mir. Ich schaue sie heute an und bewundere ihre Frisur. Oder ihr Kleid. Oder ihr MakeUp. Ihre Stimme, ihre Gesten und Mimik oder ihre innere Haltung, einfach alles. Oder lehne selbiges ab.

Und dann versuche ich mich innerlich zu ihr zu positionieren. Was von all dem entspricht mir selbst? Wo haben wir Gemeinsamkeiten? Oder Unterschiede? Wo sehe ich mich selbst in der Welt der Frauen? Nach einem Jahr bin ich schon viele Schritte weiter, dennoch drängt sich mir manchmal der Verdacht auf, noch Jahre für diesen Prozess zu benötigen. So wie jedes Mädchen, das in ihre Peer Group hineinwächst.

Die verzweifelte Suche nach externalisierter Weiblichkeit ist also dem Finden meiner Selbst gewichen. Stück für Stück. Tag für Tag. Dafür brauche ich keine Beziehung. Ich brauche den damaligen Wunsch, „eine Frau zu sein“, nicht mehr auf andere Menschen zu übertragen. Heute weiß ich: ich bin eine Frau und ich darf als eine solche leben. Das kann ich ganz alleine.

Was das für eventuelle Beziehungen bedeutet, weiß ich noch nicht. Im Grunde wird dabei mein gesamtes bisheriges Verständnis von Beziehung auf den Startpunkt zurückgesetzt und will neu gelernt werden. Egal ob mit einer Frau, einem Mann oder jemandem im queeren Spektrum. Es kommt mir jedenfalls so vor, als wären meine früheren Beziehungen in einem anderen Leben vonstatten gegangen und ich finge bei Null an.

Das schafft Raum. Freiheit. Möglichkeiten.
Und irgendwann werde ich sie vielleicht nutzen.
Wenn ich bereit bin.

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