Unfähiger Therapeut & ein erhellender Moment

Puzzle mit Frau

Liebes Tagebuch! Die gute Nachricht vorweg: es geht mir heute besser. Das Chaos der vergangen Tage lichtet sich langsam, meine Gedanken dazu haben sich gesetzt, strukturiert und ich kriege langsam wieder Boden unter die Füße.
Puh. Eine erleichterte Träne fließt.

Ich berichtete zuletzt über meine Erfahrung mit dem Kindertherapeuten. Erst mit etwas Abstand und nach einigen Gesprächen mit geliebten Menschen wurde mir das Ausmaß dieses Termins erst so richtig klar: nämlich, dass dieser Therapeut weder für meine Kinder, noch für mich in irgend einer Weise hilfreich ist (im Gegenteil) und wir jemand anders um Unterstützung bitten sollten, gar müssen.

Zu meinem Glück konnte die hiesige Transberatung mir eine Empfehlung geben, nun bedarf es „nur noch“ einer gütlichen Einigung mit der Kindsmutter (weil geteiltes Sorgerecht), um diesen Wechsel möglichst zeitnah vollziehen zu können. Denn eines ist klar: ich lehne die weitere Begleitung der Kinder durch ihn von ganzem Herzen ab.

Aber für eines bin ich ihm dann doch dankbar: nach meinem Down hat er mir durch das Gespräch nochmal deutlich gemacht, wie unumstößlich wichtig, wie existenziell die Transition für mich ist. See? Jede noch so miese Erfahrung hat einen positiven Aspekt.

Und für noch etwas bin ich dankbar:

Zum Einen für meine Leute im OpenCircle und zum Anderen dafür, dass sie sich rührend um mich gekümmert haben, als es mir aufgrund des Gesprächs wirklich miserabel ging. In diesem Zusammenhang erhielt ich einen Textauszug aus dem Buch „Der Schlüssel zur Selbstbefreiung“ von Christiane Beerlandt. Es geht um Transgender und darauf aufbauend um das Thema Identität und Leben als solches. Der Text hat einen stark spirituellen Touch, mit dem ich in diesem Fall nicht allzu viel anfangen kann, aber bei einer Textpassage machte es „Klick“ und ein weiteres Puzzleteil in meinem großen Julia-sammelt-sich-zusammen-Puzzle rastete ein. Es lag lange weitgehend unbeteiligt neben dem wachsenden Gesamtbild meiner selbst, wollte aber nirgends so recht hineinpassen.

Bevor ich also zu der Textstelle komme, kurz zu diesem Puzzlestück:
Schon lange weiß ich, dass ich wahnsinnig gerne neue Dinge ausprobiere. Ich bin fürchterlich neugierig. Genauso gerne starte ich neue Projekte, Ideen, Initiativen. Beruflich wie privat. Sobald diese einen gewissen Reifegrad erreicht haben, verliere ich mein Interesse daran. Ich fand das immer doof, weil es nicht so recht in mein berufliches Leben passen wollte. Dennoch habe es so hingenommen und mich eher gefragt, wie ich diese Eigenschaften vor allem beruflich gewinnbringend einsetzen könnte. Durch die Transition kommt aber ein anderer Aspekt hinzu, der die ganze Geschichte von einer gaaanz anderen Seite beleuchtet. Doch hier zunächst die Textstelle:

Mehrere Stellen (gelb markiert) sprachen mich augenblicklich an:

Intuitiv-sensibel

Ich werde in der Regel von anderen (und von mir selbst) als sensibel und empathisch wahrgenommen. Das passt insofern zu meinem Interesse an neuen Projekten, als dass ich dabei stark auf mein Bauchgefühl höre und dem folge, was sich richtig anfühlt und von dem ich glaube, dass es einen nachhaltigen Nutzen bringen kann. Die Projektideen entstehen selten strukturiert, sondern eher spontan und intuitiv.

Das Empfängliche

Wie ich schon früher schrieb, entspricht „das Empfängliche“ generell viel mehr mir selbst als das eher männlich konnotierte Gebende. Sowohl in sexueller Hinsicht, als und vor allem aber auch im Sinne von „die Meinungen anderer in Bezug auf ein Thema sammeln, abwägen und versuchen, daraus eine faire Lösung zu erschaffen.“ Es hat einen stark inkludierenden Aspekt und selbst der nicht markierte Teil „das Pflegende“ ergibt in diesem Kontext einen Sinn.

Das sich tief inwärts Kehrende

Introvertiert war ich im Grunde schon immer. Ich war ein stilles Kind. Seit jeher nehme ich die Eindrücke der Welt wie ein Schwamm auf (auch wieder „Das Empfängliche“) und beschäftige mich in meinem tiefsten Inneren oft ausführlich damit. Das mag ein Grund sein, warum ich wiederholt als sehr reflektiert wahrgenommen werde und ich empfinde es als großes Geschenk und sehr bereichernd. Allerdings sei auch gesagt, dass diese Eigenschaft dann und wann aufgrund der vielen Eindrücke auch sehr belastend sein kann – Overthinking, you know? Insofern tut mir die schnelle Medienwelt heutzutage gar nicht so gut, aber das nur als Side Note.

Das gebärend aus sich Freigebende

Der Kernpunkt des Textes ist aber dieser hier. Er macht das Puzzleteil so wertvoll. Diese Projektideen und -initiativen haben eine frappierende Ähnlichkeit mit der Erschaffung von Leben, eines Babys. Ich gehe gerne mit neuen Ideen / Themen „schwanger“, entlasse sie in die Welt, wenn ich denke, dass sie „reif“ für das Tageslicht sind (= Geburt) und entlasse sie in das eigene Leben, sobald sie alleine laufen können (= Volljährigkeit). Diese unglaubliche Ähnlichkeit ist mir nie zuvor aufgefallen und es lässt mich beinahe sprachlos zurück. Wie konnte ich das übersehen? Wenn ich dann noch an den Schwangerschaftswunsch denke, den ich neuerdings vermehrt wahrnehme, passt das alles zusammen.

Sind diese meine Eigenschaften Ausdruck meiner Weiblichkeit und mein Weg, etwas zu gebären, wenn ich das schon biologisch nicht kann? Hm.

Zu den restlichen Ausführungen des Textes (es sind einige Seiten) bekomme ich offen gestanden keine echte Verbindung, an vielen Stellen habe ich das Gefühl, dass die Autorin „Transgender“ noch nicht wirklich verstanden hat. Es geht viel um Außenwahrnehmung und um Selbstliebe am Ende und die Kernaussage: du brauchst gar keine OP als Transgender. Du musst dich nur selbst genug lieben.
Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wie kann man/ich in die Selbstliebe finden, wenn der Blick in den Spiegel dauerhaft Leid erzeugt, weil das reale Bild und die vom Hirn erwartete Erscheinung so drastisch differieren? Dauerhafte kognitive Dissonanz ist die Folge. A.k.a. Gender-Dysphorie.

Insofern verstehe ich zwar die Grundidee des Textes, kann dem aber nur bedingt zustimmen. Keine OP zu haben, kommt für mich nicht in Frage. Auch wenn diese aus Sicht der Autorin eine Selbstverstümmelung ist. Für mich ist es eher die Korrektur dessen, was die Natur bei meiner Schwangerschaft ein wenig anders gemacht hat und aufgrund dessen es mir mein Leben lang schlecht ging. Die OP ist also eine Befreiung, keine Verstümmelung.

Möglicherweise sehe ich ja auch noch nicht so klar, wie die Autorin. Mag sein. Ich bin weder weise, noch nehme ich für mich in Anspruch, das alles verstanden zu haben. Das ist eine Lebensaufgabe. Und selbst ein Lebensalter reicht nicht aus. Am Ende stolpern wir doch alle mehr oder weniger planlos durchs Leben, ohne zu wissen, was hinter der nächsten Weggabelung auf uns wartet. Aber wir machen das Beste draus. Et hätt noch emmer joot jejange.

Und am Ende finde ich den Gedanken tröstlich, nicht den totalen Plan vom Leben haben zu müssen. Wer weiß schon, was morgen ist? Agility rules!

Ich glaube, ich zitierte diese Liedzeilen von Juli schon früher, aber sie passen mal wieder so gut:

Die besten Pläne machen keinen Sinn,
Weil ich heute noch nicht weiß
Wer ich morgen bin
Ich geb die Kontrolle ab
Bevor ich sie verlier
Alles was wir haben ist jetzt

(Juli, „Jetzt“)

Naja. Vielleicht hat die Autorin auch einfach Unrecht. Letzten Ende liegt die Entscheidung aber ohnehin bei mir selbst. Und solange es mir besser mit einer OP geht, spricht für mich nichts dagegen. It’s my life, it’s my body.

Jedenfalls hat mir das heutige Puzzleteil einen Schub gegeben. Zum Verständnis, warum ich so bin. Und zu dem Gefühl was es heißt, eine Frau zu sein. Sicher fühlt nicht jede Frau so. Ich aber schon. Und ich merke mehr und mehr, dass dieser Schöpfungsgedanke eine große Rolle für mich spielt. Auf die eine oder andere Weise.

Oder wie ich es vor vielen Jahren in meiner langfristigen Zielplanung schrieb: „etwas von Bedeutung und Dauer erschaffen“.

Passt.

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2 Thoughts to “Unfähiger Therapeut & ein erhellender Moment”

  1. Julian

    Liebe Julia,
    wieder mal ein sehr schöner Text! 🙂
    Dass die Autorin von geschlechtsangleichenden OPs als Verstümmelung redet ist für mich eine absolute Dreistigkeit. Ich sehe es wie du: Für mich bedeuten die Operationen, die ich mir wünsche vor allem Befreiung. Ich sehe sie tatsächlich viel mehr als eine kosmetische, kleine Korrektur, um die falschen Teile anpassen zu lassen. Wie jemand, der seine Nase operieren lässt, weil sie ihm nicht gefällt. Nur eben verbunden mit einem deutlich höheren Leidensdruck.
    Darüber können wir ja auch bei unserem nächsten Telefonat mal reden, ich musste dir aber jetzt einen Kommentar da lassen!
    Dein Julian

    1. Julia

      Danke dir, mein Lieber! Lass uns unbedingt bald mal wieder quatschen!

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