Moment

Auch der heutige Tag hatte 24 Stunden. Und dennoch war er reicher an kleinen und großen Geschenken, als andere Tage. Und dabei waren es mal wieder die kleinen Momente, die Stoff für große Gedanken in sich trugen.

Es fällt mir schwer, einen Anfang zu finden. Der Tag arbeitet sich noch durch mein Bewusstsein und möchte in all seinen Facetten aufgesogen und verarbeitet werden. Vielleicht einfach der Reihe nach:

Wer mich kennt wird wissen, dass der Morgen nun wirklich nicht meine Lieblingszeit ist. Insofern schälte ich mich, wie alle anderen Wochentage auch, wieder gerade rechtzeitig aus dem Bett, um frisch und mit einem kräftigen Kaffee in meiner Lieblingstasse meine Kollegen im ersten Meeting des Tages zu begrüßen. Es schien also ein ganz normaler, verregneter Donnerstag im Juli zu werden.

Doch wie der Regen gegen Mittag nachließ, so begann es gleichermaßen die kleinen wertvollen Momente zu regnen. Erst ganz dezent und leise, dann prasselten sie schauerartig auf mich ein…

Blumenmädchen

Ich denke, alles begann mit dem Moment, in dem ich einen hübschen Blumenstrauß für meine Behandlerin bei der Bartepilation aussuchte. Meine Entschuldigung für den verdaddelten Termin vor zwei Wochen, wir erinnern uns. Ihrer Reaktion entnahm ich, dass das nun wirklich nicht nötig gewesen wäre, sie sich aber sehr über die Geste freute. Und das freute mich wiederum. Eine Stunde später trat ich zwar mit geschwollenem Kinn aber glücklich wie ein Fisch im Wasser wieder in die würzige Sommerluft. Wieder ein daumenbreit weniger Barthaare am Kinn. Ein schöner Moment!

Zeit für Gespräche

Als ich heim kam, bot sich mir spontan die Gelegenheit, ein schon länger ausstehendes Gespräch über meine Transition zu führen, die ich gerne annahm. Ganze drei besonders wertvolle Momente nahm ich daraus mit: mein Gesprächspartner stellte fest, dass die Transition neben meiner Arbeit im Grunde jedweden restlichen Raum einnimmt. Zeitlich, aber vor allem mental. Zweifelsfrei, das ist so. Mit ein Grund, warum ich mir auf absehbare Zeit keine Beziehung zu einem anderen Menschen vorstellen kann – ich könnte der Beziehung zu diesem lieben Menschen einfach nicht gerecht werden. Das aber nur am Rande.

Dieser Umstand war mir zwar schon vorher bewusst, in diesem Moment erkannte ich aber nochmal deutlich, wie sehr mich die Transition beschäftigt und jede Faser durchdringt. Es gibt praktisch keinen Moment, in dem sie keine Rolle spielt. Das fordert mich nicht nur körperlich massiv heraus, sondern vor allem mental.

100% Job + 100% Transition ist eine ziemliche Energieleistung. Irgendwie vergleichbar (und gleichzeitig auch wieder nicht) mit meinem berufsbegleitenden Studium damals. 2x 100%. Nein, eigentlich 3x 100%, denn damals wurde meine älteste Tochter geboren. Das muss von außen überwältigend anstrengend wirken. Und vielleicht ist es das sogar. Ja, ich denke, die Müdigkeitsattacken direkt nach der Arbeit in den vergangenen Monaten kommen nicht von ungefähr. Bis zu Hormontherapie war ich wenigstens „nur“ mental zu 100% gefordert, körperlich ließ sich das ganz gut mit Sport ausgleichen. Mein jetziger Sport namens Hormontherapie ist auch Schwerstarbeit für den Körper, wenngleich ich dabei nicht ins Schwitzen gerate und leider auch keine zusätzlichen Fettpölsterchen abbaue.

Dennoch muss ich sagen: es ist insgesamt okay wie es ist.

Der zweite Moment, der sich daraus ergab, sei aber auch wertgeschätzt: „Darf ich Ihnen einen Rat geben?“, fragte mich mein geschätztes Gegenüber. Selbstverständlich. Mit Blick auf all diese Belastungen wäre ein Ausgleich mal ganz gut, hört ich ihn sinngemäß sagen. Oder in meinen eigenen Worten: mehr Selbstliebe und Selbstfürsorge. Liebe Menschen treffen. Dinge tun, die nichts mit der Transition zu tun haben. Kurzum: leben!

Oberflächlich betrachtet ein naheliegender Ratschlag. Bei näherer Betrachtung aber mindestens genauso weise und besonders. Wenn ich diesen dritten Moment, der mir Unterstützung und Rückendeckung zusicherte, noch einmal auf mich wirken lasse, hätte das genauso gut ein Gespräch zwischen Großvater und Enkel sein können, in dem der Großvater mit all seiner Lebenserfahrung sagt: „Vergiss nicht zu leben!“

Ja. Das kommt dieser Tage zweifelsfrei etwas zu kurz. In diesen virtuellen Tagen ohne echte Nähe.

„Vergiss nicht zu leben!“ 

Dieser Satz wurde nicht verbalisiert. Subtext. Ein Subtext aber, der mich tief beschäftigt und mich gleich auf eine Frage bringt, die am heutigen Abend in der Gruppentherapie gestellt wurde: „Was ist danach?“

Was ist nach der GaOP? Diese Frage stellte sich jemand aus der Gruppe. Wartet dort das goldene Leben auf uns? Ist dann das Ziel aller Ziele erreicht? Wie geht es dann weiter?

Die ernüchternde Antwort lautet wohl: das Leben geht danach ganz normal weiter. Nur eben körperlich verändert. Gute Dinge von vorher werden noch da sein und eventuelle Probleme werden sich deswegen nicht plötzlich in Luft auflösen. Diese Arbeit kann uns ein Chirurg nun wirklich nicht abnehmen.

Und hier entsteht für mich die gedankliche Brücke zwischen „Was ist danach?“ und „Vergiss nicht zu leben!“. Das was zählt ist jetzt. Das eigene Wohlbefinden, das beackern unserer ganz eigenen Baustellen. Und zwischendrin: Pausen und durchatmen. Denn die Reise zu uns selbst ist ein lebenslanger Marathon, der ohne Pausen des Innehaltens nicht absolvierbar ist. Lebe ich bewusst im Jetzt, braucht mich die Frage nach dem „Danach“ auch nicht mehr groß kümmern,  denn auch dann werde ich im Jetzt leben. Nur mit einem Körper, der ein ganzes Stück mehr meinen Empfindungen entspricht.

Bei der Frage, was denn danach sei, wurde mir eine Sache noch deutlicher: es ging hier auch um die Frage des Bereuens einer GaOP – Stichwort Detransition. Ich schrieb ja bereits über meine Gedanken dazu. Die gleichen Gedanken hegte meine Mitstreiterin in der Gruppe heute, aber vor einem völlig anderen Hintergrund. Familiäre Probleme, mangelnde Unterstützung, Ablehnung gar. Ängste vor Horrorszenarien. Existenzbedrohende Szenarien. Angst davor, dass das Leben nach der OP nicht besser wird. Vor diesem Hintergrund hatte sie den schon feststehenden GaOP-Termin abgesagt. Nachvollziehbar und möglicherweise rechtzeitig, bevor eine OP zur Kompensation anders gelagerter Probleme herangezogen wurde. Gleichzeitig stellte mein Therapeut heraus, dass es gerade bei einem solch tiefen Eingriff in die menschliche Physiologie niemals eine 100%ige Sicherheit der Entscheidung geben kann.

Da, wieder so ein Moment. Es sickerte eine Erkenntnis in mein Bewusstsein: meine Gedanken und Sorgen, die ich mir aufgrund von Berichten über Detransition gemacht hatte, waren sicher wert bedacht zu werden, aber eigentlich unbegründet. Es gibt keine Ängste, die ich in mir trage, wenn ich die OP mache (abgesehen von einem sicherlich angemessenen Respekt vor dem Eingriff selbst). Ich denke nicht, dass sich mein Leben nach der OP auf wunderbare Weise in den Garten Eden verwandeln wird. Nein, der Anfang wird sicherlich eher beschwerlich sein. Mit körperlichen Schmerzen und möglicherweise sogar Sorgen darum, das Richtige getan zu haben – einfach weil sich alles anders und neu anfühlen wird. Aber denke ich an die Zeit nach der Abheilung, sind es schon wieder die kleinen Momente, die mir ein Bauchkribbeln verschaffen, wenn ich an ein Leben nach der OP denke.

All das ist noch ungeschriebene Zukunft, aber ich weiß, wofür ich es tue und wie sich all das ein mein bestehendes Leben integrieren kann. Und daher wird mich die Frage nach dem „Was ist danach“ auch nicht aus der Bahn werfen.

Video killed the radio star

Kurzer Zeitsprung zurück in die Mittagspause.

Berichtete ich von dem Videodreh auf der Arbeit vor einigen Wochen? Ich glaube schon. Stichwort Diversity & Inclusion. Ein Dreh, bei dem ich einige Gesten und bestimmte Mimik machen durfte. Heute wurde mir der Rohschnitt des daraus entstandenen Trailers präsentiert. Ich kam aus der Begeisterung gar nicht mehr raus. Super gut! Und der beste Moment war der, in dem ich bemerkte, dass ich mich im Video selbst gut selbst sehen konnte. Das war früher praktisch nie der Fall, seit Beginn der Transition kommt es gelegentlich vor. Ein weiteres Zeichen, dass die eingeschlagene Richtung richtig ist.

Ich bin jedenfalls gespannt auf das Endergebnis und sofern erlaubt werde ich das Video bei Zeiten gerne hier teilen.

Von Tagen und Perioden

Wieder ein Zeitsprung. Dunkelheit senkt sich über die Stadt, während draußen wieder Regen für diese ganz besondere Sommerregenluft sorgt. Die Gruppentherapiesitzung ist zu Ende. Gerade möchte ich aufstehen, doch mein Therapeut hat noch „one more thing“. „Ich musste vorhin übrigens grinsen, Julia“, sagt er zu mir. „Als sie von den regelmäßigen Phasen berichteten, in denen es Ihnen schlecht geht.“ So wie vergangenen Dienstag.

„Sie waren doch verheiratet…Sie wissen doch, wie der weibliche Körper funktioniert…“, legt er grinsend nach. Ein Gedanke bemächtigt sich meiner – ein magischer Moment. „Meint er allen Ernstes…„, denke ich und bringe erst einmal kein Wort hervor.

Wollte er mir jetzt gerade allen Ernstes sagen, dass ich meine Tage hatte?

Nicht, dass ich diesen Gedanken nicht auch schon gehabt hätte, im Gegenteil. Ich habe mir sogar gewünscht, dass es so sei – denn damit wäre ich ein Stück weiblicher und könnte tatsächlich mit Cis-Frauen mitreden, wenn sie von monatlichen Stimmungsschwankungen sprechen. Es würde mich vollständiger machen, so absurd das die meisten Cis-Frauen vermutlich finden werden. Wie cool wäre das, bitte?!

Ich hatte diese Option aber schon recht früh für mich ausgeschlossen. Rein logisch betrachtet. Denn meine Hormondosis ist jeden Tag gleich. Es gibt also keine nennenswerten Schwankungen wie bei Cis-Frauen. Ich weiß zwar von Transfrauen, die ihre Hormondosen unterschiedlich verteilen, um einen Zyklus zu simulieren. Offen gestanden ist mir das aber zu anstrengend und es ist ohnehin fraglich, ob das etwas bringt. Und sogleich rissen mich wild auf mich ein plaudernde Frauen um mich herum aus den Gedanken. Das könne schon sein. Ja, man habe schon davon gelesen, dass manche Transfrauen das trotz gleichbleibender Dosis haben. Es könnte auch psychisch bedingt sein. Und so weiter. Mir blieb der Mund offen stehen. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass an meinen Überlegungen zu dem Thema ernsthaft etwas dran sein könnte.

Abschließend kann ich das alles noch nicht bewerten, eine gründliche Internetrecherche steht noch aus. Aber allein die Möglichkeit, dass die Hormone bei mir eine Art Periode ausgelöst haben, macht mich super happy. Zwar finde ich die Downphasen alles andere als schön, aber damit wären sie erklärbar. Und laut einer weiteren Teilnehmerin „wird es mit der Zeit besser“. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen, nach denen diese Phasen anfangs mehrere Tage lang waren und jetzt nur noch ein knapper Tag.

Was auch immer dahinter stecken mag: spannend ist es allemal.

UPDATE: Reddit ist voll von Berichten über ähnliche Symptome. Die Gründe scheinen unklar, aber sie scheinen mit dem Beginn der HRT zusammenzuhängen. Erklärungsversuche.

Vorfreude

Eine gute Freundin von mir wohnt mittlerweile zu meinem Bedauern in München. Durch Corona haben wir uns ewig nicht gesehen. Doch durch meine geplanten Vorgespräche zur GaOP, sinkende Inzidenzzahlen und Impfungen haben wir endlich die Möglichkeit, uns wiederzusehen. Das Telefonat, in dem wir das verabredeten, war neben dem Schreiben dieser Zeilen nebst meinen Lieblingssongs von Coldplay mein krönender Abschluss des heutigen Tages.

Tja, meine Liebe! Endlich sehen wir uns wieder! Zwar haben wir regelmäßig telefoniert – meist gleich mehrere Stunden. Doch ich muss gestehen: ich vermisse sie sehr und freue mich wahnsinnig auf ein Wiedersehen!

Ein schöner Vorfreudemoment.

Leben.

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