Gestern fand ich bei Facebook einen Link zu einer ARTE-Sendung über ein Transgender Mädchen aus Frankreich. Der ruhige und tief bewegende Beitrag löste einiges in mir aus.

Zunächst hier mal kurz der Link zum ARTE Beitrag „Ein Mädchen“.

Sasha ist in dem Beitrag 6 oder 7 Jahre alt. Sie wurde als Junge geboren, äußert aber schon seit sie sprechen kann, dass sie ein Mädchen sei. Die Eltern, insbesondere die Mutter, kämpft um Anerkennung ihrer Tochter und Akzeptanz in der Gesellschaft.

Oft flossen bei mir die Tränen, als ich den Beitrag sah. Einerseits, weil ich Sashas Erleben so gut nachvollziehen kann und andererseits aus Trauer, nicht bereits so früh in meinem Leben diesen Weg beschritten zu haben. Sasha wird man aller Voraussicht nach nicht mehr ansehen können, dass sie mal als Junge geboren wurde, da sie die männliche Pubertät nicht durchlaufen wird. Das war in meinem Fall natürlich ganz anders. Sie wird auch die Chance haben, als Mädchen aufzuwachsen und sozialisiert zu werden. Dinge, für die ich im Augenblick hart kämpfen muss. Die männliche Sozialisierung von 39 Jahren abzulegen, ist nicht einfach. Und wer weiß, ob es jemals vollständig möglich sein wird. Das fängt alleine bei wenig hilfreichen Glaubenssätzen wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ an und zieht sich letzten Endes durch jeden Aspekt des täglichen Lebens.

Der „Kampf“ gegen diese falsche Sozialisierung ist unter anderem auch der Grund dafür, dass mir gerade jetzt in der Anfangszeit (es sind zwar schon 5 Monate, aber irgendwie fühlt es sich noch nach Anfang an) simple Stereotypen weiterhelfen. Allein die Farbe Rosa. Mal davon abgesehen, dass mir die Farbe generell gefällt, lege ich darauf aktuell doch einen gesteigerten Fokus. Überkompensation, wenn man so will. Das Pendel schlägt eben in die Gegenrichtung aus.

Ich habe zwar nicht das Gefühl, es mit dem „Girly Style“ zu übertreiben, ganz im Gegenteil. Dennoch hilft mir die Orientierung an Stereotypen zeitweise weiter, für mich herauszufinden, was und wer ich als Frau denn nun bin. Also auch ein Prozess, den Mädchen in ihrer Pubertät durchleben. Zwar habe ich meinen generellen Platz in der Gesellschaft mit Job, Kindern, Wohnung, politischer und spiritueller Haltung, etc. bereits grundsätzlich gefunden, doch der Aspekt der Weiblichkeit gleicht einem ungeschliffenen Diamanten, der durch Versuch und Irrtum zu seinem glänzendsten Selbst finden muss.

Nun aber noch ein paar Worte zum Titel dieses Artikels. Warum „Alternative Realitäten“ und was hat das mit dem ARTE-Beitrag zu tun?

Wie ich schon andeutete, bewegte mich der Beitrag sehr und wie schon vor einigen Tagen machte ich mir wiederholt Gedanken darüber, wie mein Leben als Mädchen verlaufen wäre. Wie bei Sasha. Und da ich dieser Tage alte Kinderfotos zusammen mit meiner Mutter durchschaute, nutzte ich einfach mal die Möglichkeiten der heutigen Technologie und machte aus ein paar Jungs-Bildern alternative Mädchenbilder.

Zugegeben: FaceApp packt leider beim Wechsel des Geschlechts ordentlich MakeUp mit ins Bild, das ließ sich leider nicht vermeiden. Dennoch mag ich das Ergebnis und die Vorstellung, das sei ich als Kind gewesen. Eines der Bilder habe ich mir gar professionell drucken lassen und werde damit meine Wohnung schmücken. Und ja: das hat auch etwas mit Verdrängung zu tun, da der Schmerz über die verpasste Mädchenkindheit einfach zu tief sitzt. Akzeptanz hin oder her.

Und was soll ich sagen?! Beim Anblick dieser Bilder geht mir das Herz vor (Selbst-)Liebe auf!
Juli, du warst eine süße Maus (auch als Junge, aber so noch mehr)!

Ein Bild auf unserer Terrasse.
Dieses Bild gefällt mir am besten, da es am natürlichsten wirkt, ohne zu viel MakeUp durch die App. Klein-Juli im Garten. :-*
Knethände
Naja, ein bisschen viel MakeUp und ein fragwürdiger Pony, aber die Idee zählt. 🙂
Im Kindergarten
Auch hier: zu viel MakeUp, aber an den Gesichtszügen hat die App nicht viel verändert. Die langen Haaren machen es einfach – sie wirken zwar etwas künstlich, aber hier sitzt doch wohl klar ein Mädchen.
Zwei Schwestern
Da verliebe ich mich ja glatt in meine eigenen Augen…
Little Juli
Beim Durchsehen der alten Fotos fiel mir auf, dass ich doch vergleichsweise oft rosa oder rötliche Kleidung trug, auch in späteren Jahren. Das war mir entfallen. Hier im pinken Schlafanzug (wieder mit zu viel MakeUp aber ganz okayen Haaren für das Alter).

Soviel steht für mich fest: ich wäre ein bezauberndes kleines Mädchen gewesen! #selbstliebe

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2 Thoughts to “Alternative Realitäten”

  1. Interessant, liebe (neue) Cousine, was man mit Bildern machen kann.
    Interessant aber auch, dass du da in der Vght. hängst im „was wäre gewesen, wenn…“
    Ja, so wie auf dem ersten Bild, das warst du immer, zart, eher leise, versteckt, ..verletzlich vielleicht…., aber auch zärtlich behütet! Verträumt, süßer Junge!

    Ich selbst war wohl ein wildes Mädchen, eine, die sich mit Buben maß, ihnen die Stirn bot, schneller Rad fuhr, stärker -was weiß ich-, war. Ich liebt(e) Hosen und all das Mädchengedöns mit Schminke und Tatü war mir ferne. Ich baute Kochstellen, Zelte, Lagerfeuer. Ich wusste gar nie wie das geht mit dem Weiblichen, obwohl meine Mutter die perfekte Frau darin darstellte. So war ich nicht.
    Ich wurde erst in meiner Therapieausbildung mit dem Thema konfrontiert, meine Weiblichkeit zu zeigen, zur Schau zu stellen und verstand gar nichts. … lange Zeit.
    Ja, die Auseinandersetzung hat schon einige Entwicklung gebracht.
    Nur… der Fokus darauf… war mir immer eher zuwider, oder umständlich oder unnötig.
    zB. beim Tangotanzen (und ich tanze leidenschaftlich gerne!), da ging es eher darum welche Schuhe ich an hatte oder nicht hatte, welches Kleid, als dass ich gut tanzen konnte. Nur die Männerwelt wollte sich mit den Frauen schmücken, statt dem Tanz an sich etwas abgewinnen und Spaß dabei haben, es als Dialog zu sehen… Schrecklich, empfand ich dies.

    In erster Linie fühle ich mich als Mensch. Ja auch als Frau. Aber welche Rolle ich da spiele auf der Bühne der Frauen, das bestimme ich selbst.
    Mir ist wichtiger wer und wie ich bin, was ich kann, oder eine andere /ein anderer es ist, aber nicht ob ich in die Klischeerolle passe.
    Ich hatte nie das Gefühl dabei irgendetwas zu verpassen. Doch, es gab eine Zeit, da war ich ärgerlich, dass mir meine Mutter dies und das nicht gezeigt hatte…aber bitte, WIE hätte sie WAS tun sollen? Ich hätte es abgelehnt, das Gegenteil davon gemacht und das hab ich auch so. Ohne ihr Zutun. Irgendwie toll. Sie ließ mich so sein. Sie wollte mich nicht ändern. Wenn ich so schreibe und darüber nachdenke, war ich in der Familie sicherlich der schlimmste, wildeste Junge, (und vielleicht bin ich es noch?), den wir hatten. Was würde mein Bruder dazu sagen?, meine Schwester? Und doch, ein Junge wollte ich nie sein, war ich auch nicht. Das war mir immer klar. Nie war es ein, ich will das oder der oder so sein. Nein, ich wollte ev. eher gleichwertig sein. Ev. eben keinen Unterschied haben zwischen den Geschlechtern…. vielleicht ist es das am Punkt.

    Mein Gedanke dazu: Vielleicht sind wir nicht nur EINS, sondern sind mehr als das biologische, soziale, erzogene, erwartete, vorgelebte Selbst. Ich-als Summe meiner Erfahrungen, meines Lebens, meiner Irrungen, meiner Entscheidungen, neugierig am Weg, staunend was alles möglich ist, lebbar, zu entdecken, in anderen und in mir selbst zu finden.
    Staunend aber auch ob der Vielfalt in dieser Welt. Dass wir doch gar nicht so verschieden,…

    Gute Nacht!

    1. Julia

      In der Tat, liebe Claudia. Dieser Tage hänge ich in der Vergangenheit. In einer imaginären Vergangenheit, die so nie stattgefunden hat. Dieser Umstand verwundert mich selbst, denn das ist normalerweise nicht meine Art und die ersten Monate meiner Transition war das auch gar kein Thema. Es scheint, als sei das gerade dran, um mit mir selbst ins Reine zu kommen und mit dem abzuschließen, was mir aufgrund der Biologie leider verschlossen blieb. Und das ist ein recht schmerzhafter und zugleich befreiender Prozess, denn sehe ich vor allem das erste Foto an (das meiner Auffassung nach am ehesten mir selbst entspricht), so empfinde ich zum einen tiefe Trauer, aber genauso läuft mein Herz voller (Selbst-)Liebe über. Liebe für das, was schon immer in mir lebte. Und tiefe Trauer über etwas, das nie sein durfte und zu oft gewaltsam unterdrückt wurde. Über das, was ich selbst diesem zarten Geschöpf angetan habe.
      Auch das muss ich mir selbst erst noch verzeihen.

      Zwischen deinen Zeilen lese ich Fragen. Was ist eigentlich männlich oder weiblich? Was macht uns zum Mann? Was zur Frau? Und wo sind die Grenzen? Welche Anteile aus beiden Welten vereinen wir vielleicht sogar in uns?

      Das betrifft nicht nur das biologisch, äußerlich sichtbare Geschlecht, sondern auch und vor allem das gefühlte Geschlecht, aus dem sich im Idealfall das Selbst zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt. Auch wenn dieser Prozess oft Jahre oder gar das ganze Leben lang dauern mag.

      Stundenlang habe ich über obige Fragen nachgedacht und diskutiert. Nur um zu dem Schluss zu kommen, dass die Grenzen so dermaßen verschwimmen, dass es kaum mehr möglich ist, gewisse Eigenschaften eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.

      Daher kann ich auch die Frage, die ich anfangs mal gestellt bekam, wie ich denn wisse, dass ich weiblich sei und was diese Weiblichkeit für mich ausmache, nicht mit klaren Worten beschreiben. Es gibt vage Anhaltspunkte, am Ende ist es aber einfach eine tiefe Gewissheit, dass dem so ist. Und diese ist kaum in Worte zu fassen und Cis-Menschen verständlich zu machen. Was sich aber daraus ergibt ist das, was du mit EINS beschreibst. Ich bin zwar bei Weitem nicht nur ein Teil von all dem, aber die Frau, die immer in mir steckte und jetzt die Welt erkunden darf, komplettiert mich und macht aus dem ganzen Chaos meines Lebens: EINS.

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