[In eigener Sache] Die Zukunft des Blogs

Frau weint

Es scheint die Zeit der Entscheidungen zu sein. An Gelegenheiten dafür mangelt es jedenfalls im Augenblick nicht. Heute habe ich eine weitere Entscheidung getroffen, die ich so eigentlich nie treffen wollte. 

Die letzten 7 Tage waren schwer für mich. Brutal schwer. Ich schlafe kaum, bin müde. Und abends liege bis tief in die Nacht ich wach. Ich schrieb ja bereits darüber, was letzte Woche vorgefallen ist, den Artikel habe ich jedoch aus aktuellem Anlass vom Netz genommen. Dazu gleich mehr. Kurz zum Tagesgeschehen, was recht gut zur heutigen Thematik passt:
Heute war ich bei der erneuten Blutabnahme nach der Umstellung des Hormonpräparats und bereits die Dinge, die ich kürzlich an mir selbst festgestellt habe, deuten auf einen gestiegenen Östrogenspiegel an. Die harten Zahlen wird es kommende Woche geben. An sich total erfreulich, nur bereiten mir vor allem die emotionalen Schwankungen aktuell die Hölle auf Erden.

Und in diesem ganzen Pubertätswust geschahen beinahe zeitgleich zwei Dinge, die am Ende zum Verfassen dieses Artikels führten. Die Umstände dieser Geschehnisse spielen keine Rolle, ich habe aber für mich erkannt, dass ich Konsequenzen ziehen muss, was diesen Blog betrifft.

Seit Anbeginn dieses Blogs bin ich extrem offen mit all meinen Themen umgegangen, die einen Bezug zur Transition hatten. Und bislang kam das – vor allem bei Betroffenen – gut an. Cis-Personen hatten damit tendenziell manchmal so ihre Schwierigkeiten. Zwar gab es immer mal wieder mahnende Stimmen, dass diese offene Strategie der Kommunikation Konfliktpotential in sich trage. Stimmt, tut sie. Dieses Risiko ging ich jedoch bewusst ein, weil meine oberste Prämisse ein möglichst unverstellter Blick auf meine Transition und damit verknüpfte Themen war, damit andere Transpersonen von diesen Erfahrungen lernen und sich vielleicht wiederfinden können. Und um allen anderen einen groben Eindruck davon zu vermitteln, wie es ist, eine Transition zu durchleben. Ich habe vorher mein Leben lang meine wahre Identität verleugnet und vor der Welt versteckt, weil ich davon überzeugt war und weiter bin, dass sie damit nicht umzugehen vermag.

Ein Song von Avril Lavigne heißt „Dare to love me.“ Es wagen, mich zu lieben. Beim Hören dieses Songs musste ich viel über dieses Versteckspiel und Unterdrücken des Selbst nachdenken und stellte mir wiederholt die Frage: wer in aller Welt würde es wagen, mich zu lieben/akzeptieren? Also im Endeffekt mit dieser Offenheit hier im Blog oder auch anderweitig umzugehen? Leider muss ich nach gut 41 Jahren feststellen, dass dieser Personenkreis sehr begrenzt ist.

Nun, beide oben genannte Vorfälle hängen jedenfalls im weitesten Sinne mit einer solchen Überforderung von Menschen zusammen, was Zeit meines Lebens den sicherlich wenig hilfreichen Glaubenssatz „Deine Gefühlswelt ist für andere Menschen viel zu überwältigend und damit bedrohlich. Deine Gefühle sind gefährlich!“ in mir verankert hat. Und so fühle ich noch heute, denn selbst im Laufe der Transition wurde dieser Satz wieder und wieder bestätigt, wenn Menschen immer mal wieder nicht mit dem Thema umzugehen wussten. So ein Glaubenssatz macht einsam. Nicht wirklich einsam-einsam. Ich meine innerlich.

Daher habe ich schweren Herzens beschlossen, mich selbst und Artikel in diesem Blog in Zukunft zu zensieren. Meine Offenheit einzuschränken. Mich weniger verletzbar zu machen und andere Menschen nicht wieder zu überfordern. Die wirklich tiefgründigen Themen werden also in mein privates Tagebuch oder die Ohren meiner Freundinnen wandern und ein dickes Vorhängeschloss wird sie vor der Welt verbergen. Für alles andere gibt es ja meinen transitionsbegleitenden Therapeuten. Einige Artikel habe ich übrigens bereits offline genommen oder streckenweise gekürzt.

Zweifelsohne, es bricht mir das Herz, mit meinen Beiträgen derart auf diese Welt eingewirkt zu haben.
Und was könnte meine aktuelle Verfassung besser ausdrücken, als ein Zitat aus dem großartigen Film „The Green Mile“:

I’m sorry that I am who I am. – Es tut mir leid, dass ich so bin.
(The Green Mile, von John Coffey)

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3 Thoughts to “[In eigener Sache] Die Zukunft des Blogs”

  1. JUlia (die andere)

    Du wirst Deine Gründe haben und dann ist alles richtig was Du machst!
    Du weisst Du kannst auf uns zählen.

  2. Annemarie Sylvia Meier

    Umgang mit sensiblen Themen und Unverständnis der Mitwelt … Ich denke, es ist die Kunst der Kommunikation. Ein hervorragender Artikel dazu https://hypebae.com/2022/3/why-calling-women-whores-not-an-insult-sex-positive-op-ed
    Er schließt mit dem Absatz „A final word from a proud whore“. Ich habe ja schon mal kommentiert, ich bin trans woman, 65 y o, and have been (27 y ago) a proud whore …

    1. Julia

      Liebe Annemarie, ich danke dir von Herzen für diesen Artikel! Er hat ich sehr zum Nachdenken angeregt.

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