Sackgasse

Heute früh schrieb ich einer Freundin noch: „Alles im Lot bei mir.“ Wie gewisse Faktoren meiner Transition gute Laune binnen Sekunden ins Gegenteil verkehren können, durfte ich gerade wieder am eigenen Leib erfahren und will gerade eigentlich nur zwei Dinge: meinen Gefühlen hier Ausdruck verleihen und weinen.

Für letzteres bin ich gerade zu fokussiert auf das Verfassen dieser Zeilen, aber möglicherweise habe ich danach noch die Gelegenheit, mir mein MakeUp zu versauen.

Also, was ist passiert?

Das bisherige Wochenende genoss ich, ganz allein, ohne Termine und ohne nennenswerte Verpflichtungen. Das gab mir die Gelegenheit, an einigen Stellen bezüglich meiner Namensänderung nachzuhaken, denn so mancher scheint meine Anfragen schlicht zu ignorieren. Für heute hingegen hatte ich etwas mehr vor. Neben der Datenrettung von alten Festplatten für eine Freundin stand noch die Aufnahme eines neuen YouTube-Videos und natürlich meine Logopädieübungen auf dem Programm.

Da die Datenrettung kurzerhand ins Wasser fiel, gab mir das die Chance, mich mal wieder ausführlich dem verhassten (ja, das Wort wähle ich mit Bedacht) Körperhaarwuchs zu widmen. Ein elend zeitaufwändiger Prozess, der Mal für Mal den Wunsch manifestiert, diese Plage möge doch bitte endlich ein Ende haben. Doch das Ergebnis war ok und insgesamt ging es mir damit besser.

Was mich dann aber emotional in den Abgrund riss, waren meine Logopädieübungen. Vergangene Woche stellten meine Logopädin und ich fest, dass mir die Übungen wesentlich leichter fallen, wenn sie mir Dinge vorspricht, anstatt dass ich sie ablese. Nun bin ich hier zu Hause nunmal auf die Übungsblätter angewiesen und verzweifle seit vergangener Woche Tag für Tag an den Übungen. Nicht nur, dass die Übungssätze (beispielsweise „Zwei große Gläser Milch.“) bei einer Aufnahme nach allem klingen, aber nicht nach einer Frau. Nein. Ich habe zudem das Gefühl, dass ich 10 Schritte rückwärts gegangen bin und selbst die einfachsten Laute („fa, wa, ma, me, mi, mo, mu, …“) nicht mehr sauber auf die Reihe kriege. Die Kombination aus den verschiedenen Übungen hat nicht zur Verbesserung der Aussprache geführt, vielmehr habe ich das Gefühl, vollständig die Kontrolle über meinen Stimmapparat verloren zu haben. Alles, was derzeit noch klappt, ich ein höherer Pitch. Der klappt wunderbar. Aber ganz ehrlich? Wenn das der Erfolg von fast 6 Monaten Logopädie ist, muss ich schon hart an meinen Fähigkeiten zweifeln, meine Stimme in den Griff zu bekommen.

Ja, der innere Kritiker ist sehr, sehr aktiv heute. Ach, nicht nur heute. In Sachen Stimme ist er das immer. Wenn er denn wenigstens nennenswerte Fortschritte sehen würde…tut er aber nicht. Und gerade ist mal wieder ein derart frustrierender Moment an dem ich mich frage, warum ich mir diesen Mist eigentlich antue. Nicht die Transition selbst, ich meine die Logopädie. Viele berichten zwar, dass sich mit Logopädie unwahrscheinlich gute Ergebnisse erzielen lassen. Und YouTube-Videos dazu beweisen das auch immer wieder eindrucksvoll. Aber was ist, wenn das nur Ausnahmen sind und ich schlicht „zu blöd“ dafür bin, meine Stimme vernünftig in den Griff zu bekommen? Wozu das alles?

Das Stimmtraining bewirkt im Grunde nur eines: es geht mir schlechter damit, weil ich jedes Mal bei den Übungen zu Hause aufgezeigt bekomme, was ich nicht kann.

Normalerweise bin ich ja ein Mensch, der sich fast alles zutraut. Ich bin der Auffassung, dass ich Großes erreichen kann, wenn ich mich nur entsprechend dafür einsetze. Denn ich glaube an meine Fähigkeit, neue Dinge zu lernen und sie anzuwenden. Und das hat auch bisher fast immer gut funktioniert und sich bestätigt. Doch an diesem einen Punkt stehe ich gefühlt in einer Sackgasse.

Sollte ich da nicht vielleicht einfach eine Kehrtwende machen und eine andere Lösung suchen? Anstatt mich in einer Sache zu verbeißen, die mir meine Lebensqualität verschlechtert, anstatt sie zu verbessern? Und damit spiele ich ganz bewusst auf eine Stimm-OP an, Risiken hin oder her.

Ein Teil von mir hat die Flinte ins Korn geworfen und den Glauben an mich selbst verloren (in Bezug auf die Stimme).

Eigentlich ist Aufgeben für mich niemals eine Option gewesen. Heute aber möglicherweise schon.

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