Geschriebener Brief

Noch bis spät in die Nacht trieb mich gestern die eigene Auseinandersetzung mit dem Kindertherapeuten um. Und einem inneren Gefühl (und bestärkt durch meinen Therapeuten) schrieb ich ihm eine eMail, die sich nach einer Nacht drüber schlafen dann gestern morgen auf die Reise machte. Mein Pfahl ist gesetzt. Alles Weitere überlasse ich dem Universum…

Lieber Herr xxx,

ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal für Ihre Zeit und unser ausführliches Gespräch am 08.02. bedanken.

Dieses Gespräch hat mich noch einige Tage danach beschäftigt und emotional sehr bewegt und belastet.

Um mit Ihnen im Sinne der Kinder, aber auch unter Wahrung meiner eigenen Identität in einem offenen Kontakt zu bleiben, halte ich es für notwendig, diese meine gänzlich subjektiven Eindrücke mit Ihnen zu teilen.

Vorweg möchte ich Ihnen das Angebot meines Psychotherapeuten weiterleiten. Er bot an, ein Telefonat mit Ihnen zu führen und sich über die Situation von Fachmann zu Fachmann auszutauschen, sollte Ihrerseits Interesse bestehen. Im Hinblick auf die Unterstützung meiner Kinder würde ich diesen Schritt sehr begrüßen.

Ergänzend sei noch erwähnt, dass meine ältere Tochter am vergangenen Wochenende auf Nachfrage äußerte, dass es ihr besser geht, wenn Sie bei Ihnen offen sprechen kann. Das hat mich gefreut und ich bin froh, dass sie einen Ort hat, an dem sie ihre Emotionen und Gedanken ausdrücken kann.

Was mich jedoch tiefgreifend beschäftigt sind mehrere Dinge:

Ich habe in unserem Gespräch verstanden, dass Sie mit dem Thema Transidentität bis dato noch keine Berührungspunkte in der beruflichen Praxis hatten. Damit stehen Sie sicherlich genauso vor einer neuen Herausforderung wie meine Kinder und ich und letztlich kann dieser Weg nur irgendwie gemeinsam gegangen werden.

Um ganz offen zu sein, war ich am Abend unseres Gesprächs jedoch sehr wütend. Nicht wegen des Umstandes an sich, sondern über den Verlauf unseres Gesprächs. Ich habe mich in meiner Geschlechtsidentität an einigen Stellen nicht verstanden oder gar ernst genommen gefühlt, das fiel mir jedoch erst im Nachhinein auf.

Das von Ihnen im Laufe des Gesprächs gezeichnete Bild einer Familie („Kinder brauchen Mutter und Vater“) löst in mir massive Widerstände aus, da ich mit diesem klassischen Rollenbild absolut nichts anzufangen vermag und auch nicht möchte, dass meinen Kindern derart veraltete Familienstereotypen vermittelt werden. Gerade in der heutigen Zeit, wo homosexuelle Paare Kinder adoptieren und mit ihnen glücklich werden können und alleinerziehende Elternteile oder Patch-Work-Familien keine Seltenheit mehr sind. Dennoch werden diese Kinder auf ihre Weise glücklich und gehen ihren Weg im Leben. Ich glaube fest daran, dass auch meine Kinder diese wunderbare Stärke besitzen, solange sie vom Elternhaus geliebt, gehört, bestärkt und mit einbezogen werden. Und genau das versuche ich seit jeher zu tun. Und genau dann kann eine solche Situation entsprechend integriert am Ende eine wertvolle Lebenserfahrung darstellen.

Und genau diese Stärke möchte ich meinen Kindern im Rahmen meiner zeitlichen Möglichkeiten vermitteln. Daher muss ich ihren Vorschlag (über den ich lange nachgedacht habe), mich an den Wochenenden als Mann zu verkleiden(!), entschieden zurückweisen. Es ist eben nicht „nur Männerkleidung“, sondern es geht hier um meine ureigene Identität, mein innerstes Selbst. Jeder Schritt zurück in diese Richtung ist von Grund auf falsch, fügt mir selbst massive seelische Schmerzen zu und ist daher auch nicht verhandelbar.

Welche Werte würde ich meinen Kindern durch ein solches Handeln vermitteln?

„Verstellt euch, gebt eure Identität auf, Hauptsache andere Menschen sind glücklich.“

Ist es das, was ich meinen Kindern mit auf ihren Lebensweg geben möchte? Sicherlich nicht.

Ich selbst habe versucht, mich mein Leben lang aus Scham für meinen Drang, körperlich weiblich zu sein, an die Wünsche und Normen der Gesellschaft anzupassen, jemand zu sein, der ich nie war. Und am Ende habe ich mit gesundheitlichen Folgen dafür bezahlt. Das soll meinen Kindern nicht geschehen.

Ich wünsche mir für die beiden, dass sie echt sein können. Immer. Authentisch. Wahrhaftig. Egal welche Geschlechtsidentität, welche sexuelle Orientierung sie haben, egal welche Musik sie hören oder welches Essen sie essen. Sie sollen dazu stehen dürfen und können.

Mir ist bewusst, dass Cis-Personen das Gefühl nicht nachempfinden können wie es ist, im falschen Körper geboren worden zu sein. Wie könnten sie auch? Was ich aber sagen möchte ist, dass es in meiner Transition keinen Weg zurück gibt, sondern nur nach vorn. Und zwar in meinem ganz eigenen Tempo.

Dabei kann ich nur versuchen, mein Umfeld bestmöglich mitzunehmen und teilhaben zu lassen. Das tue ich mit Offenheit und Transparenz über meine Transition. Ich schreibe einen Blog und spreche oft mit Freunden, Familie und Kollegen über die Situation, mit ausschließlich positiver Rückmeldung. Ob mein Umfeld am Ende mitgehen möchte und kann, vermag ich nicht zu beeinflussen und liegt auch nicht in meiner Verantwortung. Ich habe aber eine Verantwortung mir selbst gegenüber und weiß, was zu tun ist, um endlich „ganz“ zu sein.

Und natürlich habe ich eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Aber der kann ich nur gerecht werden, indem ich ich selbst und in meiner ganzen Kraft sein kann. Meine Kinder haben nichts von einem (biologischen) Vater, der nur eine Rolle spielt, um alte Rollenklischees aufrecht zu erhalten und dadurch psychisch krank wird.

Ich sehe aber, wie meine Kinder aufblühen, wenn wir Zeit zusammen verbringen, wie am vergangenen Wochenende. Wir haben gemeinsam leckeren Kuchen gebacken, Brettspiele gespielt, vorgelesen, gekuschelt, waren mit Oma Schlittenfahren und auf zugefrorenen Wiesen Rutschen, haben mit Opa einen ganzen Teller Karnevalsberliner verdrückt, bei einer Online-Karnevalssitzung gesungen und getanzt, das „Nicht-Lachen“-Spiel gespielt und uns dabei kringelig gelacht.

Wenn Sie mich fragen, sind DAS die Momente, in denen meine Kinder heilen und lernen, mit der Situation umzugehen. Wenn sie merken, dass sie geliebt werden, dass ich noch immer genauso für sie da bin, völlig egal ob als Mann oder Frau.

Als Mensch.

Mit freundlichen Grüßen

Die Kindsmutter hat den Therapeutenwechsel zu meinem Bedauern abgelehnt, ich hoffe jedoch, dass er sich wenigstens auf ein Gespräch mit meinem Psychotherapeuten einlässt. Denn ein Verständnis der Gesamtsituation halte ich für elementar – auch wenn meine Exfrau das anders sieht. Eine Einigung in derartigen Themen war aber ohnehin nie möglich, da wir grundsätzlich verschiedene Weltanschauungen haben.

Was nun mit dem Thema weiter passiert? Wer weiß das schon? Wie ich schon schrieb: mein Pflog ist eingeschlagen, meine Position klar. Was die anderen jetzt damit machen, liegt nicht mehr in meiner Hand. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass ein aktiven Miteinander zwischen den Kindern und mir maßgeblich zur Besserung der Situation beiträgt.

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