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Dieser Artikel soll Mut machen. Euch da draußen. Vor allem anderen transidenten Personen. Denn heute ist etwas geschehen, was mir Mut gemacht hat – und das möchte ich mit euch teilen.

Ihr lieben und treuen Leser*innen,

viele von euch wissen ja bereits, dass ich im Juni meinen Job wechselte und seither in der Personalabteilung für die Agile Transformation meines Arbeitgebers verantwortlich bin. Nun ist dieser Wechsel erst ein paar Monate her, aber es fühlt sich bereits viel länger an. So viel ist seitdem schon passiert und es macht weiterhin riesigen Spaß, mich und meine Ideen endlich kreativ verwirklichen zu können! Mein gleichzeitiges Engagement für die Trans Community im Unternehmen hat dabei durchaus schon zu lustigen Situationen geführt, wenn mich mir bis dato unbekannte Kolleg*innen darauf ansprachen, das sie mich in einem Video im Intranet gesehen hätten. Fame! 😀

Witzigerweise war das nie meine Ambition. Nach meinem Coming Out im Büro befürchtete ich sogar zunächst, meine Geschichte könne für Pinkwashing verwendet werden – was sich jedoch als unbegründet erwies. Mittlerweile bin ich froh, in einer Gruppe mitwirken zu dürfen, die sich im Unternehmen für LGBTIQ*-Rechte und -Angebote einsetzt.

Will sagen: mir wird viel Vertrauen entgegen gebracht und ich erhalte viel Rückendeckung, was eigentlich für alle Menschen selbstverständlich sein sollte, ich erlebe meine gegenwärtige Situation jedoch als großes Privileg. Meine Aussage von damals, mein derzeitiger Arbeitgeber war der bester Ort für ein berufliches Coming Out, ist daher gültiger denn je.
Doch darum soll es hier gar nicht gehen, ich tue mich nur gerade schwer, die Kurve zum heutigen Tag zu kriegen.

Versuchen wir es mal so:
Die letzten beiden Tage fand ein internes “Learning Festival” statt. An diesen beiden Tagen gab es jede Menge Vorträge und Workshops zu den Kernthemen Veränderung und Nachhaltigkeit. Da Agilität und die damit einhergehende Transformation des Unternehmens klar in die Kategorie “Veränderung” fällt, durfte ich ebenfalls eine Session (#weHaveCookies) zu dem Event beisteuern. Und die fand heute statt. Soweit, so wenig Bezug zum Thema des Blogs.

Der Punkt ist aber nun folgender: 
Wenn ich auf die gesamte Vorbereitungszeit meiner Session zurück blicke – und das waren durchaus einige Wochen – machte ich mir nicht einmal Gedanken darüber, was die Teilnehmer*innen der Session über mich denken könnten. Es war mir egal. Und noch nicht einmal das: ich hatte ja nicht einmal darüber nachgedacht! Mein einziger Fokus lag darauf, eine Geschichte zu erzählen, die hoffentlich gut und verständlich ankommt und meine Message transportiert. Und ich denke, das ist mir gelungen.

Ist das nicht der Wahnsinn? Sogar meine noch etwas angeschwollene Unterlippe von der gestrigen Bartepilation war mir ziemlich schnuppe. Ich war in meinem Element. Ich hatte zwei Sachen gefunden, die ich liebe: Agilität und Schreiben – ich denke, ich habe nun auch mit dem sogenannten Story Telling eine berufliche Verwendung für meine Leidenschaft für’s Schreiben gefunden. 🙂
Nichts war heute übrig von der völlig verunsicherten Frau vom Anfang der Transition, die sich nach Möglichkeit aus menschlichen Kontakten zurück zog. Zu Präsentationen wie dieser hätten sie keine 10 Pferde bekommen – aus der Angst heraus, sich lächerlich zu machen. Doch über die Zeit hat sich da einiges geändert. Diese verunsicherte Frau ist schon manchmal noch da, das möchte ich gar nicht bestreiten. Aber sie kann genauso gut für eine Sache brennen und auf der Bühne ihre Frau stehen und davon berichten, wofür ihr Herz schlägt.

Und wisst ihr was? Ich glaube, ohne die Transition wäre das niemals möglich gewesen. Ohne die Transition hätte ich heute nicht vor all diesen Menschen gesprochen. Weil ich vermutlich nie den Mut und die Zuversicht gehabt hätte, meinem Traum zu folgen und den Job zu ergreifen, von dem ich Jahre lang träumte, mich aber für “unwürdig” hielt. Ganz davon zu schweigen, dass ich mich in meiner Haut permanent unwohl fühlte und überhaupt nicht wusste, wer ich eigentlich bin und was ich will.

Kürzlich schrieb mir ein über alles geliebter Mensch in einem Brief, er würde meine Transition hassen und das traf mich sehr hart. Der diesem Brief zu Grunde liegende Konflikt ist ein Thema für sich und ob ich das hier behandeln werde, weiß ich noch nicht. Ich spreche das aber deshalb an, weil im selben Absatz zu lesen stand, dass ich nicht mehr der Mensch von früher sein, sondern jemand fremdes. Und damit hat dieser Mensch noch nicht einmal Unrecht. Möglicherweise versteht ihr meinen inneren Zwiespalt, einerseits den damit verbundenen Schmerz und die Angst dieses Menschen zu sehen, was mir beinahe das Herz bricht. Und andererseits die vielen positiven Aspekte für mich selbst, die eine Session wie heute überhaupt erst ermöglicht haben.

Der frisch geschlüpfte Schmetterling, der sich soeben in die Lüfte erhebt, um die Welt zu erkunden, wird hier und dort noch von dicken Regentropfen getroffen…

Nun, wenn ich über dieses Gleichnis nachdenke, weiß ich gar nicht mehr so recht, ob dieser Artikel wirklich dafür geeignet ist, euch Mut zu machen. Eigentlich wollte ich in die Welt hinaus rufen:

Habt keine Angst, ihr wunderbaren Wesen! Es gibt einen Platz für uns alle, an dem wir so geliebt werden, wie wir sind und wo wir unserer Passion folgen können, ohne unser Wesen verleugnen zu müssen!

Eigentlich wollte ich rufen:

Es gibt Hoffnung, ihr Lieben! Es gibt Hoffnung in einer Welt voller schlechter Nachrichten, Hass und Gewalt. Es gibt auch noch gute Nachrichten!!!

Nun muss ich jedoch feststellen, dass auch diese guten Nachrichten bisweilen mit einem bitteren Beigeschmack daher kommen, der uns mahnend an den hohen Preis erinnert, den wir bisweilen für unsere Wiedergeburt zu zahlen haben.

Doch vielleicht ist das gar nicht der Punkt. Vielleicht sind es gerade diese positiven Momente – in der Transition oder generell im Leben – die uns die Kraft und Zuversicht dafür geben, weiterzumachen. Jedenfalls geht es mir gerade so…

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