Hello darkness, my old friend!

Akt Schwarz Weiß

I’ve come to talk with you again, because a vision softly creeping, left its seeds while I was sleeping. And the vision that was planted in my brain still remains within the sound of silence. (Disturbed – The Sound of Silence)

Die vergangenen Wochen waren zurückblickend eigentlich ganz ok von meiner Gesamtverfassung her. Es gab zwar keine besonderen Hochphasen, dafür hielt sich die Dysphorie (the darkness) aber auch dezent im Hintergrund.

Das aber auch nur, um heute mit der großen Keule hinzulangen. Viele Kleinigkeiten, die mich zwar in den vergangenen Tagen gestört haben, aber zu keinem signifikanten Unwohlsein führten, kamen heute zusammen: die mittäglichen Logopädieübungen waren eine Farce, ich weiß nicht, wie meine Stimme jemals ernsthaft feminin klingen soll! Egal wie ich meine Muskelstellung variiere, egal wie viel oder wenig ich hauche, egal wie viel Twang meine Stimme bekommt, es klingt alles deprimierend unnatürlich und falsch.

Das nächste „Highlight“ war dann ein Blick in den Spiegel. Wegen der Bartepilation muss ich Teile des Barts wachsen lassen und kann Make-Up damit weitgehend vergessen. Mich blickte also ein bärtiges Wesen mit fusseliger, dünner Kopfbehaarung und männlichen Gesichtszügen an. Ich hätte am liebsten in den Spiegel geschlagen und geschrien. Fotovergleiche meines Gesichts zwischen heute und vor der Hormontherapie zeigten exakt 0 Veränderung. NULL! Das deckt sich denn unter anderem auch mit dem Körperhaarwuchs. Reihenweise MzF-Transgender berichten begeistert, wie sich schon nach kürzester Zeit in Hormonbehandlung die Körperbehaarung in Wohlgefallen auflöste. Einige aber auch, dass sich beinahe nichts verändert habe. Selbst nach längerer Zeit nicht. Und wenn ich mich so anschaue, gehöre ich scheinbar zur zweiten Gruppe und es widert mich einfach nur an! Ganz klasse, echt! Jeden Tag Epilieren. Arme, Beine. Oberkörper rasieren. Und Bereiche, die ich rein anatomisch ohne fremde Hilfe nicht erreichen kann, sehen entsprechend „unweiblich“ aus. KOTZ!

Dysphoria is back! Aber hallo!

Was mich zuletzt aufbaute, frustrierte mich heute. Ich berichtete ja von den Wachstumsschmerzen in der Brust und ich wage zu behaupten, dass sich langsam sichtbare Veränderungen einstellen. Eigentlich Grund zur Freude. Was mich jedoch heute schwer irritierte, als ich zwecks Dokumentation meine Brustmaße nahm: es hat sich in Sachen Umfang im Grunde nichts verändert während der Hormontherapie. Berechnungen von BH-Größen enden mit Negativwerten, sind also noch weniger als AA, also quasi nicht existent.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wann diese seelischen Schmerzen jemals ein Ende nehmen werden, wann ich mich endlich in meinem Körper wohlfühlen werde! Es ist kaum zu ertragen!!!

Ich meine, fast alle oben genannten Punkte lassen sich irgendwie behandeln, mit unverhältnismäßig hohem Aufwand – zeitlich wie finanziell. Abgesehen von der Stimme. Und ich habe Angst, dass ich das niemals hinbekommen werde. Ich weiß, sich mit anderen zu vergleichen, ist gerade bei der Transition überhaupt nicht hilfreich, weil jeder Mensch unterschiedlich veranlagt ist. Aber dennoch. Ich war es bisher immer gewohnt, mit entsprechendem Durchhaltevermögen an mein Ziel zu kommen. Im Augenblick wird dieses Durchhaltevermögen mehr als auf die Probe gestellt. Closer to the edge! Ernsthaft, Universum, es reicht! Die Dysphorie drohte ja schon öfter, mich innerlich zu brechen, bisher kam ich da aber immer wieder raus. So wird es sicherlich auch dieses Mal wieder sein, aber jetzt gerade fühle ich das nicht. Sie überwältigt mich, zieht mich runter, lässt mir keine Luft zum Atmen.

All die Bemühungen, körperliche Veränderungen herbei zu führen, scheinen ins Leere zu laufen. Es ist, als würde sich mein Körper einfach verweigern. Er nimmt das Östrogen zwar dankend an, lässt es aber dabei bewenden. Mit derart tollkühnem Widerstand hatte ich ehrlicherweise nicht gerechnet. Die Bürokratien dieses Landes konnte ich ja bisher relativ gut durchschiffen, auch dank meines mir nachgesagten Organisationstalents. Meinen Körper kann ich aber nicht wie ein Projekt managen. Der macht, was er will…in meinen Projekten heißt sowas „externe Abhängigkeit“, also Faktoren, von denen ich abhängig bin, die aber außerhalb meines Einflussbereichs liegen und das Projekt dennoch ins Stolpern zu bringen vermögen.

Die Krux an der gegenwärtigen Lage mit der Hormontherapie: anstatt, dass das alles zu mehr Einigkeit von Körper und Seele führt, treibt es uns gerade eher auseinander. Eine derart starke Ablehnung gegen meinen Körper habe ich schon lange nicht mehr verspürt. Ich schaue mir andere Frauen an und rein körperlich einmal so zu sein, wie es meinem inneren Empfinden entspricht, erscheint mir wieder und wieder unerreichbar zu sein, vollkommen aussichtslos. Und so sehr es mir bewusst ist, dass das Hadern damit rein gar nichts bringt – genauso sehr kann ich die Wellen des „es ist einfach alles falsch an diesem jetzigen Körper“ nicht unterdrücken. Manchmal wünschte ich, ich könnte es. Das ganze Leid vergessen, ein Leben im Einklang mit meinem Körper führen, wie 99% der Cis-Bevölkerung…

Dazu fällt mir ein alter Song Der Toten Hosen ein. „Mein größter Feind“. Der Text steht im Grunde für mein ganzes Leben, für jeden Blick in den Spiegel, wenn ich mir so recht überlege:

Wenn ich in einen Spiegel seh
Bin ich mir immer wieder fremd
Ist das wirklich mein Gesicht
Meine Stimme, die da spricht?
Wenn ich mit mir alleine bin
Gibt es keine Chance zu fliehen
Nichts ist mehr da von all dem Schein
Von dem, was ich versuche zu sein
Das ist der Moment
In dem ich weiß
Ich selber bin
Mein größter Feind
Mein größter Feind
Ich merke, wenn ich einsam bin
Ich kann mich selbst nicht mehr ausstehen
Ich guck wieder auf mein Spiegelbild
Es macht mir alles nach und verschwindet nicht
Das ist der Moment
In dem ich weiß
Ich selber bin
Mein größter Feind
Mein größter Feind
Mein größter Feind

Am Ende hilft da nur eins – wie schon in den Dysphoriephasen vorher: Krönchen richten, aufrappeln, weiter in die angepeilte Richtung laufen, auf Besserung vertrauen und mich weiter darin zu schulen, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und Dinge in Angriff zu nehmen, die ich ändern kann. Und Musik hören – mein Krisenhelfer #1. Das alles ist eine so wahnsinnig harte Lektion…

Und naja, es ist ja nicht so, als hätte ich groß die Wahl gehabt in dieser Sache und dennoch sprachen und drücken mir gegenüber viele Leute immer wieder großen Respekt dafür aus, dass ich diesen Weg auf mich nehme. Oft genug rede ich das Lob dann klein, weil ich die Gesamtsituation in dem Augenblick auch gut halten kann. Außerdem stellt die Transition eine unumgängliche Notwendigkeit da, für die ich mir selbst keinen Respekt gebe, weil ich schlicht nicht anders konnte. Das alles brauchte kein besonderes Talent oder so. Nur jede Menge Schmerz. Ja, verdammt…Schmerz.

Wenn man Trans*Personen Respekt für etwas aussprechen kann, dann ganz besonders für unsere Leidensfähigkeit…und doch reicht diese für manche von uns nicht aus.

In stillem Gedenken an euch, Brüder und Schwestern.

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