Von Amtsschimmeln, Gefühlen und einem schönen Wochenende

Eislandschaft

Eigentlich ist mir heute nicht so recht nach Schreiben, obgleich durchaus einige nennenswerte Dinge geschehen sind. Ich glaube, die letzte Folge von „Jane, The Virgin“ hat mich mit verheulten Augen jetzt doch dazu getrieben, all dem einen Ausdruck zu verleihen. Verheult vor Rührung, nicht vor Trauer…

*schnief* Ich habe ja früher nie aktiv Telenovelas geschaut. Oder Germany’s Next Top Model (GNTM). Wie ich schon früher schrieb, hat jedoch eine Verschiebung meiner Interessen begonnen, mit der ich trotz Vorwarnung durch meinen Frauenarzt nicht ernsthaft gerechnet hatte. Und so habe ich nun alle Staffeln von „Jane, The Virgin“ geschaut, dabei gelacht, gelitten, mich gefreut und geweint. Klingt das kitschig? Ja, schon. Aber weißt du was? Mir doch egal! Ich liebe es! Ein weiterer Aspekt der mir zeigt, hier doch ziemlich viel richtig zu machen.

Und was GNTM angeht: eine Freundin „verleitete“ mich vergangene Woche dazu (pff…Gruppenzwang :-)) und ich muss sagen: die Werbung geht mir zwar ernsthaft auf den Zeiger, aber insgesamt kann man sich da schon anschauen. Nun kann ein sonst immer zelebriertes Rudelgucken dank Corona nicht stattfinden, aber ich stelle mir das wirklich ganz lustig vor – und erkenne mich beinahe selbst nicht wieder. Aber im positiven Sinn. Und ich frage mich: wo kommt das her? Sind das ernsthaft „nur“ die Hormone oder war das alles schon immer da und ich habe es nur unterdrückt, weil es nicht in mein Bild einer erzwungenen Männerrolle gepasst hat? Hm. Es darf geraten werden, ich weiß die Antwort nicht.

Nun, aber das sei nur als Randnotiz erwähnt. Vielmehr habe ich drei knallharte Themen auf der Agenda. 😉

Der Therapeut des Grauens und ein liebevolles Wochenende mit den Kindern

Auf den Kindertherapeuten brauche ich ja nicht mehr großartig einzugehen. Worauf ich allerdings eingehen möchte, ist meine Gruppentherapie vergangene Woche. Meine Situation wurde recht ausführlich diskutiert, jedenfalls zwischen meinem Therapeuten und mir. Der Rest der Gruppe war bis auf eine Ausnahme leider recht schweigsam, da wurde mir wieder unser Altersunterschied und die verschiedenen Lebenssituationen bewusst. Ich bin die einzige Frau mit Kindern in der Gruppe.

Jedenfalls gab mir mein Therapeut zum einen ein paar gute Tipps und zum anderen positives Feedback. Er bemerkte meine Wut, die ich wegen des Gesprächs beim Kindertherapeuten empfunden hatte und die „Explosion nach außen“, statt nach innen. Letzteres war bisher immer meine bevorzugte Strategie zur Konfliktbewältigung, erstere ist hoffentlich meine künftige – in angemessenem Maße natürlich. Und tatsächlich bemerke ich diese Tendenz in den vergangenen Wochen immer mehr. Wenn mir Dinge nicht gefallen, lasse ich das auch raus und habe weniger Angst vor Konsequenzen als früher. Es ist natürlich ein Prozess, aber mir geht es sehr gut damit. Fühlt sich stark und selbstbestimmt an. Und nach einer Haltung und Position. Sicher ist diese noch nicht gefestigt, das wäre vermessen. Aber ich merke, wie ich mich selbst innerlich stabilisiere, sowie ich in der Transition fortschreite.

Was die Tipps angeht, so reichten diese von einer klärenden eMail an den Kindertherapeuten bis hin zur Unterstützung beim Wechsel des selben. Mein Therapeut bot sogar an, ein Gespräch mit ihm zu führen, um das Thema „Trans“ von Fachmann zu Fachmann zu beleuchten. Wow! Das fand ich großartig!

Von all diesen Alternativen habe ich mich noch für keine entschieden, alldieweil ich die Reaktion der Kindsmutter abwarten wollte, nachdem ich ihr mehr Details geschildert hatte. Da diese Antwort aber – wie so oft bei unangenehmen Themen – möglicherweise nicht kommen wird, liegt der Ball bei mir und ja, ich denke eine freundliche eMail an den Herrn wäre angemessen. Mit dem mittlerweile eingetretenen zeitlichen und emotionalen Abstand wird diese auch sicher deutlich konstruktiver ausfallen, als hätte ich sie vergangene Woche geschrieben. 🙂

Mein liebes Tagebuch, du wurdest so eben Zeuge einer Entscheidungsfindung innerhalb eines Absatzes. 😀

Nun, was mich nach dem vergangenen Karnevalswochenende auch sehr beschäftigt ist der Umstand, dass ich mit meinen Töchtern eine wirklich schöne und lustige Zeit verbracht habe. Wir haben unglaublich leckeren Kuchen gebacken, Brettspiele gespielt, vorgelesen, gekuschelt, waren mit Oma Schlittenfahren und auf zugefrorenen Wiesen Rutschen, haben mit Opa tonnenweise Karnevalsberliner verdrückt, bei einer Online-Karnevalssitzung gesungen und getanzt, das „Nicht-Lachen“-Spiel gespielt und uns dabei kringelig gelacht.

Kann es den Kindern dabei wirklich schlecht gegangen sein? Wenn ja, können sie es sehr, sehr gut verstecken.

Mein Bauchgefühl sagt mir aber: sie hatten viel Spaß und es ging ihnen gut.

Meine Transition war dabei so gut wie kein Thema mehr. Meine größere Tochter fragte mich einen Tag, warum ich mich denn schminken würde, wir würden doch heute nicht rausgehen. Das tat ich natürlich, nachdem mir meine Mutter den Tipp gegeben hatte, das zu tun, damit es mir besser geht. Und es wirkt. Das konnte ich ihr dann natürlich kurz erklären.
Die Kleine war wie eh und je sehr an meinem MakeUp interessiert und wollte von allem wissen, was das denn sei und was man damit macht. Keine Spur mehr von „du siehst aber komisch aus“…

Der Amtsschimmel bringt (weitgehend) frohe Kunde

Mein zweiter Punkt soll nur recht kurz angerissen werden, der er mich emotional und gedanklich nicht weiter beschäftigt. Es ist lediglich ein erfreulicher Haken in meiner Transitions-Checkliste: das Amtsgericht stellte mir am Wochenende das erste Gutachten zu, das ganz in meinem Sinne ausgefallen ist. Ein gutes Gefühl. 🙂
Warum es aber „nur“ eine „weitgehend“ frohe Kunde war? Naja, wie mir bereits in der Gruppe vorab angekündigt wurde, enthält das Gutachten zahlreiche Fehler. Der Name meines Therapeuten ist vollkommen falsch (er heißt plötzlich „Diebels“ mit Nachnamen, was mit dem echten Namen rein gar nichts zu tun hat), einige Fakten entsprechen nicht zu 100% der Wahrheit, aber hey…im Großen und Ganzen geht es um die Kernaussage. Und die ist eindeutig.

Das Gutachten ist positiv.

50% geschafft. Das zweite Gespräch folgt nächste Woche.

Ein Gefühl von Stimmigkeit

Um nochmal eben auf das morgens Fertigmachen und Schminken zurück zu kommen:

Du hast doch sicher schon einmal beobachtet, wie sich Kuchenteig in einer Form von innen heraus langsam in alle Ecken verteilt, bis er alles gleichmäßig ausfüllt. So ähnlich nehme ich seit vergangener Woche meine Weiblichkeit wahr. Sie beginnt, in jede Ritze meines Körpers und meiner Seele zu sickern. Da, wo vorher noch alte, falsche Männlichkeit war, breitet sich nun die wohltuende Weiblichkeit aus. Ganz, ganz langsam. Aber spürbar. Man könnte es auch so beschreiben, als wenn sich der Mond bei einer Sonnenfinsternis langsam passgenau vor die Sonne schiebt und dann wie „eingerastet“ eine perfekte Korona bildet. Nur mit dem Unterschied, dass sich der Mond danach nicht mehr fortbewegt, sondern die Perfektion erhalten bleibt. Genauso wandert langsam ein Gefühl von Stimmigkeit mehr und mehr in meinen Fokus. Nicht immer und nicht jeden Tag. Aber immer öfter. Ist das Integrität? Ist das ein Hauch dessen was man spürt, wenn man sich in seinem Körper und in seiner ganzen Existenz richtig fühlt? Wenn dem so ist, dann kann ich es kaum erwarten, die Korona zu spüren.

Fun Fact: das Wort „Korona“ musste ich gerade nochmal ergoogeln, da ich die ganze Zeit „Aurora“ (abgeleitet von „Aura“) im Kopf hatte, es mir aber falsch vorkam. So finde ich also meine Korona in Zeiten von Corona. Sachen gibt’s, die kann sich niemand ausdenken… 

Ich postete in den vergangenen Tagen ein Vergleichsbild von 2018 und 2021 von mir in den sozialen Medien. Das Echo war umwerfen und hat mich tief berührt. Der Kommentar meiner Cousine hat mich besonders bewegt, da er mein inneres Empfinden widerspiegelt:

Bin sehr beeindruckt! So strahlend hab ich dich noch nie gesehen!

Das glaub ich gerne. So strahlend habe ich mich selbst auch noch nie empfunden…

2018 vs 2021
2018 vs 2021
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