Liebes Tagebuch, Gerichte haben auf mich seit jeher eine einschüchternde Wirkung. Sie wirken so hoheitlich und mächtig. Und es liegt in ihrer Hand zu entscheiden, ob mein Vorname und Personenstand geändert wird oder nicht.

Und so war es dann heute soweit! Nach meinen ersten morgendlichen Meetings im HomeOffice packte ich meine Siebensachen und fuhr zu meinem zuständigen Amtsgericht. Nicht ahnend, dass der Vormittag noch ziemlich stressig werden würde.

Mit reichlich zeitlichem Puffer kam ich an, fuhr ins örtliche Parkhaus und reihte mich in die Menschenkette ein, die mit 2 Metern Coronaabstand langsam in das riesige Gebäude taperte. Bei der Sicherheitskontrolle machte der Sicherheitsmann in seiner Glasbox große Augen, als er meinen Personal- und Ergänzungsausweis studierte. „Hast du noch nie eine Transperson gesehen“, dachte ich mir. Anyway. Keine Beanstandung, alles gut.
Also erklomm ich die Treppen zum 2. Stock und platzierte mich nach einem kurzen Besuch der Damentoilette im Wartebereich vor dem mir zugewiesenen Gerichtssaal. Den Toilettenbesuch erwähne ich nochmal explizit, da mir diese Art von Alltagsaktivitäten mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen sind, ohne groß darüber nachzudenken. Und so seltsam das vielleicht im Zusammenhang mit einem WC klingen mag: ich fühle mich dort wohl. Richtig. Zugehörig.

Nun saß ich also da und ein Gedanke bereitete mir großes Unbehagen: am Parkhausautomaten hatte ich keinerlei Möglichkeit zur Kartenzahlung gesehen. Als passionierte Kartenzahlerin wurde mir etwas mulmig, da ich keine Chance hatte, akut an Bargeld zu kommen – eine überfällige Überweisung war nämlich noch nicht auf meinem Konto eingetroffen. Ich sah mich schon verzweifelt meine Eltern anrufen und sie bitten, mir Bargeld zu bringen, damit ich meinen Wagen auslösen konnte. Doch ich versuchte, das Ganze positiv zu sehen und davon auszugehen, dass das schon alles gut gehen würde. Auf das Universum ist schließlich immer Verlass. Und am Ende ging auch alles gut. Ein Sparkassenautomat spendierte mir gnädig 10€ (für eine kleine Gebühr von 4,95€…WTF, Sparkasse?!?) und ich konnte mein Parkticket bezahlen. Puh! Danke Universum!

Mit 40 Minuten Verspätung seitens des Gerichts wurde ich dann zu einem gut 15minütigen Gespräch hereingebeten. Die Richterin stellte zahlreiche Fragen über meine Situation. Wie mein Umfeld reagiert habe? Meine Kinder? Ob ich Operationen plane, obgleich dies keine Voraussetzung für das Verfahren sei. Auch fragte sie nach sexueller Orientierung. Eine an sich unzulässige Frage, wie ich durch meinen Therapeuten lernte. Dessen Antwort hätte ich also verweigern dürfen. Aber diese Frage stört mich offen gesagt nicht, auch wenn sie rein gar nichts mit Transidentität zu tun hat. Ich sehe das pragmatisch: wenn es einem positiven Bescheid dienlich ist, soll sie doch wissen, wie ich dazu stehe.

Ein Knackpunkt war anfangs die gesetzliche Formulierung, dass man schon „seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, (seinen) Vorstellungen entsprechend zu leben“, also dem neuen (wahren) Geschlecht. Meinen transsexuellen Lebenslauf las sie nun so, dass dem nicht so sei, weil ich meine Selbsterkenntnis erst dieses Jahr hatte. Glücklicherweise war ich vorbereitet und konnte diese Sichtweise entkräften. Denn ich fühle mich schon mein ganzes Leben lang so, hatte nur nie ein Wort dafür, wusste nicht, dass es dafür einen Begriff gibt. Nannte einige signifikante Beispiele aus meinem Lebenslauf. Das schien ihr zu genügen.

Schlussendlich diktierte sie ihre Notizen in ein altmodisch anmutendes Diktiergerät, konstatierte dabei, ich sei eine „schlanke und große Person“ (wie nett :-)) und schloss mit den Worte, ich wirke sehr entschlossen und klar in Bezug auf meinen Prozess. Sie vermerkte auch Dinge wie mein äußeres Erscheinungsbild (weibliche Jacke mit rosa-grauem Loop, weibliche Handtasche, Schmuck, MakeUp, Perücke, etc.). Die Logopädie und HRT wurden auch genannt. Zudem merkte sie neben dem Diktat an, dass ich eine sehr gute Ausgangssituation habe, da mein Umfeld so positiv reagiert habe. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Und wieder einmal wurde mir deutlich, wie dankbar ich dafür bin – denn das ist keineswegs selbstverständlich.

Nun…wie geht es weiter? Meine beiden Wunschgutachter wurden mir von ihr zugeteilt und sobald der heutige Beschluss im Briefkasten lauert, kann ich mich um Termine für die Gutachten kümmern. Laut Aussage der Richterin kann es durchaus schonmal 6 Monate dauern, bis ich einen solchen Termin bekomme. Uff. Seriously?! Naja…aber offen gestanden sorgt meine offizielle Namensänderung aktuell noch für keinen enormen Leidensdruck. Leidensdruck ist vorhanden, aber ggf. noch 6 Monate ertragbar. Themen wie Bartwuchs und Stimme sind da wesentlich dringender.

Nun denn…möge das deutsche Rechtssystem weiter rattern…

Status Hormontherapie

In den vergangenen Tagen geht es mir mental super. Wenn ich abends durch die Wohnung laufe und mich in den Fensterscheiben spiegle, sehe ich dort ganz klar eine Frau laufen. Und durch mein heutiges, etwas enger sitzendes Outfit (zugegeben: inklusive Corsage) sind tatsächlich weibliche Kurven erkennbar. Ich liebe es und bekomme jedes Mal ein Kribbeln im Bauch! Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich zunehmend: mich. Selbst wenn ich nun abends abgeschminkt bin, glaube ich, weibliche Gesichtszüge erkennen zu können. Das ist nach einem Monat HRT vermutlich totaler Quatsch, aber egal…es geht mir gut damit.

Die Brustwarzen werden auch immer empfindlicher, so dass selbst das herablaufende Duschwasser für Begeisterung sorgt. Wow! Im gleichen Zuge, wie das Gewebe im Brustbereich laaangsam zu wachsen beginnt, stören mich meine männlichen Genitalien immer mehr. Best friends waren wir ja noch nie, aber sie nerven einfach nur noch und sind im Weg. Nicht zuletzt deswegen beantwortete ich die Frage der Richterin, ob ich geschlechtsangleichende OP’s plane, mit einem „Absolut!“ Eine Äußerung, die ebenfalls im Protokoll landete. Recht so!

Schöner Nebeneffekt der Feminisierung: als mich meine große Tochter am Wochenende abends abgeschminkt und ohne Perücke sah, meinte sie nur: „Das sieht voll komisch aus. Mit den Ohrringen und so…mit den langen Haaren sah das ja gut aus, aber so…?!“ Recht hat sie. Aber warum mich das so freut? Bis vor einigen Wochen sagte sie mir noch, ich sehe als Frau komisch aus. Nun ist es anders herum…ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich mich das macht!

Zum Schluss noch etwas zum Thema Emotionen: wie schon in den vergangenen Wochen bin ich deutlich schneller von Dingen genervt als früher. Selbst von Kleinigkeiten. Und bei großen Dingen, die mir gegen den Strich gehen, erst recht. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so…denn es hilft mir, klarer dort Grenzen zu ziehen, wo ich anderen Menschen früher noch erlaubte, meine Grenzen zu überschreiten.

Das ist doch auch Teil einer Pubertät, oder?

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