Frau auf Boden

„Sprachlos“ ist der heutige Titel, ja. Oder wahlweise: „wie mich ein Gespräch mit einem Psychologen in eine tiefe Krise stürzte“.

Ja, schreiben kann ich noch. Irgendwie. Aber es fällt mir schwer, das Grauen in Worte zu fassen, das ich heute empfand und noch immer empfinde Und so verstummte ich am Ende des Tages, brachte keinen Ton mehr heraus. Ein dicker Kloß im Hals schnürt mir die Luft ab.

Dabei fuhr ich heute Morgen recht zuversichtlich und gut vorbereitet zu einem Gespräch mit dem Kinderpsychologen meiner Töchter, da er mich kennenlernen wollte. Sie sind dort seit einiger Zeit in „Behandlung“ (das klingt irgendwie falsch). Warum? Um es platt zu sagen: wegen mir. Wegen meiner Transition. Weil es sie, wie ich früher schon schrieb, heftig erwischt hat. Vor allem die Große.
Doch offenbar hatte ich die Lage unterschätzt. Der Psychologe berichtete, beide kämen überhaupt nicht mit der Situation klar und das äußere sich unter anderem natürlich darin, dass die ältere zeitweise an Wochenende nicht bei mir sein wolle. Nun, immerhin hat sie bei ihm ein Ventil, einen sicheren Ort, um ihre Emotionen zu verbalisieren. Gut.
Das tut sie mir gegenüber nicht und das macht mich tief traurig, da ich so gerne mit ihr darüber sprechen würde. Aber wahrscheinlich bin ich die falsche Person dafür.

Im Laufe des Gesprächs kristallisierte sich dann jedenfalls heraus, dass der Therapeut a) keinerlei Erfahrung mit Transpersonen hat (dazu komme ich noch) und b) keine große Hoffnung hat, im Rahmen der Therapie dafür zu sorgen, dass die Kinder gut mit der Situation um gehen können. Ich frage mich zwar dann, was das Ziel des Ganzen ist, aber anyway. Thema Transerfahrung: es wurde in vielerlei kleinen Bemerkungen deutlich, dass mich der gute Mann nicht wirklich verstehen konnte. Wie auch? Aber so konnte er nicht verstehen, dass ein Rollenwechsel zurück in die männliche Identität eine immense, kaum auszuhaltende Belastung für mich ist.  Es sei doch „nur Männerkleidung“. Ja, dass das aber schon ausreicht, um eine heftige Dysphorie auszulösen, musste ich erst noch erklären und kam mir dabei vor wie ein Alien. Tja, das Schicksal der Vorreiter.

Was das Ganze zur tiefen Krise für mich machte, war eine vermeintlich lapidare Randbemerkung verbunden mit einer Handlungsempfehlung:

Handlungsempfehlung: „Verbringen Sie die Wochenenden mit den Kinder vollständig als Vater, den Rest der Zeit können Sie dann ja Frau sein.“

Begründung: Kinder brauchen beide Elternteile und in diesem Fall ihren Vater. Meiner Auffassung nach ein etwas überholtes Weltbild, aber was weiß ich schon?!

Bevor ich dazu komme, mich über diese „Handlungsempfehlung“ aufzuregen, hier die Randbemerkung:

„Es kann natürlich schlimmstenfalls dazu kommen, dass sich Ihre Kinder von Ihnen abwenden, wenn sie mit der Situation nicht klar kommen.“

BÄM! IN! YOUR! FACE! 

Untergründig angekommene Botschaft: „Wenn Sie Ihre eigentliche Identität nicht verleugnen, sind Sie selbst Schuld daran, wenn Sie Ihre Kinder verlieren.“ Oder anders herum: „Wenn Sie verhindern wollen, dass sich Ihre Kinder von Ihnen abwenden, verleugnen Sie am besten Ihre Identität.“

Ja, geil! Geht’s noch?! Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wird mir erst die unfassbare Tragweite seiner Worte bewusst. Zumal er immer von meinen „Bedürfnissen“ sprach. Es geht hier aber nicht um schnöde Bedürfnisse wie „ich würde jetzt gerne mal ein Stück Schokolade essen“, sondern um meine Identität!!!

Aber das ist noch nicht einmal der Punkt. Viel schlimmer ist folgender Gedankengang, der sich daraus entwickelt hat:

Wenn wirklich die reale Gefahr besteht, dass sich meine Kinder von mir abwenden, ist es an mir, eine Entscheidung zu treffen, die ich unmöglich treffen kann und will:

Lebe ich endlich nach 39 Jahren mein Leben und meine Identität?
Oder habe ich Kontakt zu meinen Kindern?

Wäre das am Ende wirklich der Preis dafür, ich selbst sein zu dürfen? Der Verlust der eigenen Kinder?!
Was für eine kranke Scheiße! So etwas Unmenschliches kann sich doch wirklich kein Drehbuchautor ausdenken!

Einatmen. Ausatmen. 

Das ist zum Glück weitgehend hypothetisch. Aber dennoch nicht so weit hergeholt, als dass es nicht eintreten könnte (siehe Film „Eine total normale Familie“, beruht auf wahren Begebenheiten).

Und genau dieser Gedanke, stürzt mich gerade in ein sehr, sehr tiefes Loch und befeuert alte Glaubenssätze mit Raketentreibstoff: „Für jedes bisschen Glück musst du teuer bezahlen!“ Und: „Du bist ein solcher Egoist! Stell deine Bedürfnisse gefälligst hinten an!“ (ja, dieser Glaubenssatz enthält eine männliche Formulierung…denk mal drüber nach)

Und die Frage nach den Bedürfnissen ist möglicherweise auch valide. Habe ich als Elternteil eine Verantwortung für meine Kinder? Selbstverständlich! Habe ich als erwachsener Mensch eine Verantwortung für mich selbst? Absolut!
Doch wo um Himmels Willen zieht man hier die Grenze? Wo ist es noch in Ordnung, für mich selbst einzustehen und wo hört es auf? Darf ich zu meinem eigenen Wohl das Leid der Kinder in Kauf nehmen?

Es ist perfide.

Spielen wie dieses Szenario einfach mal durch. Laut dem Rollenbild des Psychologen wäre es vermutlich ohnehin besser, die Transition ganz sausen zu lassen und einfach 100% Vater zu sein. Ja. Und die Sonne dreht sich um die Erde. Schönen Dank auch.

Also, nehmen wir an, ich würde seinem Rat folgen, 10 Schritte zurück machen und die Wochenenden wieder in Männerverkleidung verbringen. Kinder: möglicherweise happy. Ich: dysphorisch. Und alle 14 Tage + Ferien schlöße ich meine Identität in einen Safe und würde Theater spielen. Dabei würde es mir richtig mies gehen, soviel ist sicher. Denn so als „echter Mann“ müsste der Nagellack auch weg. Und die Ohrringe. Am besten kaufe ich auch wieder Männershampoo, verstecke mein MakeUp und lasse mir einen Bart stehen. Tolle Idee!

Bin ich sarkastisch? Ja, bin ich!
Weil diese Idee ausgemachter Unsinn ist und ein Mensch mit einem My Erfahrung mit Transpersonen würde das wissen.

Denn was genau hätten die Kinder jetzt von einem äußerlich präsenten Vater, der aber mit depressiver Stimmung die Wochenenden mit ihnen verbringt?!

Nein, tut mir leid. Das klare „NEIN“, das ich schon während des Gesprächs gegenüber seinem Vorschlag empfand, bestätigt sich mehr als deutlich. Ich hatte seine Idee zwar nicht direkt in den Wind schlagen wollen, um ihm eine faire Chance als mögliche Alternative zu geben. Aber nein, tut mir leid. Ich kann das nicht!!!

Und weißt du was, Tagebuch? Jetzt kommt wieder die Frage nach dem Egoisten. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Denn dieses glasklare NEIN ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die ich schon vor Monaten traf und zu der ich trotz aller Zweifel der letzten Tage brennend stehe, das wird mir gerade klar: ich gehe diesen Weg und es gibt keine Umkehr.

Nur nach vorn, nie zurück. 

Doch bezogen auf die oben formulierte Weggabelung in Richtung eigener Identität (und Integrität) oder den Kindern hat diese Entscheidung einen nicht zu übersehenden Einfluss:

Die Antwort auf die ultimative Frage wäre (und ich hasse mich dafür von ganzem Herzen, aber ich spüre so deutlich, als könne ich es greifen): ich würde mich für meine eigene Identität entscheiden.

Es lähmt mich, diesen Satz nochmal zu lesen. Ich kann es kaum glauben, denn ich liebe meine Kinder über alles. Ich würde sogar für sie sterben, wenn es das Schicksal so verlangen würde. Aber eine Lüge vor mir selbst und der Welt zu leben…das kann ich nicht mehr. Das bringt mich auch um, nur anders. Ich schrieb schon früher darüber, aber gerade wird mir nochmal bewusst, dass der Tod durch die Transition für mich einen anderen, niedrigeren Stellenwert bekommen hat.

Ich wette, wäre diese Seite hochfrequentiert, ich würde viele Schmähkommentare bekommen. Und möglicherweise zu Recht. Doch sagt mir eines: wie kann ich ein guter Elternteil sein, wenn ich mit meinem Leben selbst nicht klar komme und vor die Hunde gehe? Welche Message sende ich meinen Kindern, wenn ich meine Transition aufgebe, um ihnen ein „Vater“ zu sein?

„Gebt euch selbst auf, Hauptsache die anderen sind happy!“ Ist es das, was ich ihnen mit auf den Lebensweg geben will? Nein!

„Steht für euch ein, auch wenn euch der Sturm in die Knie zwingt. Gebt niemals auf und folgt eurem Herzen.“ Schon eher. Sicherlich nicht um jeden Preis und nur auf Kosten anderer. Auf die Balance kommt es an. Und die zu finden, ist brutal hart.

Am Ende des Tages hat mir das Gespräch also nicht viel gebracht. Außer einen entfachten Krieg in mir selbst, der um Verantwortung, Moral und Integrität geführt wird. Ich hätte mir eher gewünscht, mit besserer Perspektive und handfesten Ideen aus dem Termin zu gehen.

Aber letzten Endes komme ich doch zu dem Schluss, dass meine bisherige Herangehensweise auch nicht vollkommen verkehrt gewesen sein kann: mit Offenheit und Transparenz darüber sprechen, die Veränderung leben, erklären und weiterhin liebevoll für die Kinder da sein. Ihnen durch Taten zeigen, dass ich sie liebe. Egal ob als Mann oder als Frau. Als Mensch.

Ich hoffe darauf, dass sie diese Botschaften irgendwann verstehen werden und wir alle sein dürfen, wie wir wirklich sind. Denn dann sind wir wahrhaftig frei und echt.

Ja, dieser heutige Tag zerfrisst mich. Nicht nur meine Stimme. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt…

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4 Thoughts to “Sprachlos”

  1. Bine

    Also, da muss ich mal ganz tief Luft holen.

    Therapeutisch unter aller Kanone. Es sei denn, wir verstehen darunter, Menschen zum Funktionieren bringen zu wollen.

    Zweite Anmerkung: was ist mit der Kindsmutter und ihrem Einfluss auf die Kinder? Drücken die Kinder stellvertretend ihr Unwohlsein aus?

    Dritte Anmerkung: ich verstehe deine Aussage zum Sterben.

    Vierte Anmerkung: die Haltung des Therapeuten kommt feindselig bzw. manipulativ rüber. Unreflektierte Transphobie? Guter Platz für deine Kinder?

    Viele sollte er mal seinen Supervisor zurate ziehen. Oh Mann. Herr, wirf Hirn vom Himmel!

    1. Julia

      Ja, das sehe ich auch so. Ich hatte mich von seiner vermeintlichen Expertise blenden lassen, nachdem ich nun länger darüber nachgedacht und mit einigen Menschen darüber gesprochen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieser Therapeut der total falsche Weg ist. Dank Transberatung habe ich jetzt jemand anders an der Hand und werde alles daran setzen, dass die Kinder dort hingehen können.

      Zur 2. Anmerkung: da bin ich mir sogar ziemlich sicher, würde aber noch einen Schritt weiter gehen. Die Kinder drücken eine in unserer Gesellschaft weit verbreitete Scham und letzten Ende auch Transphobie aus. Mangelnde Toleranz gegenüber anderen Lebensformen, Schubladendenken.

  2. […] berichtete zuletzt über meine Erfahrung mit dem Kindertherapeuten. Erst mit etwas Abstand und nach einigen Gesprächen mit geliebten Menschen wurde mir das Ausmaß […]

  3. […] es etwas abzukürzen: wir endeten bei der Feststellung, dass die Lage vergleichbar ist mit dem Kindertherapeuten damals und einer ähnlichen Lösung bedarf: dem klaren Eintreten für meine Position unter […]

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