Blumen

Fühle ich mich alt? Üblicherweise nicht. Heute? Ja, doch, schon…ein klein wenig.

Vor zwei Wochen schrieb mich ein Kollege an und machte mich auf einen Umstand aufmerksam, den ich offen gestanden nicht im Blick hatte: ich habe doch dieses Jahr 20-jähriges Dienstjubiläum. Ob ich namentlich beim nächsten großen Team Meeting genannt werden wolle und ob ich am heutigen Tage ins Büro kommen könne – es gäbe da eine Kleinigkeit zu überreichen.

20! Jahre! Holy Makkaroni! Wo ist die Zeit hin?!

Also schälte ich mich heute eine Stunde früher als üblich aus dem Bett, um mich tageslichttauglich zu machen und ins Büro zu fahren. Mein Chef-Chef-Chef, den ich auch schon Ewigkeiten kenne, sprach dann sogar persönlich vor und überreichte mir einen keineswegs sparsamen Blumenstrauß. Eine aufmerksame Geste, die man nun wirklich nicht von jedem Vorgesetzten erwarten würde und eine schöne Wertschätzung, über die ich mich echt gefreut habe. Nicht zuletzt auch deshalb, weil – soweit ich weiß – bei den Geschenken nach Geschlechtern unterschieden wird. Männer bekommen eine gute Flasche Wein, soweit ich da richtig informiert bin. Nun mag man von dieser binärgeschlechtlichen Differenzierung halten was man mag, in diesem Fall kümmerte es mich nicht, da ich ganz offenkundig als Frau anerkannt, respektiert und behandelt wurde. Ein Umstand, der sich nahtlos in meine ausnehmend positiven Erfahrungen im Job bezüglich meiner Transition einreiht. Unser Konzern mag in manchen Belangen konzernmäßig eingestaubt sein, aber in Sachen Toleranz  macht uns so schnell keiner etwas vor! Das schätzte ich früher schon und heute erst recht.

Doch zurück zu den 20 Jahren. Die Hälfte meines Lebens habe ich bei diesem Arbeitgeber verbracht und gemeinsam mit alten und neuen und verschwundenen Kollegen die prägendsten Momente meines Lebens erleben dürfen. Dort bin ich beruflich wie menschlich gewachsen. Habe gelernt, vor Menschen zu sprechen, Verantwortung für Menschen und Projekte zu tragen und beide zum Erfolg zu führen. Habe gelernt, Niederlagen einzustecken und diese stets als Chance auf Wachstum und Lernen zu betrachten. Habe meine Liebe zur Agilität und dessen zu Grunde liegende Weltanschauung entdeckt. Dabei möchte ich betonen, dass meine feminine Seite mir dabei unfassbar gute Dienste geleistet hat! Und genauso stand sie mir dabei manches Mal im Wege.

Vergangene Woche gaben wir uns in unserem alten Projektteam gegenseitig Feedback, gewürzt mit etwas Humor: jede*r sollte für die anderen Kollegen zwei Fragen beantworten:

  1. Was sind meine Superkräfte?
  2. Wie habe ich dazu beigetragen, dass das Projekt ein Erfolg wird?

Dabei wurden so tolle Sachen genannt, das daraus entstandene Plakat hängt jetzt daheim neben meinem Schreibtisch. Besonders berührten mich die (ja, ja: stereotyp) feminin besetzten Zuschreibungen: ich sei überaus vertrauenswürdig, immer unterstützend, würde jede noch so stressige Situation beruhigen können und habe eine positive Attitüde. Daneben noch andere Dinge meinen Beruf betreffend. Ha, nimm das, du unsägliches Patriarchat! In your face! The future is female, bitches! 🙂 🙂 🙂
Und ja: auf all diese Eigenschaften bin ich stolz und für sie bin ich dankbar, denn sie machen meinen Wesenskern aus. Haben sie schon immer. Obgleich sie über die Jahre einem gewissen Wandel unterworfen oder temporär den Umständen geschuldet ein wenig verschüttet waren.

Da stehe ich also heute nach 20 Jahren, die von einem roten Faden durchzogen sind: persönliche Weiterentwicklung.

Anfangs noch frisch zurück von der Bundeswehr. Was für eine furchtbare Zeit. Die schlimmste Zeit meines Lebens nach der Mobbingzeit in der Schule. Nach der bestandenen Abschlussprüfung zu meiner Ausbildung erlaubte ich mir gegenüber meiner Freundin (späteren Exfrau) einen kleinen Scherz und schauspielerte, ich sei durchgefallen. Sie war fassungslos und als ich meinen Schabernack einige Sekunden später auflöste, war sie zu Tode beleidigt und wirklich sauer. Eine Reaktion, die ich bis heute in ihrer Heftigkeit nicht nachvollziehen kann. Dennoch sollte sie symbolisch wegweisend sein für das, was da in dieser Beziehung noch kommen und damit auch auf meinen Job ausstrahlen würde: der Spaß wurde mir systematisch ausgetrieben!

Dennoch freuten sich meine Kollegen etwa 4 Jahre später mit mir über meine Hochzeit, wieder 2 Jahre später über meine erste Tochter und nochmal 3 Jahre später über meine zweite Tochter. Vieles veränderte sich dadurch in meinem Leben. Wir hatten ein Häuschen, einen Hund, zwei Kinder, gute Jobs. Und doch war ich ganz persönlich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Meine Lebensfreude schwand Tag für Tag mehr.

Damals schambehaftet gehegte Gedanken an Damenkleidung unterdrückte ich in dem Wissen, dass meine Frau mich dafür unangespitzt in den Boden rammen würde. Es war eine Zeit der Unterdrückung meiner Gefühle und Bedürfnisse. Freude und tief verbundene Liebe brachten mir aber meine Kinder. Zerstreuung und Selbstbestätigung bekam ich durch mein berufsbegleitendes Studium, das mein damaliger Chef mit den Worten „solange es deine Arbeitsleistung nicht beeinträchtigt“ billigte. Den Bachelor hatte ich also in der Tasche, doch hatte vor allem meine ältere Tochter, die während dieser Zeit geboren wurde, stark darunter gelitten. Oft weinte sie, wenn ich mehrmals die Woche abends zu Vorlesungen fuhr. Niemand – inklusive mir selbst – hatte damals ahnen können, dass ihr kleines Herzchen einige Jahre später wieder und wieder zerrissen werden würde. Habe ich deswegen Schuldgefühle? Ja. Oft. Und doch würde ich es – schweren Herzens – wieder tun, weil es schlicht und ergreifend und ohne Übertreibung überlebenswichtig für mich war.

Trennung, Scheidung, Rosenkrieg. Ich flüchtete mich in die Arbeit, war oft gereizt, gestresst, depressiv und saß manche Tage wie paralysiert am Rechner und starrte nur ins Nichts, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Doch es gab auch im Büro Menschen, die für mich da waren. Sie waren und sind nicht einfach nur Kollegen. Sie sind Freunde geworden und ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit ihnen.

Zwar gab es durchaus Zeiten, da wollte ich meinen Job hinschmeißen. Bewarb mich anderswo. Wollte weg, weil die Arbeitslast oder Rahmenbedingungen unerträglich wurden. Oder weil die Entwicklungschancen dort draußen besser waren. Doch am Ende blieb ich. Wegen dieser wunderbaren Menschen. Ich bin dankbar dafür, denn über die Jahre ließen sich viele Dinge mit gestalten und die Firma damit  ein kleines Stück Heimat werden. Es ist zwar „nur“ Arbeit, aber sie nimmt einen großen Teil meines Lebens ein und gehört damit zu mir. Manchmal ist unser Team wie eine Art Familie. Schon verrückt irgendwie.

Doch eines war mein Arbeitgeber immer für mich: eine Konstante und mein Fels in der Brandung. Egal, ob rings um mich herum die Welt unterging, ich vor Existenzängsten während der Scheidung nicht schlafen konnte oder sich durch die Transition mein gesamtes Leben auf den Kopf stellte: diese Institution und diese Menschen waren immer da und gaben mir dadurch Halt im Leben. Und manches Mal auch wohltuend tiefgreifende Gespräche.

20 Jahre. Hm. Wenn ich mir das Foto des Blumenstraußes so anschaue, ist er echt gut getroffen. Von allem ist etwas dabei. Wie in den 20 Jahren auch. Alle möglichen Formen und Farben waren irgendwie vertreten und wurden unten am Stiel durch etwas Gemeinsames zusammengehalten…

Bis zu meiner Rente sind es ja nun zum Glück noch ein paar Jährchen. Also was mag in den nächsten 20 Jahren auf mich warten? Die nächsten besonderen und lebensverändernden Meilensteine stehen unmittelbar vor der Tür, auch wenn der Weg der Transition noch lange nicht abgeschlossen ist.

Was da wohl noch so auf mich wartet?
Neue Partnerschaft(en)?
Vielleicht eine Führungsposition – auf die ich zwar nie aktiv hingearbeitet habe, mir jedoch nachgesagt wird, ich würde eine gute Führungskraft abgeben? Wer weiß das schon?!
Im Augenblick kann ich tatsächlich nur in etwa im Rahmen meiner Transition denken, also einem Zeithorizont von 2-3 Jahren, wenn ich es mal auf die geplanten und möglichen OP’s beschränke.

Eines Tages werden mir meine Töchter vermutlich gestehen, dass sie einen Freund oder eine Freundin haben.
Sie werden sich verlieben, gebrochene Herzen haben und wieder aufstehen.
Hoffentlich eine Tätigkeit im Leben finden, die sie glücklich macht.
Vielleicht selbst mal eine Familie gründen.
Herrje, in 20 Jahren ist meine ältere Tochter 31!
Womöglich werde ich dann Oma. Oma Julia…HA!!!

Nun, genug der Spekulation. Denn am Ende kommt es doch immer anders, als man denkt.

Also lasse ich mich einfach mal überraschen, was der morgige Tag für Geschenke bereit hält.

Auf die nächsten 20, ihr Lieben! 

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One Thought to “Ju.bi.lä.um”

  1. […] erhielt ich von meinem Chef-Chef-Chef einen dicken Blumenstrauß zum 20-jährigen Jubiläum (ich berichtete). Und Blumen sind bei uns ausschließlich uns Frauen vorbehalten. […]

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