Frau im Regen

In schöner Regelmäßigkeit besucht mich ungefragt die Dysphorie, so auch heute. Ich tendiere mittlerweile dazu, sie meinen ganz individuellen Zyklus zu nennen. Ein dokumentarischer Aktenvermerk.

Dieser Artikel ist eher als Erinnerung für mich selbst gedacht. An Punkten wie heute stand ich schon oft und die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Zu dem Thema habe ich schon viele Gespräche geführt und Artikel verfasst, intellektuell bin ich damit auch weitgehend durch. Emotional stehe ich aber weiterhin vor einer Hürde, die ich nicht zu überwinden vermag. Und um diesen Prozess zu dokumentieren, möchte ich mein Gejammer an dieser Stelle dennoch teilen. Ich bitte um Verzeihung, falls sich Inhalte mit früheren Artikeln wiederholen sollten.

Vom Regen in die Traufe

Ich habe aufgehört nachzuhalten, in welchen Abständen meine „Downs“ getauften Phasen der Dysphorie auftreten. Aber ich kann nach dem Ende der einen Phase sicher sein, dass die nächste in ein paar Wochen kommen wird. Das war mal besser, nachdem ich damals neben Östrogen auch Progesteron begann zu nehmen. Seit der GaOP spielen meine Hormonwerte bekanntermaßen verrückt und die höhere Dosis Östrogen bereitet mir nun wieder öfter diese emotionalen Tiefs. Vielleicht ein Umstand, an den ich mich gewöhnen muss, schließlich habe ich ja durchaus öfters um einen Zyklus gebeten. Here we go!

Dennoch ist das kein typischer Zyklus. Statt einfach nur schlecht gelaunt oder grundlos traurig zu sein, womit ich gut leben könnte, richten sich meine Emotionen in diesen Phasen immer gegen mich selbst. Wie aus dem Nichts grinste mir die Fratze der Dysphorie heute wieder ins Gesicht, nachdem ich die Kinder nach einem schönen gemeinsamen Wochenende zu ihrer anderen Mama gebracht hatte. Es hatte sich schon über die letzten Tage angekündigt, zaghaft und in dem Trubel gut bei Seite zu schieben. Doch so ganz alleine gab es keinen Platz mehr, an dem ich mich hätte verstecken können. Ich wich dem Spiegel aus, hörte auf zu sprechen, versuchte mich nicht anzusehen oder zu berühren. Doch die Welle überrollte mich mal wieder und hinterließ zerzauste Haare, verlaufenes MakeUp, Panda Eyes und Salzflecken auf der Brille.

Dabei hatte der Tag eigentlich ganz gut begonnen. Die Bauchschmerzen und die Übelkeit der letzten Tage waren wie weggeblasen. Seit gestern Abend schon: über die letzten Wochen der Heilung hatte sich ein schwarzer Punkt an der Narbe gebildet, den ich zunächst für getrocknetes Blut hielt. Bei näherem Hinsehen gestern schien dieser Punkt aber immer weiter gen Oberfläche zu streben und schien mit einer Pinzette greifbar. Frisch desinfiziert griff ich nach dem Punkt und erwischte ihn. Ich zog. Und zog. Und zog. Und plötzlich hielt ich einen gut einen Zentimeter langen Faden in der Hand. Den hatte man beim Fädenziehen offenbar übersehen. Interessanterweise ging es mir schon Minuten danach viel besser und seit diesem Zeitpunkt kehrten Übelkeit und Bauchschmerzen auch nicht mehr wieder. Ob sich da nun medizinisch ein Zusammenhang herstellen lässt, kann ich nicht sagen, die Wirkung ist jedenfalls unmittelbar spürbar gewesen.

Tja, doch dann kam wie gesagt die Stille zurück, als die Kinder wieder weg waren. Das ganze Wochenende über hatten beide mich wieder durchweg und intensiv „Papa“ gerufen, auch in der Öffentlichkeit. Doch ich war des Korrigierens zu müde und ließ es geschehen. Immerhin ein Verkäufer auf dem hiesigen Trödelmarkt bezeichnete mich als Mama und zum Abschied rief mich meine Jüngste von sich aus „Juli“.
Als ich zu Hause ankam, starrte ich auf mein Notizbuch. Darin warteten meine Logopädieübungen auf mich. Wie in Stein gemeißelt. Mahnend. Fordernd. Und sehr geduldig. Doch dort warten sie bereits seit meiner letzten Stunde vor gut 2 Wochen. Wann immer ich Zeit hatte und von meinen Notizen stand, um meine Übungen zu machen, schnürte es mir die Kehle zu. Ich konnte keinen Ton herausbringen. Bis heute nicht. Gleichsam sinkt meine Stimme im Alltagsgebrauch stetig ab, die alt bekannten Widerstände sind wieder da. Ich dachte, über diese Phase des massiven Widerstands wäre ich hinweg gewesen, selbst wenn immer mal wieder Tage mit Stimmdysphorie auftraten. Aber diese Form der Stimmlosigkeit und inneren Blockade hatte ich lange nicht mehr. Ich tendiere dazu, die nächste Stunde diese Woche hinzuschmeißen. Aus Scham vor der mangelnden Übung und wegen der inneren Widerstände.

Wann immer ich diese Blockade in mir spüre, sinkt meine Stimmung ohnehin schon ziemlich drastisch. Äußerungen meiner Tochter wie „zum Glück klingt deine Stimme noch immer wie früher“ sind zwar ehrlich, stürzen mich aber nur noch mehr in die Krise. Da helfen auch schwache Verteidigungssprüche wie „Ich habe mich ja gerade auch nicht angestrengt“ nicht weiter.

Ich glaube, heute Abend kam all das auf einen Punkt zusammen und überschüttete mich mit echten Scheißemotionen. Dieses Wochenende habe ich so viele Frauen gesehen. Sie sind einfach Frauen. Leben ihr Leben. Wurden so geboren und mussten für ihre körperliche Weiblichkeit nichts tun. Das machen ihre Chromosomen von alleine. Dieses Geschenk ist mir nicht gegeben worden und ich weiß, dass ich das irgendwann akzeptieren und meinen Frieden damit machen muss. Meistens ist mein mentales Gerüst auch stabil genug, um einem Blick in den Spiegel stand zu halten oder ihm gar manchmal etwas Positives abzugewinnen. Tage wie heute zeigen mir aber, dass ich noch lange keinen Frieden mit meinem Körper schließen kann.

Ich will, aber ich weiß nicht wie.

An Tagen wie heute mag draußen die Sonne scheinen.
Doch ich stehe durchnässt im eisigen Regen und wünsche mir nur, dass dieser (Dysphorie-)Albtraum endlich ein Ende findet…

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