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Mir tun die Füße weh, liebes Tagebuch. Aber ich bin glücklich, so glücklich! Was für ein schöner Tag!

Zu Beginn dieses Beitrages ist es 01:15 Uhr. Ich liege im Bett und lasse den heutigen Tag Revue passieren. Im Radio laufen Rückblicke auf den Terroranschlag auf das World Trade Center vor 20 Jahren. 9/11. Erst vor ein paar Minuten schälte ich mich aus meinem Abendkleid, wischte mir das beste MakeUp vom Gesicht, das ich je hatte und spüre jetzt erst recht, was 7 Stunden in Pumps für die Füße bedeuten. Aber das stört mich kein bisschen, denn meine Füße durften heute tanzen! Und mich stolz zur Hochzeit meines Arbeitskollegen tragen. Und nun durchflutet mich Freude und Dankbarkeit über diesen wunderbaren Tag! Ein Tag, der die Schrecken der Historie dieses Datums mit neuen, positiven Erinnerungen zu füllen vermag.

Dabei war ich heute Morgen noch vor meinem Wecker mit Herzklopfen aufgewacht. Die Vorfreude der vergangenen Tage mündete in diesem Moment. Plötzlich war er da. Dieser für mich unfassbar wichtige Tag, beinahe als würde ich selbst die Liebe meines Lebens heiraten. Und in gewisser Weise tat ich das auch. Heute schloss sich irgendwie ein Kreis. Ich, Julia, durfte heute endlich an einem gesellschaftlichen Highlight teilhaben. Ganz Frau. Ganz akzeptiert. Es war überhaupt nicht komisch. Niemand war komisch zu mir. Ich war ich und ich wurde behandelt, wie ich behandelt werden möchte. Das war…mir fehlen die Worte, stattdessen kullern Tränen der Überwältigung über meine Wangen. Es war einfach so…so…richtig. Hallo, Leben! Hallo, Liebe!

Doch vor lauter sprudelnder Emotionen verliere ich andauernd den Faden.

Herzklopfen. Beim Aufstehen.
Aber keine Hektik, meine Liebe! Ich hatte reichlich Zeit eingeplant, um das Geschenk abzuholen, zu meinem professionellen MakeUp-Workshop zu fahren und dann zur Hochzeit zu düsen. Und was soll ich sagen?! Es passte alles perfekt. Wahnsinnig netter Service im Geschenkeladen, ein MakeUp Artist mit Spezialisierung auf Trans-MakeUp (klare Empfehlung, by the way!) und eine Hochzeitslocation, die keine Wünsche übrig lässt. Und das alles voll im Zeitplan, ganz entspannt. Was will Frau mehr?!

Zwar kannte ich auf der Hochzeit selbst inklusive Bräutigam nur 2 Leute, aber das störte kein bisschen. Person Nummer 2 war ebenfalls ein Arbeitskollege, seines Zeichens seit Ewigkeiten mit einem Mann verheiratet und beide unfassbar tolle Menschen, die ich bisher in diesen Facetten noch nicht hatte kennenlernen dürfen. Gemeinsam bildeten wir den Regenbogentisch. 🙂

Besonders bemerkenswert an dieser Feier war jedoch die Stimmung. Deutsche Hochzeiten sind meiner Erfahrung nach gerade beim Tanzen wirklich lahm und langweilig. Nicht so diese, eine türkisch-bosnische Hochzeit. Was soll ich sagen?! Der Hammer! Lebensfreude pur! Noch vor dem Abendessen drehte der DJ fette Beats auf und – vornehmlich die Mädels – stürmten zu teils orientalischen Klängen die Tanzfläche. Und ganz ehrlich, selbst den größten Tanzmuffel hätte die positive Energie von den Stühlen gehoben!

Und so verwundert es wohl kaum, dass mir gegen 23 Uhr ernstlich die Füße zu schmerzen begannen, sie damit aber deutlich länger durchgehalten hatten, als ich zunächst befürchtet hatte. Doch zu dieser Zeit entledigten sich auch viele andere Mädels ihrer hochhackigen Schuhe und tanzten einfach barfuß weiter. Wirklich, von diesem Lebensgefühl und dieser Unverkrampftheit (gibt es dieses Wort?) können wir Deutschen uns mehr als nur eine Scheibe abschneiden! Das habe ich in dieser Form noch auf keiner Feier erlebt, aber ich liebe es!

Neben all der Energie, dem grandiosen Essen, dem Tanz und dem Lachen barg der heutige Abend auch wieder einige Lektionen für mich. Der heutige Tag zeigte mir, wie gut mein Passing sein kann und wie natürlich Menschen mit mir umgehen – was sicherlich auch dem Umstand geschuldet war, dass ich selbst auch entspannt an die Sache herangegangen bin. Mein Kollege fragte mich genau das: ob es für mich noch komisch sei, in der doch noch vergleichsweise neuen Frauenrolle auf eine solch große Feier mit vielen Menschen zu gehen. Nein, das war kein bisschen komisch! Ja, ich war anfangs nervös, weil ich kaum jemanden kannte und mich erst kurz akklimatisieren musste. Aber davon abgesehen…überhaupt kein Ding. Im Gegenteil. Wie ich schon oben schrieb fühlte ich mich sauwohl und spürte ein überdeutliches „JA“ in mir. Genau so soll es sein!

Und dieses klare „JA“ bestätigte mir mein Kollege, als wir über eines meiner ersten Youtube-Videos sprachen. Er erkannte mich kaum wieder, „ein völlig neuer Mensch, so selbstbewusst und klar“. Das geht runter wie Öl. 😉 Aber ja, das trifft es. In meinem tiefsten Kern, meine ich. Krisen wie zuletzt zeigen natürlich, dass ich nicht immer diese Klarheit ausstrahle oder mich selbstbewusst fühle. Doch das sind Phasen, die vergehen. Das was zählt, ist eben dieser Kern, mein Kompass, der in die richtige Richtung zeigt. Und genau dieser Kompass ist es auch, der mir hilft, letzten Endes solche Krisen hinter mir zu lassen und daraus meine Lehren zu ziehen.

Julia Skyline Düsseldorf Nacht
Leider etwas dunkel, aber ich mag das Bild dennoch sehr.

Ich habe aber noch mehr Dinge gelernt und erkannt. So bemerkte ich wiederholt, wie ich die anderen Mädels intensiv auf der Tanzfläche beobachtete und mir ihre Moves anschaute, verinnerlichte. Und dann: learning by doing. Zugegeben: in diesem Punkt fühlte ich mich doch noch etwas gehemmt. Tanzen und das damit verbundene Zur-Schau-Stellen des eigenen Körpers war noch nie mein Ding. Aber ich beginne, daran Gefallen zu finden, je mehr ich mich in mir selbst wohl fühle. Während ich zwischen Lernen, Schüchternheit und einfach nur von der Musik durchströmt werden hin und her wechselte, fiel mir noch eine Sache auf: die Mädels kannten sich alle unter einander und waren offenkundig gut befreundet, so dass die Tänze entsprechend „enthemmter“ ausfielen. Zwar sollten Hemmungen oder keine Hemmungen nicht von der Anwesenheit von Freunden abhängig sein, das ist gerade nicht der Punkt. Aber in diesem Augenblick fehlte mir genau das: diese Mädels-Clique. „Meine Mädels“, mit denen man gemeinsam die Tanzfläche stürmt. Gemeinsam durch die Clubs zieht. Pyjama-Parties feiert. All so Zeug.

Das hatte ich nie. Und mit Sicherheit haben das weniger Frauen, als ich jetzt gerade denke. Dennoch fehlte es mir in diesem Moment, dort auf der Tanzfläche.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das der alte Wunsch nach Zugehörigkeit. Ein Gefühl, dass ich in meinem Leben niemals wirklich gespürt habe. Ja, ich habe und hatte Freunde oder Gruppen, wo ich gerne gesehen bin und wurde. Dennoch spürte ich regelmäßig eine gewisse Entrücktheit, als sei ich zwar in der Gruppe, aber wirklich ganz richtig dazu gehören würde ich nie, weil ich eben „anders“ bin. Einen ersten Eindruck von echter Zugehörigkeit konnte ich durch meine Kontakte zu anderen Transgendern bekommen, da hier ein tiefes Verständnis für das herrscht, was uns innerlich am meisten bewegt und was Cis-Personen bei allen Bemühungen, bei aller Empathie und Akzeptanz einfach niemals nachfühlen können werden.

All das machte mich auf der Tanzfläche kurz ein wenig traurig. Nein, einsam. Einsam unter Menschen.

Doch möchte ich diesen Artikel nicht mit dieser negativen Emotion beenden, denn die (Lebens-)Freude überwog diese Dämonen bei Weitem.

Und ich schließe mit der Gewissheit, diesen Abend noch lange in positiver Erinnerung zu behalten als das, was er war: eine Ehre für mich, eingeladen gewesen zu sein und ein weiteres Ereignis in meiner Biografie, das die Kraft besaß, einen lange offen gebliebenen Kreis zu schließen und mich wieder ein bisschen mehr mit mir selbst zu versöhnen.

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