Vor 6 Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte, die sich mit der persönlichen Entwicklung und Entfaltung beschäftigt. Und mit der Liebe. Damals ahnte ich noch nicht, welche Bedeutung diese Geschichte einmal für mich bekommen würde. Hinter dem heutigen Türchen findet ihr Teil 1 der Geschichte.

Septemberblume – Teil 1

Leise wehte der noch junge Herbstwind durch die letzten Spätsommertage.
Er freute sich, denn er mochte es, wenn durch ihn die bunten Blätter auf den Bäumen zu tanzen begannen und die Kinder fröhlich lachend durch das Laub stapften. Doch die Sonne verspottete ihn, er würde stets zerstören, sie hingegen würde die Dinge wachsen und gedeihen lassen. Ihr Hohn krängte ihn und so zog sich der Herbstwind tagein tagaus am frühen Morgen zurück, um der Sonne aus dem Weg zu gehen. War ihr Tagwerk jedoch vollbracht, so traute er sich in die Welt hinaus und tat das, was er am liebsten tat: die herbstliche Welt kräftig durchpusten, um Platz für Neues zu schaffen, bevor sich Pflanzen und Tiere zur winterlichen Ruhe betteten.

All das hatte er der Sonne schon erklärt, hatte sich gar so sehr ereifert, dass er dabei einige Bäume entwurzelt hatte.

Ein „Psst“ hörte der aufgebrachte Wind eines Tages, als er verdrießlich über ein reifes Kornfeld wehte und über dieses und jenes nachsann. Vor allem kreisten seine Gedanken immer wieder um die Frage, wie er diese unglückliche Situation mit der Sonne lösen könne. „Psst“, machte es erneut.

Der Wind hielt kurz inne und schwebte dann hinab zu dem Ort, von dem das leise Geräusch gekommen war. Er blickte sich um und sah sie: die wunderschönste Blume, die er je gesehen hatte. Was für eine wundervolle Farbe. Dieses kräftige Blau strahlte ihn förmlich an und die nach außen strebenden Blütenblätter glichen einem Feuerwerk. „Wow.“, dachte der Wind bei sich und empfang plötzlich eine innere Ruhe, die er schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte. Wenn er ganz ehrlich zu sich war, konnte er sich an dieses Gefühl überhaupt nicht mehr erinnern.

Er schwieg und betrachtete jedes Blütenblatt, jeden Blütenkelch und sogar die Wassertropfen, die vom letzten Spätsommerregen noch wie kleine Edelsteine bläulich funkelten.

Die kleine Blume hatte all seine Gefühlsregungen bemerkt und blickte ihn unverhohlen an: „Du siehst traurig aus“, sagte sie zum jungen Herbstwind. „War das so offensichtlich?“, fragte sich der Wind. Wie konnte diese wunderschöne Blume, die am Rande dieses Kornfeldes stand, mit einem Blick seine Gefühle erkennen?

Plötzlich war diese alte Trauer wieder da, aber gleichzeitig auch eine unbändige Freude, dass er die kleine Blume gefunden hatte und er endlich von jemandem verstanden wurde.

„Ach!“, seufzte er laut. „Weißt Du, die Sonne und ich… wir mögen uns nicht sonderlich und sie behandelt mich stets schlecht. Sie erkennt weder mein Werk, das ich verrichte, noch versteht sie meine Freude daran.“ Indes schickte die Sonne die letzten Strahlen des Tages vom Horizont. Als der Herbstwind dies bemerkte, zog er sich so schnell er konnte, zurück.

Während der Wind aufgewühlt in Richtung Nacht wehte, beschloss er eines ganz fest: „Ich werde sie wieder besuchen, diese kleine, schöne Blume!“ Etwas hatte sie in ihm zum Klingen gebracht und so pfiff er mit etwas besserer Laune um die Kirchtürme der Menschen und ließ den Wetterhahn ein paar Runden drehen.

Tags darauf hatten die ersten herbstlichen Regenwolken den Himmel fest im Griff und machten der Sonne eine lange Nase. „Die trauen sich was!“, bewunderte der junge Herbstwind sie. „Das würde ich auch gerne können!“

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