Kleid

„Schlimmer wird es nicht mehr, oder?“, fragte sie mit hoffnungsvoller Stimme. Der Rücken schmerzte und sie fühlte sich etwas benommen. Ihr Gegenüber schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, schlimmer wird es nicht mehr.
Wäre das Radio nicht eingeschaltet gewesen, hätte man womöglich ein kleines Steinchen von ihrem Herzen plumpsen hören.

Mit leicht wackeligen Knien stand die hochgewachsene junge Frau von der Liege auf, auf der sie die vergangenen 90 Minuten regungslos verbracht hatte. Leicht benommen suchte sie nach ihrer Brille und zog ihre Jacke an. Es war gerade mal Mitte August, aber es fühlte sich an wie Frühherbst. Zwar hatte es heute nicht geregnet, doch die kühle Luft ließ sie selbst hier in den Räumen der Kosmetikerin etwas frösteln. „Nicht vergessen: kühlen Sie die Stelle mit einem kalten Löffel!“ riet ihr die Inhaberin des verwinkelten Wellness-Geschäfts. „Und bitte hier noch einmal unterschreiben“, schob sie nach. Mit schwungvoller Handbewegung setzte die junge Frau ihre Unterschrift auf die von Woche zu Woche voller werdende Behandlungsliste. „Julia Kalder“ war da zu lesen. Jedes Mal, wenn sie ihren Namen las, durchfuhr sie ein erregtes Kribbeln im Bauch. Über 40 Jahre war es her, dass ihre Eltern diesen Namen für sie ausgesucht hatten, doch erst ein gutes Jahr war vergangen, seit sie ihn nun auch endlich tragen durfte. Es war noch immer keine Selbstverständlichkeit, verlieh ihr aber dennoch jedes Mal ein äußeres oder inneres Lächeln. „Bis nächste Woche“ flötete Julia und trat hinaus auf die Straße und rückte ihre Schutzmaske zurecht, denn die vorbeieilenden Fußgänger mussten ja nun nicht auf den Umstand gestoßen werden, dass darunter noch recht viel Bart wuchs. Doch dem war sie heute ein gutes Stück auf den Pelz gerückt.

Nur wenige Meter entfernt hatte sie ihr Auto geparkt, das sie jedes Mal mit Freude fuhr und nicht ganz ernsthaft darüber nachdachte, es „Christine“ zu nennen, nachdem sie auf den Song „Danke für die Angst“ von Thees Uhlmann gestoßen war und es tageweise in Dauerschleife gehört hatte. Sie stieg ein und spürte, wie ihr Kinn und ein Stück der Oberlippe pulsierte und schmerzte. Heute hatten sie wirklich viel geschafft. Die ganze rechte Seite unterhalb des Kinns und gut einen Finger breit der Oberlippe hatten sie von teils hartnäckigen Barthaaren befreit.

Zu Anfang war sie sich nicht sicher gewesen, ob sie das heute wirklich ausprobieren wollte, denn die Oberlippe galt als das Schmerzhafteste, was man sich in Sachen Nadelepilation antun konnte. Doch sie erinnerte sich an einen Spruch eines Seminarleiters, den er vor Jahren ständig wiederholt hatte: „It’s now or never“. Jetzt oder nie. Also jetzt. Denn nicht zuletzt der Bartschatten auf der Oberlippe trug ganz erheblich zu einem maskulinen Erscheinungsbild bei.
Schon beim ersten Barthaar dämmerte ihr, warum man derart respektvoll von der Oberlippenbehandlung sprach. Es schmerzte trotz Betäubung höllisch. Sie presste die Augen zusammen, ihre Nase schwoll augenblicklich zu und sie musste einen Niesreiz unterdrücken. Ihre Augen wurden feucht, als sie die Prozedur mit zusammengebissenen Zähnen stoisch über sich ergehen ließ.

„Kein Vergleich zur Unterlippe“, dachte sie. Dagegen war diese der reinste Spaziergang. Doch sie war stolz und erleichtert, das erste Stück Oberlippe von den verhassten Barthaaren befreit zu haben. Das war die richtige Entscheidung gewesen.

Während Julia den Wagen anließ und behutsam aus der Parklücke setzte, wanderten ihre Gedanken schon wieder weiter. Sie war gestern zu einer Hochzeit eingeladen worden und hatte sich heute Mittag ein entsprechendes Kleid zur Anprobe bestellt. Entweder wäre das taupe-farbene Spitzenkleid ihr Jackpot oder aber sie würde in den kommenden Wochen die Kaufhäuser der umliegenden Städte durchforsten müssen. Da zwei Freundinnen sie jedoch vorgewarnt hatten, dass es wahnsinnig schwierig sei, ein passendes Kleid zu finden, wollte sie nicht länger warten – immerhin waren es bis zur Hochzeitsfeier nur noch 3 Wochen, die überwiegend aus Arbeit bestehen würden. Da blieb nicht unendlich viel Zeit zum shoppen übrig. Dennoch hatte sie sich vorgenommen, an einem der kommenden Wochenenden mit ihrer Mutter die Stadt unsicher zu machen und für die Hochzeit shoppen zu gehen. Ob nun mit oder ohne Kleid. Immerhin gab es noch tausend andere Sachen, die sie sich für ihren ersten Auftritt auf einer großen Feier seit Beginn ihrer Transition von Mann zu Frau ausgemalt hatte. Allein der Kontostand war das Limit.

So viel stand jedenfalls fest: sie brannte – ihr Gesicht von der Nadelepilation und ihre Seele vor Vorfreude auf die anstehende Feier!

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