Balance Steine

Mitte Mai 2021. In einem Monat jährt sich meine Selbsterkenntnis, trans zu sein. Ziemlich gewaltige Schritte liegen hinter mir, noch gewaltigere vor mir. Hätte man mir vor 11 Monaten gesagt, wo ich heute stehe, ich hätte die Person für verrückt erklärt.

Insbesondere im ersten halben Jahr ging Vieles sehr schnell. Seit diesem Jahr sind die Meilensteine, von denen ich berichten könnte, in größeren Abständen gesetzt. Das liegt – zumindest zum Teil – in der Natur der Sache. Körperliche Veränderungen brauchen Zeit. Und möchte man die deutsche Bürokratie als Naturgesetz anerkennen: so braucht auch diese Zeit.

Vergangenen Freitag konnte ich mich jedoch nach einem Geduldsmarathon endlich kurz auf den nächsten Meilenstein setzen und mal einen Blick zurück werfen. Der Meilenstein führte die Aufschrift: „Antrag zur Nadelepilation abschicken“. Bei einem zwischengeschobenen Treffen mit meinem Therapeuten sortierten wir noch kurz die notwendigen Unterlagen, fügten seine Stellungnahme hinzu und gerade noch rechtzeitig, 20 Minuten vor Ladenschluss, gab ich den dicken Umschlag bei der Post ab. Und um auf den letzen Metern nicht noch einen Totalverlust zu riskieren, verdoppelte ich das Porto durch ein Einwurfeinschreiben. Sicher ist sicher. Nochmal alle Dokumente zusammenzusuchen würde mich Wochen kosten. Also: Haken dran. Puh! Ein Grund zum Feiern. Ein weiterer, der wegen Corona ins Wasser fällt. 2 Geburtstage, diverse Projekterfolge und Meilensteine in der Transition…bestenfalls „gefeiert“ mit einer saftigen Pizza vom Lieblingsitaliener. Naja…

Nächste Schritte

Doch ich wäre eine schlechte Projektmanagerin, wenn ich mich auf den bisherigen Erfolgen ausruhen würde. Es waren teils hart erkämpfte Etappensiege, doch es verlangt mich nach mehr. Gefolgt von der Frage, was denn mal passiert, wenn die Transition abgeschlossen ist? Dann brauche ich definitiv ein neues Hobby. 🙂

Neben dem Warten auf den Beschluss der Krankenkasse habe ich jedoch schon meine nächste Etappe begonnen und einen ersten Schritt gemacht. Gestern ließ ich mich zum Thema Haartransplantation beraten, was dankenswerterweise in einem Institut nur etwa 30 Minuten von daheim gemacht werden kann.

Die gute Nachricht: mein Spenderhaar (am Hinterkopf) ist sehr dich und kräftig, die Kopfhaut elastisch…alles gute Voraussetzungen. Weniger schön ist der Umstand, dass es am Ende zwei OP’s brauchen wird, um die kahl gewordenen Flächen zu kompensieren. OP #1 wird dabei den Haaransatz abdecken, die Geheimratsecken schließen und einen rundlichen (femininen) Haaransatz zaubern. OP #2 kann dann erst nach einem Jahr erfolgen und schließt die beginnende Tonsur oben auf dem Kopf. Kostenpunkt: knapp 6.000€. Wow. Ob die Krankenkasse das übernimmt? Hochgradig fraglich, aber ich werde es definitiv versuchen. Zumal eine OP langfristig günstiger für die Kasse ist, als mir regelmäßig neue Perücken zu bezahlen.

Das Endergebnis einer solchen Haartransplantation wird man aber wohl erst nach Ablauf eines Jahres bestaunen dürfen, da die mittels FUT-Methode verpflanzten Haare zunächst stressbedingt ausfallen und dann erst nach einigen Wochen wieder zu wachsen beginnen.

Meine Haare sind also ein Langzeitprojekt bis mindestens Ende nächsten Jahres (was die OP’s anbelangt) und bis mindestens 2023 in Bezug auf Haarwachstum. Uff.

Mit zweierlei Maß messen

Aber im Vergleich zur Logopädie stört mich dieser lange Zeithorizont nicht so signifikant. Es gibt klare Schritte und Zeitfenster, die zu beachten sind und danach ist das Thema erledigt. Bei der Logopädie fehlt mir diese Planbarkeit und Übersicht – daher möglicherweise auch der kürzliche Wutausbruch meines inneren Kindes.

Zu meiner großen Überraschung hilft mir hier auch die sonst so hilfreiche Agilität kein Schritt weiter und die einzige Möglichkeit, hier endlich Boden unter die Füße zu bekommen ist, sich noch weitere Quellen neben der Logopädin zu suchen, die einzelnen Komponenten der Sprachbildung aufzudröseln und die einzelnen Schritt so greifbarer zu machen.

Trotz aller Recherchen fand ich bisher keine andere Transfrau mit derlei Schwierigkeiten, was mir etwas zu denken gibt. Ich fragte mich ja schon früher, was ich möglicherweise übersehe und welchen Grund diese innere Ablehnung haben könnte. Während ich den Artikel für mein inneres Kind verfasste und in diese Wut und Ablehnung hinein spürte, kam mir dieses Gefühl plötzlich bekannt vor. Es gab schon vereinzelte Momente in meinem Leben, wo ich ganz genauso gefühlt hatte. Damals bei der Bundeswehr, als ich gezwungen war, nach einem Wochenende mit meiner Freundin wieder in diese Hölle zurück zu kehren. Oder aber im Job, wenn ich eine Aufgabe bekam, die unüberschaubar für mich war und ich keine Mittel hatte, auch nur einen kleinen Ansatzpunkt zu finden, um das Problem zu lösen. Dahinter steckt ein Gefühl von Verzweiflung, gar Hilflosigkeit. Einer Anforderung quasi ausgeliefert zu sein, ohne die Chance zu sehen, die Kontrolle darüber erlangen zu können. Und damit sind wir ganz schnell beim Thema Kontrollverlust und dem darunter liegenden Bedürfnis nach Sicherheit. Fehlendes Urvertrauen.

Fehlendes Urvertrauen.

Sicher auch so ein Thema, über das man Bücher schreiben kann. In Bezug auf meine Transidentität ist das sicherlich nochmal einen besonderen Blick wert. Denn wie kann ein Mensch Urvertrauen erlangen, Vertrauen in die eigene Existenz und die Stimmigkeit der Welt, wenn er sich selbst nie als stimmig und dazugehörig gefühlt hat? Da ist sicherlich jede Biografie anders verlaufen, aber ausgehend von meinen Gesprächen mit zahlreichen anderen Trans*Personen wage ich zu behaupten, dass es vielen so geht.

Schwierig, dieses Urvertrauen nun endlich in der richtigen Identität zu erlernen, wenn das neu zu erbauende Haus auf brüchigem Fundament steht, das es eigentlich erst zu ersetzen gilt. Oh Mann, manchmal kommt es mir so vor – und gerade ist mal wieder so ein Moment – dass ich mein Leben in vielen Aspekten bei 0 beginnen muss. Als wäre ich gerade erst geboren worden. Urvertrauen. Sozialisation. Körpergefühl. Sprechen lernen. Und, und, und. Die Transition ist also gar nicht mal nur eine zweite Pubertät, sie ist viel tiefgreifender, tatsächlich eher wie eine Wiedergeburt – aber mit gewissem Handicap.

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2 Thoughts to “Meilenstein und nächste Schritte”

  1. Bine

    Stimmigkeit. Fiel mir nur gerade ins Auge. Hat es etwas mit Stimmigkeit zu tun?

    1. Julia

      Stimmigkeit in Bezug auf die Logopädie? Hm, vielleicht. Auf jeden Fall ist mein jetziger Stimmzustand alles andere als stimmig für mich. Es wirkt noch immer alles gekünzelt und unecht, auch wenn mir meine Logopädin etwas anderes attestiert. Ich bin mir jedoch unsicher, ob diese Unstimmigkeit am Ende bedeutet, dass etwas in mir meine alte Stimme gar nicht hergeben mag oder ob es schlicht ein Prozess der Gewöhnung ist, weil ich 40 Jahre etwas anderes gehört und meine Muskulatur anders benutzt habe.
      Um auf deinen Artikel Bezug zu nehmen: es hat auch mit Scham zu tun. Gegenüber Fremden (z.B. im Supermarkt) habe ich keine Probleme, meine neue Stimme einzusetzen, auch wenn ich bisher nur wenige Worte halbwegs stabil hinbekomme. Bei Menschen, die mich kenne, bin ich blockiert, schäme mir förmlich. Und dieses Hindernis ist mal mindestens so groß wie damals die Umstellung der Kleidung – vielleicht, weil die Stimme nochmal eine ganze Ecke elementarer ist.
      Fragen über Fragen…mit dem Thema bin ich noch lange nicht durch.
      Vor allem nicht mit der Angst vor diesem hier: was, wenn mein Innerstes einfach meine alte Stimme behalten will und meine neue dauerhaft boykottiert? Verliehe ich dann meine Legitimität als Frau? (Kopfantwort: natürlich nicht!!!)

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