Giraffe

Puh…heute früh lastet mir etwas auf der Seele. Körperlich spürbar auf dem Brustkorb. Es drückt wie ein Elefant, der es sich darauf bequem gemacht hat.

Was das (möglicherweise) zu bedeuten hat? Dazu komme ich gleich.

Was ist passiert?

Ich berichtete ja über die unzufriedenstellende Situation mit der Fachärztin in Bezug auf ihre fehlende Stellungnahmen für die Bartepilation. Mein Therapeut hatte mir neben meinen wöchentlichen Anrufen noch empfohlen, ihr eine eMail zu schreiben. Immer weiter bohren. Diese Aufgabe hatte ich mir für heute auf den Plan ge- und dann umgesetzt.

Anfangs war die Mail sehr zahm, beinahe devot. Ich nahm Rücksicht auf ihre Überlastung in der Praxis wegen der Corona-Situation und bat recht freundlich um Bearbeitung. Und sollte das nicht möglich sein, doch wenigstens um eine zeitliche Perspektive.

Doch als der Entwurf stand, bohrte sich ein Gefühl von Unstimmigkeit durch mein Hirn. „NEIN!!!“ Sowas konnte ich doch nicht abschicken? Klar, wenn am anderen Ende eine super-empathische Person saß, würde sie vielleicht darauf eingehen. Aber – und da dachte ich zurück an mein Schreiben an den Kinderpsychologen – ein solches Schreiben war viel, viel, viel zu lieb und weichgespült. „Anbiedernd“, wie mein Therapeut damals über den ersten Teil schrieb.

Diesen Fehler wollte ich nicht wiederholen! Also schrieb ich die gesamte eMail um, ohne aber genau zu wissen, wie ich es formulieren konnte. Ich habe auch weiterhin ein gewisses Verständnis für die aktuelle Lage, aber dennoch macht es mich wütend, mich derart in der Luft hängen zu lassen und ohne jegliche Perspektive jedes Mal zu vertrösten. Am Ende stehe ich nämlich morgens vor dem Spiegel, schaue in mein unrasiertes Gesicht und könnte heulen und kotzen zugleich. Warum sollte ich das noch länger erdulden? Die Kapazitätsplanung ihres Personals ist doch nicht mein Problem. Sie hat sich auf einen Deal mit meinem Therapeuten für die Stellungnahmen eingelassen, dann soll sie auch liefern. Immerhin sind seit unserem Termin 3 Monate vergangen. Meine Gutachter waren schneller und die haben teilweise 11 Seiten geschrieben.

In meiner Mischung aus aufkeimender Wut und Verzweiflung suchte ich zunächst nach Möglichkeiten, in derlei Situationen Druck auf Ärzte ausüben zu können. In meinem Job gehe ich notfalls zum Chef der betreffenden Person, bei einer selbständigen Ärztin geht das leider nicht. Es gibt wohl schon Möglichkeiten, sich bei der Ärztekammer zu beschweren, das erschien mir dann gerade ob er aktuellen Corona-Situation etwas überzogen. Ich wollte eben auch nicht wie die Axt im Walde bei der Dame auftreten, sondern ein Ziel erreichen: nämlich die zeitnahe Zustellung meiner Stellungnahme. Also suchte ich Alternativen und da fiel mir wieder einmal die Gewaltfrei Kommunikation (GFK) ein. Bestehend aus Beobachtung, ausgelöstem Gefühl, dahinter stehendem Bedürfnis und einer Bitte.

Und genau so formulierte ich dann meine eMail. Ich beschrieb die Sachlage, was das mit mir macht (Unverständnis, ein Stück weit Verzweiflung, zunehmende Dysphorie durch ausbleibende Epilation und mangelnde Perspektive), mein Bedürfnis nach zeitnaher Beantragung und Beginn der Epilation und dann der Bitte, sich doch bitte für mein Dokument Zeit zu nehmen und es alsbald fertigzustellen. Ich denke, die Mail hatte eine sehr deutliche Message, ich habe meinen Punkt klargemacht, jedoch ohne dabei aggressiv vorzugehen. Giraffensprache, nicht Wolfsprache (vgl. GFK).

Nun kann ich nur hoffen, dass meine Nachricht an die info@-Adresse auf tatsächlich auf ihrem Schreibtisch landet und sie meinem Anliegen nachkommt. Viel mehr, kann ich da wohl aktuell nicht machen.

Was hat also der Druck auf dem Brustkorb damit zu tun?

Ich denke, heute habe ich einen weiteren kleinen Schritt gemacht, für meine Bedürfnisse klar und deutlich einzustehen, ohne dabei aber die gleichwertigen Bedürfnisse der anderen aus den Augen zu verlieren. Dieser Schritt war ein Schritt aus der Komfortzone und hat mich im ersten Augenblick verunsichert, da ich mir nicht sicher war / bin, wie die Reaktion darauf aussehen wird. Was ich jetzt nach ca. 30 Minuten aber merke ist eine deutliche Entspannung.

Es tut sehr gut, meinen Pflock bei ihr eingeschlagen zu haben und für meine Bedürfnisse einzustehen und zu kämpfen.
Es ist richtig befreiend, derart klar und dennoch respektvoll die eigenen Grenzen aufzuzeigen und seinen Teil vom Kuchen einzufordern.

Gut so! Guter Wochenbeginn.

Update 17:00 Uhr

Nach meiner eMail hat sich meine Ärztin soeben gemeldet, die mir bereits bekannte Corona-Notlage nochmals erklärt und in Aussicht gestellt, mir die Stellungnahme am kommenden Montag zukommen zu lassen. Na also. Geht doch! 🙂

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One Thought to “GFK als letztes Mittel?”

  1. […] zu tun. Ich verändere mich auch und vor allem psychisch aktuell in einem rasanten Tempo (siehe heutige Mail an die Ärztin, die ich immer noch feiere), dass das Frühere immer weiter in den Hintergrund tritt – […]

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