Sheep

Kennt ihr das? Manchmal gibt es diese Tage im Leben, da fühlt es sich so an, als habe man etwas sehr Elementares in seinem Leben endlich begriffen und verstanden. Dinge werden klarer, innere Konflikte lösen sich auf und…neue Fragen werden aufgeworfen.

So ein Tag war gestern. Ich schrieb ja bereits, dass ich mich wahnsinnig auf die anstehende Hochzeit freue. Diese Form der Vorfreude habe ich schon lange nicht mehr gespürt. Doch genau hier lag seit ich denken kann immer ein gewisses Risiko für mich selbst. Buchstäblich jedes Mal, wenn ich mich von Herzen auf etwas freute, passierte irgend etwas, das mir die Vorfreude so richtig verhagelte. Maßlose Enttäuschung machte sich breit und ich begann, mir die Vorfreude zu verbieten, da ohnehin mit Enttäuschung zu rechnen war.
Sehr lebhaft ist mir da ein Weihnachtsfest in meiner Kindheit in Erinnerung. Ich hatte mir damals „Das verrückte Labyrinth“ gewünscht und die Vorzeichen standen gut, dass ich es auch bekommen würde. Die Vorfreude war riesig! Doch am Ende bekam ich ein Holzlabyrinth geschenkt, in dem man eine Kugel um Löcher herum steuern muss. Natürlich auch eine tolle Sache, aber überhaupt nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Ich war am Boden zerstört und Weihnachtsfest war für mich gelaufen.

Nun, dieser Enttäuschungstrigger wurde gestern wieder heftig betätigt. Ich hatte der Mutter meiner Kinder eine Nachricht geschickt und sie darüber informiert, dass die Kinder zusammen mit mir zu der Hochzeit eingeladen seien und ob sie denn passende Kleidung mitbringen könnten. Ihre Antwort traf mich wie ein Schlag: meine ältere Tochter lehne es „kategorisch ab“, mit mir dort hin zu gehen und überhaupt würde sie mit mir (als Frau) nicht gerne in der Öffentlichkeit sein. Und auch die jüngere wolle nicht mitkommen.

Das tat richtig weh und augenblicklich schossen mir Gedanken an das damalige Gespräch mit diesem erzkonservativen Kinderpsychologen ins Bewusstsein. Dass es sein könne, dass sich meine Kinder von mir abwenden, wenn ich so vehement darauf bestehe, den Weg meiner Transition zu gehen. Subtext: „Hören Sie gefälligst auf damit!“ Hatte er womöglich damit Recht behalten? Solch deutliche Ablehnung durch meine Tochter hatte ich bislang noch nicht erfahren und das fühlte sich verdammt scheiße an. Einerseits die Ablehnung meiner Identität, meines tiefsten Inneren und andererseits die Angst vor dem „Verlust“ meiner Tochter.

Ich wurde wahnsinnig wütend und traurig zugleich, einen klaren Gedanken konnte ich nicht mehr fassen und so schilderte ich die Situation kurz in der Therapie-WhatsApp-Gruppe, in der ich zuvor auch meine Vorfreude auf die Hochzeit geteilt hatte.

Während ich auf Reaktionen wartete, rasten meine Gedanken weiter und eines kam mir wieder in den Sinn: diese Labyrinth-Geschichte. Und zahllose andere Situationen, in denen ich nach großer Vorfreude wieder und wieder richtig harte Schläge kassiert hatte. Ich bin eigentlich kein Mensch, der „Warum immer ich?!“ jammert, aber in diesem Fall stellte ich mir ernsthaft die Frage, warum immer mir das passierte. Warum durfte ich mich nicht auf Dinge freuen? Warum konnten Dinge nicht einfach mal gut sein? Warum kam immer irgend etwas und spuckte mir in die Suppe, ohne dass ich es vordergründig hätte beeinflussen können?

Ganz offenkundig hatte es aber etwas mit mir selbst zu tun, nicht mit „den anderen“ oder einer Art dunklen Bestimmung des Schicksals. Also versuchte ich, im Internet etwas dazu zu finden. Psychologische Phänomene, ähnliche Berichte und mögliche Lösungsansätze. Nichts war zu finden. Null. Nada. Außer ein Wort, dass mir spontan ins Auge fiel: „Enttäuschung“. Und da erinnerte ich mich an einen Kommentar respektive eine kurze Diskussion bei einem Blogeintrag vor ein paar Wochen. Damals war meine Enttäuschung über meine Logopädie sehr groß gewesen. Und jetzt das. Da war doch etwas im Busch! Was lag also näher, um hier mal weiter zu forschen?!

Ein Artikel über Enttäuschungen, deren Ursachen und den Umgang damit, half mir dann sehr weiter – es kann dann manchmal doch so einfach sein, wenn man einmal das richtige Thema gefunden hat. Wie schon im Titel beschrieben, geht es um Täuschung. Also die Annahme, Dinge seien anders als sie eigentlich sind. Illusionen, so zu sagen. Und diese werden bei der Enttäuschung enthüllt. Ent-täuscht. So gesehen ein positives Ereignis. Genau das im Grunde, was damals auf meinen Blogartikel kommentiert wurde, aber das reichte zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus, um wirklich bis in meinen Kern vorzudringen. Logisch war mir das klar, aber ich konnte es nicht fühlen.

Also stellte ich fest: ja, ich unterlag ganz offenbar zwei Täuschungen. Zum Einen hatte ich mich derart auf die Hochzeit gemeinsam mit meinen Kindern gefreut, ohne dabei aber die Rechnung mit den beiden zu machen. Ich war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sie selbstverständlich gerne mitkommen würden und meine Transition kein Thema sein würde. Und zum Anderen hatte ich angenommen, dass meine Kinder mit meiner Transition schon deutlich besser umgehen könnten, als sie es tatsächlich tun.

„Geben Sie Ihnen mehr Zeit“, antwortete mein Therapeut in der Gruppe. Darüber musste ich nachdenken.

Spät abends, nach vielen Gedanken über das Zeitgeben, meine Selbsttäuschungen und all das wurde mir eines klar: dieses wiederkehrende Muster hatte ich mir zu 100% selbst eingebrockt. Retrospektiv eigentlich total logisch, aber es fühlte sich stets wie der böse Wille des Universums an. Stattdessen hatte ich mir selbst etwas vorgemacht und so gedacht und gehandelt, als wären die Dinge, wie ich sie gerne hätte. Sind sie aber nicht.

Als ich das in dieser Klarheit plötzlich erkannte, fiel all die Wut und Trauer augenblicklich von mir ab. Mitgefühl für meine Kinder stieg in mir auf und auch die Vorfreude auf die Hochzeit kehrte zurück – gänzlich unabhängig davon, ob die beiden nun mitkommen würden oder nicht. Plötzlich konnte ich ihnen ohne Gram zugestehen, sich gegen ein Mitkommen zu entscheiden und die Entscheidung nicht persönlich zu nehmen. Ich konnte ihnen plötzlich zugestehen, dass sie eben doch noch nicht so cool mit der Transition umgehen, wie ich es angenommen und mir gewünscht hatte.

Innere Ruhe kehrte wieder ein. Es war schon spät, dennoch teilte ich meine Erkenntnis mit der Gruppe und bekam heute früh seitens meines Therapeuten eine sehr positive Rückmeldung dazu, verbunden mit dem Titelbild dieses Artikels:

Danke, dass Sie uns teilhaben lassen an Ihren Konflikten mit sich und Ihrer Umwelt und den Prozessen der Bearbeitung ! Sie sind großartig !

Gestern Abend hat sich etwas gelöst in mir, etwas sehr Grundlegendes hat sich verändert.
Ich habe das Gefühl, etwas ziemlich Elementares in meinem Leben gelernt und verstanden zu haben!

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