Freundinnen

Heute kam auf Netflix eine Dokumentation über Michael Schumacher raus. Mit vielen persönlichen Berichten über seine Persönlichkeit. Und ich weiß nicht warum, aber es brachte ein Stein bei mir ins Rollen.

Ich erinnere mich noch dunkel an eine Zeit, in der ich tatsächlich gerne Formel 1 geschaut habe. Zu Schumachers Zeiten. Heute interessiert mich das nicht mehr die Bohne, aber ich frage mich dennoch manchmal, wie es ihm nach seinem Unfall geht. Diese Frage beantwortet die Doku leider nicht eindeutig und eine Antwort bleibt spekulativ.

Doch das ist gar nicht der Punkt und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob und inwieweit meine Gedanken dazu überhaupt etwas mit der Transition zu tun haben. Eine gewisse Verbindung vermute ich dennoch und merke, wie dieses Thema angeguckt werden möchte – ganz im Sinne der Transition, alle ungelösten Themen mal auf den Tisch zu klatschen.

In der Doku wurde viel über Michaels Persönlichkeit berichtet. Wie sehr er für andere da war, wie sehr er Freundschaften pflegte. Das fand ich beeindruckend und beneidenswert. Denn genau das ist ein Punkt, über den ich schon längere Zeit nachdenke, durch Corona und die Transition noch einmal verstärkt. Und ich trage ein tief verwurzeltes schlechtes Gewissen in mir. Die Frage, die ich mir – getrieben durch ein großes Bedürfnis nach Zugehörigkeit – immer wieder stelle ist: „Bin ich eine schlechte Freundin? Ein schlechtes Familienmitglied?“ Und die Folgefrage lautet: „Wenn dem so ist: ist das ein Problem für mich?

Wie ich darauf komme? Ganz einfach: ich berichtete ja schon einige Male, dass ich generell viel Zeit für mich brauche, Zeit alleine, ohne soziale Interaktion. Soziale Interaktionen sind einerseits bereichernd und gleichzeitig rauben sie mir Unmengen an Energie. Zuletzt merkte ich das nach der Hochzeit und einer betrieblichen Feier gestern Abend – heute früh wachte ich mit einem regelrechten „Sozialkater“ auf. Ich fühlte mich leer, ausgebrannt, überanstrengt. Und das ganz ohne Alkohol. Obwohl es ein sehr schöner Abend war. Der aktive Umgang mit Menschen entzieht mir schrittweise Energie und seit Corona und Beginn meiner Transition mehr denn je. Es gab Tage, in den vergangenen Monaten, da versetzte ich mein Handy in den Flugmodus, weil ich mit den ganzen Nachrichten nicht mehr klar kam.

Nun hat sich durch meine Transition in meinem Umfeld ohnehin einiges getan. Neue Kontakte kamen dazu, alte scheinen langsam abzukühlen. Dann und wann, wenn ich wieder Energie für ein Treffen habe, überkommt es mich und ich versuche, Treffen zu vereinbaren. Manchmal klappt das dann nicht, aber aus unklaren Gründen.
Und da komme ich zurück auf die ursprüngliche Frage und die Vermutung: der menschliche Kontakt, der mir vollkommen ausreicht und ich die Menschen im Herzen dennoch zutiefst als Freunde wertschätze, könnte meinen Gegenübern einfach zu wenig sein. Nicht allen, zum Glück. Ich habe Menschen in meinem Freundeskreis, die ähnlich ticken und wir harmonieren ganz großartig zusammen. Doch meiner Erfahrung nach ticken 99% der Menschen anders und haben dafür keinerlei Verständnis – so das Freundschaften möglicherweise daran zerbrechen oder schlicht einschlafen.
*Sarkasmus an* Aber hey…als Transfrau bin ich ohnehin schon Teil einer Minderheit, also was soll’s?! Soziale Ausgrenzung ist nun wirklich keine neue Erfahrung für mich. *Sarkasmus aus* 

Erschwerend kommt hinzu, dass außer HomeOffice und Transition nicht so fürchterlich viel Spannendes in meinem Leben passiert, worüber sich zu berichten lohnt. Ich habe manchmal das Gefühl, zur „Ein-Themen-Freundin“ geworden zu sein, weil das nun mal aktuell über allem steht. Ich könnte es niemandem verdenken, davon irgendwann gelangweilt zu sein. Insofern halte ich mich dann auch eher zurück, es sei denn, man fragt aktiv danach. So erging es mir auf der Hochzeitsfeier. Mit dem schwulen Pärchen führte ich ein angeregtes Gespräch, so lange wir einmal die große LGBTQ-Runde drehen konnten. Danach war die Luft irgendwie raus und ich frage mich schon ernsthaft, ob ich da ganz grundsätzlich etwas falsch mache.

Der Punkt ist halt: mich stört im Grunde nicht, wie ich bin, scheine damit aber definitiv nicht der Mensch für die großen Besty-Freundschaften zu sein. Und da stellt sich die Frage: ist das ok? Oder wird am Ende meines Lebens dann doch niemand an meinem Grab stehen, weil die Verbindung Stück für Stück flöten ging?

Vor einigen Monaten besprach ich genau das Thema mal mit einem alten Schulfreund und offenkundig war das kein Thema, das direkt an die Transition gekoppelt ist. Denn ihm ging es umgekehrt ähnlich. Dauernde Kontakte seien gar nicht nötig, das sei alles vollkommen ok. Beruhigend? Etwas.

Dennoch mache ich mir meine Gedanken. Gerade wenn ich durch einschlägige Foren surfe und immer wieder lese, wie Transpersonen zu großen Teilen vereinsamen. Von beziehungswilligen Partnern möchte ich gar nicht erst anfangen, denn leider scheinen Beziehungen mit Transpersonen noch immer als Fetisch zu gelten – und wir nicht als Menschen, sondern nur als Sexobjekt. Na schönen Dank auch!

Eine Stimme in meinem Kopf verlangt derweil schon nach dem Redestein: „Aber es liegt doch in deiner Hand, etwas daran zu ändern!“ Vollkommen richtig. Und hier beginnt es für mich schwierig zu werden: suche ich dauerhaft mehr Kontakt, bringt mir das wahrscheinlich mehr soziales Miteinander, vielleicht engere Freundschaften. Auf der anderen Seite kostet es mich dermaßen viel Kraft, diese Maschinerie in Gang zu halten, dass es mich trotz aller Freundschaft irgendwann ausbrennt. Ein Dilemma. Der Punkt ist: es wäre aufgesetzt. Weil es von mir erwartet wird. Aber nicht, weil es meinem Bedürfnis entspräche. Und das fühlt sich falsch an.

Aber möglicherweise ist genau das ein evolutionsähnlicher Auswahlprozess. Das Gesetz der Anziehung. In der Tat kamen in den letzten Jahren mehr Menschen in mein Leben, die diesbezüglich ähnlich ticken wie ich. Andere verblassen wie gesagt langsam – was überaus bedauernswert ist, ich bin jedoch weder willens noch in der Lage, diesen Anforderungen zu entsprechen. Auf der anderen Seite wäre ich sofort für meine Freunde da, wenn die Hütte brennt. Das steht vollkommen außer Zweifel.

Und wieder stellt sich an dieser Stelle die Frage: „Bin ich deswegen eine schlechte Freundin? Oder einfach nur ehrlich zu mir selbst?“

Ich muss offen gestehen, der Grad zwischen gesunder Selbstfürsorge und übertriebenem Egoismus ist verdammt schmal und oft genug fehlen mir die Mittel, für mich noch einzuschätzen, wo ich denn jetzt stehe. Nicht zuletzt, weil die Transition einfach ein hohes Maß an Selbstfürsorge und auch ein gewisses Maß an (gesundem?) Egoismus benötigt, um endlich für mich selbst einzustehen und mich eben nicht mehr für den Rest der Welt zu verbiegen. Mich lehrte man jedoch stets, das jedes Bisschen Egoismus Teufelszeug sei und es gibt leider immer noch Menschen in meinem Leben, die es verstehen, in diese Kerbe zu schlagen und damit meine Knöpfe zu drücken.

Was bleibt als Fazit? Eigentlich nur, dass mich dieser Artikel keinen Schritt weiter gebracht hat und ich noch genauso ratlos bin wie vorher. Ein Teil von mir schreit nach Absolution, die mir bescheinigt, dass alles gut ist, wie es ist. Das ist sogar ein ziemlich großer Teil, der einfach nur hören möchte: „Du bist gut so wie du bist und dafür wirst du geliebt!“
Ein Teil, der gleichzeitig „Es tut mir so leid“ rufen möchte. Ein wieder anderer wittert schon die große, unausgesprochene Keule der Entfremdung und endgültigen Abrechnung, die Strafpredigt für meine Unzulänglichkeit. Und ein ganz anderer lehnt sich gelassen zurück und murmelt die Affirmationen vor sich hin, die an meinem Spiegel hängen:

It’s my turn now. 
I am right the way I am. 
I am where I need to be.

Es lässt mich am Ende etwas ratlos zurück.
Aber immerhin ist die Transition eine Zeit massiven Umbruchs, so wie die Pubertät es auch ist.
Und die wühlt bekanntlich den ganzen alten Scheiß auf und stellt ihn auf den Kopf…

Nun, vielleicht bleibt da doch am Ende eine Erkenntnis:
Dass da gerade sehr deutlich alte Glaubenssätze am Werk sind und eine Sozialisation die mir eingetrichtert hat, mich brav an die vorgegebenen Regeln zu halten und die Bedürfnisse der Mitmenschen stets vornan zu stellen.

Gedankliche und emotionale Sackgasse.

Danke für nichts, I guess.

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