Mann und Frau

11 Monate, 1 Woche, 1 Tag. So lange ist der Beginn meiner Hormontherapie her. Bald ist also mein erster Geburtstag. 🙂 Doch nachdem ich heute ein wenig an der Webseite gebastelt habe, wurde mir so richtig bewusst, wie sehr ich mich nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich verändert habe. Und das macht gerade sehr viel mit mir.

Daher sei an dieser Stelle der direkte Vergleich hergestellt, auch wenn ich Bilder von mir von früher nicht gerne sehen mag. Interessanterweise kommt mir dieser Mann auf dem Foto (siehe unten) mittlerweile fremd vor, als sei das ein anderes Leben gewesen. Ja, es ist zweifelsfrei und ohne Reue ein Teil von mir, aber dem bin ich weitgehend entwachsen. Vor allem innerlich. Und es ist mir heute unbegreiflich, wie ich so lange dieses Leben leben konnte. So unglücklich.

Und heute? Heute ist all das so weit weg und irgendwie unvorstellbar geworden. Ich bin ein anderer Mensch, ein neuer Mensch. Und dabei erinnere ich mich noch sehr deutlich an meine ersten Gespräche bei meinen Coming Outs. Ich war mir sicher, ich würde der gleiche Mensch bleiben. Und in Teilen bin ich das natürlich auch. Aber irgendwie auch wieder nicht. Dieser vermeintliche Mann von damals existiert nicht mehr. Noch nicht ein mal mehr offiziell. Er hat sein Leben gelebt, doch seine Geschichte ist zu Ende erzählt. Er ist nicht tot, er lebt in mir weiter. Er lebt weiter als männlicher Persönlichkeitsanteil einer jungen Frau, die durch ihn überhaupt erst geboren werden konnte. Ein Wunder.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jemals wirklich von ihm verabschiedet habe. Mich bei ihm bedankt habe. Innerlich vielleicht schon. Aber niemals rituell. Ist mir das ein Bedürfnis? Hm…ich weiß es gar nicht. Vielleicht. Ja, ich glaube schon. Mit Hinblick auf die GaOP erscheint mir ein physischer, ritueller Abschied angemessen, immerhin wird das – sprichwörtlich wie im übertragenen Sinne – ein einschneidendes Ereignis sein.

Fällt mir der Abschied schwer? Nein. Emotional wird er sicherlich werden, aber nicht schwer.
Am Ende denke ich, dass es mich erleichtern wird, ihn gehen zu lassen, aber immer in meinem Herzen zu tragen.
Er war ein treuer und verlässlicher Weggefährte, Wegbereiter. Trug die Last für beide von uns, all die Jahre. Bilder eines Packesels kommen mir in den Sinn, obgleich sie in vielerlei Hinsicht unpassend sind.


Vergleich März 2020, September 2021
März 2020 (links), September 2021 (rechts)

Danke!

Du Lieber.
Mein Bruder.
Mein Zwilling.
Mein Herz.

Ich betrachte dein Foto.
18 Monate – vergangen.
Ich sehe viel Schwarz. Erschöpfung.
Nein, so konnte es nicht weitergehen.

Ich betrachte dein Foto.
Merke, die Zeit ist gekommen. Lebewohl zu sagen.
Nein, nicht heute, aber bald. Sehr bald.
Wenn ich könnte – komm in meine Arme.
Lass uns gemeinsam weinen.
Danken. Für alles, was du für uns getan hast.

Der Tag ist nah, mein Herz.
An dem ich dich endgültig ziehen lasse.
Ziehen, in die von Lebensfreude erfüllten Weiten meines Herzens.
Mit feuchten Augen. Aber Freude und Hoffnung im Blick.
Und Dankbarkeit. Und Liebe.

Du Lieber.
Mein Bruder.
Mein Zwilling.
Mein Herz.

Danke!


Ist es nicht irgendwie absurd?! Niemand ist gestorben oder reist in die Ferne. Und doch fühlt es sich an wie ein Abschied auf nimmer Wiedersehen.

Es ist zweifelsfrei ein wenig absurd! Ich weiß, dass es so sein muss. Ich weiß, dass es genau das ist, was ich will, dass es 1000%ig richtig ist. Und doch macht es mich ein wenig traurig. Ich habe Abschiede immer schon gehasst. Oder ist es eher ein „wir“?! Bei Abschieden in Filmen kommen mir sofort die Tränen. Wenn Freunde in der Vergangenheit die nähere Umgebung verließen und irgendwo da draußen in der Welt ihr Glück suchten, weinte ich still in mich hinein. Oder taten „wir“ das?!

Ich sag ja, es ist irgendwie absurd. „Schizophren“. Kind of. Doch dieser Mann dort auf dem Bild hat sich heimlich verabschiedet. Ist in den Hintergrund getreten und verblasst. Ich weiß, körperlich war das ich, doch es fühlt sich nicht (mehr) so an.

Das war ein anderes Leben.
Und dieses Leben verdient einen würdigen Abschluss. Wie, weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass es für mich ganz persönlich richtig ist.

Ob das anderen auch so geht…?!

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