Schreiben im Park

Gestern und heute ist soviel Zeug passiert, das berichtenswert ist und entweder direkt oder indirekt mit meiner Transition in Zusammenhang steht. Und dennoch fällt mir nicht mal ein guter Titel für diesen Beitrag ein. Insofern wird es wohl bei „Schreibblockade“ bleiben und ich fange einfach mal chronologisch vorne an.

Kapitel 1 – Verrat

Passend zum Weltklima und der zunehmend sommerlichen Luft heizt sich seit einigen Tagen auch die Stimmung bei uns auf der Arbeit zunehmend auf. Ich mag da gar nicht ins Detail gehen, denn diese Gemengelage ist erstens nicht für diese Plattform geeignet und zweitens müsste ich viel zu weit ausholen, um das Ganze halbwegs verständlich darzulegen.

Ich möchte es daher dabei belassen, dass seitens einer Person etwas signifikantes getan wurde, was ich nur mit „Verrat an uns Kollegen“ bezeichnen kann. Dieses Verhalten hat mich enttäuscht und wütend gemacht und ich musste zunächst eine Nacht darüber schlafen, um den Kopf wieder klar zu kriegen. Um einen Weg zu finden, darauf zu reagieren, kritzelte ich heute intuitiv mein Notizbuch voll. Formulierte meine Emotionen, fühlte hinein, welches Bedürfnis dahinter steckte und versuchte zu erkennen, warum ich mich so fühlte wie ich mich fühlte.

Messer im Rücken

Letztlich stellte ich fest, dass dieses Verhalten genau gegen meine innersten Werte verstieß. Mir ist ein ehrlicher, respektvoller, unterstützender und offener Umgang miteinander wichtig. Im Job wie im Privatleben. Das Verhalten in diesem Fall war das genaue Gegenteil: respektlos, verlogen, vernebelnd und im negativen Sinne egoistisch.

Es gibt ja diesen bekannten Ausspruch: „Love it, change it or leave it.“

Dieses oftmals hilfreiche Gedankenkonstrukt half mir am Ende auch in diesem Fall, aber erst am späten Nachmittag nach einem Gespräch mit meinem Therapeuten.

„Love it“? Naja, es ging mir mit der Situation und den dahinter steckenden strukturellen Problemen nicht gut. Wie könnte ich es lieben?

„Leave  it“ kam nach kurzer Überlegung für mich nicht in Frage. Ich schätze mein Team von Herzen und in meinen Projekten herrscht ein Umgang im Einklang mit meinen Werten.

„Change it“ – hier lag der Schlüssel. Bei meinen anfänglichen Gedanken wurde mir klar, dass ich weder die betreffende Person ändern kann, noch die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben. Aber…

Kapitel 2 – Change it!

…mein Therapeut hakte hier dankenswerterweise nochmal nach. „Sie haben diesen Punkt noch nicht ausreichend bedacht.“ Ich verstand seine Anmerkung zunächst nicht. Als er aber weitere Perspektiven auf das „Change“ aufzeigte, ergab es Sinn. Ich hatte bisher nur die Person und die Beziehung zu ihr betrachtet. Aber nicht in Betracht gezogen, meine eigene Haltung oder Position zu verändern. Eigentlich total naheliegend.

Um es etwas abzukürzen: wir endeten bei der Feststellung, dass die Lage vergleichbar ist mit dem Kindertherapeuten damals und einer ähnlichen Lösung bedarf: dem klaren Eintreten für meine Position unter Beibehaltung der Chance der Gesichtswahrung seitens meines Gegenübers. Soll heißen: die Lösung für mich persönlich liegt in einer wohl durchdachten eMail an diese betreffende Person. Damit ist mein Teil getan – die Reaktion oder Nicht-Reaktion liegt dann bei ihr. Damit ist jedenfalls sichergestellt, dass ich meine Integrität wahre, für meine Werte eintrete und gleichzeitig den begrenzten Raum des eigenen Einflusses anerkenne.

Time to Change

Noch habe ich zu dieser eMail kein Wort geschrieben, aber es fühlt sich bereits jetzt befreiend an, wie damals beim Kindertherapeuten. Und genau deswegen ist dieses Thema auch wichtig für meine Transition. Mein Therapeut nannte es damals „Self-Proudness“, auch wenn die Übersetzung vielleicht etwas holprig daherkommt. Aber es wird klar, denke ich, was damit gemeint ist.

Ich bin eine starke Frau und weiß, wo ich im Leben stehe. Und übrigens: die Butter lasse ich mir auch nicht vom Brot nehmen!

Kapitel 3 – Randnotizen

Das Wahrnehmen meiner heutigen Einzeltherapie glich heute einem Abenteuer. Nicht wegen obiger Thematik, sondern eher wegen des Drumherums. Nachdem ich mein Auto im Parkhaus abgestellt hatte, fiel mir auf, dass ich mein Portmonee in einer anderen Handtasche vergessen hatte. Frauenprobleme. 😀 Ich wusste aber, dass man dort auch per Handy bezahlen konnte, versicherte mich beim örtlichen Personal zur Sicherheit nochmal und zog dann beruhigt von dannen.

Nach der Therapie kam dann aber der GAU. Mein Handy verweigerte mit vehement zur Schau gestellten Untätigkeit den Zahlungsvorgang. Weder Neustart noch sonstige Magie vermochten es, die Elektronik zur Kooperation zu bewegen. Da stand ich nun. Kein Geld, kein Ausweis. Nur ein nutzloses Handy.

Der Herr des Hauses wurde langsam unfreundlich und zitierte mich dann in sein Häuschen. Er packte eine Art Schuldschein aus. „Füllen Sie den mal aus, junger Mann!“, vernahm ich fassungslos. Hatte er gerade „junger Mann“ gesagt?! Ich war so perplex, dass ich dazu nichts weiter sagte. Und ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust, mich ohne Ausweis auch noch für meine Geschlechtsidentität rechtfertigen zu müssen. Klasse, echt.

Smile to go

Der Zettel verlangte eine heikle Angabe von mir: „Ausweisnummer“. „Haben Sie Ihren Ausweis dabei?!“, fragte er streng. „Neiiin“, beteuerte ich wiederum mit hochrotem Kopf, „ich habe doch mein ganzes Portmonee vergessen. Ich kann Ihnen das Geld aber gerne per Paypal schicken. Oder überweisen…direkt jetzt mit meinem Handy. Aber alles andere funktioniert gerade nicht.“ 

„Dann muss ich jetzt wohl die Polizei rufen, Sie können sich ja nicht mal ausweisen!“, ließ er erbarmungslos verlauten. Na klasse. Ich kam mir vor, als habe ich gerade eine Bank ausgeraubt. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich doch kürzlich meinen neuen Personalausweis ganz stolz fotografiert hatte, kramte hastig das Foto heraus und legte es ihm vor. Das reichte ihm zum Glück und einige stressige Minuten später hatte ich die Parkgebühr per App überwiesen und er seinen unterschrieben „Schuldschein“ in dem ich versicherte, den Betrag binnen 8 Tagen zu überweisen.

Als ich das Parkhaus verlassen hatte, atmete ich tief durch. Was für ein Theater. Doch da die Bezahlung glücklicherweise dann doch geklappt hatte, verschwand die Sorge darum schnell. Nur das wiederholte „junger Mann“ hallte nach.

Tut es noch immer.

Kapitel 4 – Verschlossen

Zeitsprung. 60 Minuten zuvor.

Ich drücke den Klingelknopf der Praxis. Nichts. Eine Dame verlässt zufälligerweise das Haus, ich gehe hinein. Ich drücke gegen die Tür der Praxis. Verschlossen. Irritation. Hatte ich mich im Termin vertan? Urlaub? Krankheit? Ich rief in der Praxis an. Nichts. Ich schrieb einer Bekannten aus meiner Gruppe. Nichts.

Offene Schloss

Ich steige, noch immer irritiert, die hellen Stufen des düsteren Treppenhauses hinunter und bin nur wenige Schritte von der Haustür und dem Weg zurück nach Hause entfernt, da klickt das Türschloss und jemand verlässt die Praxis. Ich eile zurück, erkundige mich hastig, ob mein Therapeut da sei und klingle nach einer überraschten und unverständlichen Antwort einfach an der Tür. Es öffnet. Überrascht steht mein Therapeut vor mir und ich kann dabei zusehen, wie die Erkenntnis in sein Gesicht wandert, dass er doch noch keinen Feierabend und meinen Termin vergessen hat.

Kapitel 5 – Pläne

Zeitsprung: 15 Minuten später.

Wie üblich ging ich mein gut gefülltes Notizbuch mit meinen Themen für heute durch. Stichwort: Planung weiterer Schritte.

Denn nun nach der glücklichen und zügigen Genehmigung meiner Bartepilation und dem damit verbundenen Abschluss des „großen Verfahrens“ stand es zu überlegen, wie und wann die Haartransplantation sowie die Vorgespräche für die GaOP stattfinden können.

Planer

Das Ergebnis einiger Überlegungen ist nun die Verschiebung der Haartransplantation auf Ende des Jahres. Hintergrund ist der Umstand, dass ich erst im November 2020 die Perücke beantragte. Da mir mit Genehmigung jährlich ein neues Haarteil zustünde, ist es aus mit Blick auf die Nachhaltigkeit jedoch sinnvoll für alle Beteiligten, das eine Jahr abzuwarten und statt für den Rest meines Lebens neue Perücken finanziert zu bekommen, die Haartransplantation zu initiieren und das Thema danach zu den Akten zu legen. Doch dazu dann mehr später im Jahr. In der Zwischenzeit sammle ich noch mehr Kostenvoranschläge und zerbreche mir den Kopf über eine treffsichere Formulierung meines Antrags.

Mit dieser Entwicklung hat sich dann aber auch automatisch die Priorität der GaOP auf Platz 1 vorgeschoben. Cool. Wow. Das wird ja jetzt ganz schön schnell konkret. Ungewohnt, aber nicht unangenehm. Schön. Aufregend. Schon. Endlich.

Da ich zum Zeitpunkt des Antrages der GaOP 12 Monate in Hormontherapie sein muss, kann ich diese ab Anfang / Mitte Oktober diesen Jahres beantragen. Der Antrag und die Vorgespräche dürfen zudem nicht länger als 3 Monate auseinander liegen. Rechnen wir zurück, können die Gespräche ab Anfang / Mitte Juli beginnen. Das ist ja fast schon übermorgen! Und ganz ehrlich? Bis ich in München einen entsprechenden Termin bekomme, ist es ohnehin schon mindestens Juli.

Kapitel 6 – Fügung

Fazit Puzzle

Und plötzlich fügt sich wieder einmal auf wundersame Weise alles zusammen. Denn im Juli habe ich Urlaub und die Kinder bei mir. Wegen Corona hatten wir den diesjährigen Urlaub auf unserem Lieblingsbauernhof in Bayern ausfallen lassen. Doch plötzlich ergeben sich neue Chancen. Ein paar Tage München, zusammen mit den Kids und meiner Mum. Kombiniert mit den Vorgesprächen, Treffen einer guten Freundin und ein wenig Ausspannen.

Besser geht’s nicht! 

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